Gegenbauer: "Wehre mich gegen Kastration des guten Geschmacks"
- Erwin Gegenbauer produziert über 70 verschiedene Essigsorten.
- Foto: privat
- hochgeladen von Christine Bazalka
Der Favoritner Essigproduzent Erwin Gegenbauer trennt sich vom Bio-Siegel. Ein Interview.
Welche Ihrer Produkte waren bisher bio-zertifiziert?
ERWIN GEGENBAUER: Unsere Hausessige, der Wiener Essig und unser Bier. Außerdem noch einzelne Öle und Essige.
Warum machen Sie jetzt Schluss mit dem Bio-Siegel? Gab es ein Ereignis, dass das Fass zum Überlaufen gebracht hat?
Diese Biomaschinerie liegt mir schon längere Zeit im Magen. Dass minderwertige chinesische Biokürbiskerne zur Produktion von "steirischem Kernöl" verwendet werden ärgert mich zum Beispiel. Und auf der anderen Seite verwende ich Heidelbeeren, die in der Steiermark auf 2.000 Meter Höhe wachsen, wo der Boden noch nie Dünger gesehen hat, und dafür bekomme ich kein Bio-Zertifikat.
Sie sprechen auch die mit dem Siegel verbundene Bürokratie an.
Ja, wir werden ohnehin schon überreguliert. Mit der verpflichtenden Lebensmittelkennzeichnung und der Allergenverordnung haben kleine Betriebe mit vielen verschiedenen Produkten wie meiner bereits wahnsinnige Kosten. Und dann hole ich mir mit dem Bio-Siegel freiwillig noch mehr Bürokratie ins Haus und zahle auch noch dafür? Wir verwalten nur noch unsere Verwaltung, und ich habe keine Zeit und Energie mehr, neue Produkte zu kreieren und Menschen Freude zu bereiten.
Ist "bio" also nicht besser?
Wenn ich einen schlechten Biosamen verwende, bei dem die Aromen dem schnellen Wachstum geopfert werden, dann habe ich eine schlechte Karotte - egal ob bio oder nicht. Aber Konsumenten sind bereit für "bio" zu bezahlen, obwohl sie den gleichen Dreck kaufen. Wir pflegen auch keine Regionalidiotie mehr. Wenn das Produkt, das 300 Meter weiter weg geerntet ist, besser ist, dann kaufe ich es. Ich wehre mich gegen die Kastration des guten Geschmacks.
Aber ist "bio" nicht eine Orientierungshilfe für Konsumenten?
Nehmen Sie "Biomüsliriegel": Da sind Emulgatoren und Stabilisatoren drin, das ist doch eine Irreführung. Aber natürlich, in Zeit von Lebensmittelskandalen gibt "bio" Sicherheit. Für meine Kinder kaufe ich auch Bio-Milch. Ich frage mich, wie diese Skandale aufkommen, dass Menschen dann vermehrt zu "bio" greifen. Das ist nur eine Frage. Aber es gibt Menschen, die kaufen nicht mehr Lebensmittel ein, sondern nur noch Zertifikate. Aber ab dem Moment, wo sich das Zertifikat auf ein Massenprodukt bezieht, muss man doch einmal skeptisch werden.
Woran sollte man sich denn sonst orientieren?
Nehmen Sie meine Produkte, wo mein Name draufsteht. Ich habe da ein ganz anderes Verantwortungsgefühl als Massenproduzenten. Die Leute wissen, dass ich mich mit meinen Produkten auseinandersetze. Als Konsument muss ich eine Vertrauensbasis zu meinem Lieferanten aufbauen. Wenn ich meinen Fleischer kenne, und ihm sage, wie gut sein Fleisch war, dann will er mir wieder gute Produkte liefern. Das habe ich mit Nestlé nicht.
Welche Reaktionen erwarten Sie nach Ihrem Schritt?
Ich habe mir das lange überlegt, es war keine leichte Entscheidung. Ich appelliere daran, dass der Konsument nachdenkt und sich nicht von einer Marketingmaschinerie einfangen lässt. Von der Grundidee ändert sich für mich ja nichts. Wir werden weiter Bio-Lebensmittel einkaufen, sie aber nicht kennzeichnen. Es war mir ein Bedürfnis, mich da einmal zu befreien.
Zur Person:
Erwin Gegenbauer ist für seine hochwertigen und sortenreinen Balsam-, Wein- und Fruchtessige bekannt. Außerdem braut er Bier und röstet Kaffee. Seine Produkte verkauft er am Naschmarkt und in seiner Essigbrauerei in der Favoritner Waldgasse.
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