Perspektiven statt Strafen
Wiener Jugendzentren wollen keine "vollen Jugendgefängnisse"
- Die Wiener Jugendarbeit kämpft aktuell an vielen Fronten. Die Jugendkriminalität stieg in den letzen Jahren stark. Warum man Prävention als Lösung sieht, liest du im Artikel.
- Foto: motortion/Panthermedia
- hochgeladen von Fabian Franz
Seit Jahren sind jugendliche Intensivtäter eines der großen Sorgenkinder in der Kriminalitätsstatistik. Während die Politik mit einer Senkung der Strafmündigkeitsgrenze auf zwölf Jahre liebäugelt, wollen die Jugendzentren Perspektiven schaffen und mit Prävention arbeiten.
WIEN/DÖBLING. Seit einigen Wochen ist die Jugendkriminalität in Döbling verstärkt Thema. Die Polizei verzeichnet vor allem in dichter besiedelten und öffentlich gut angebundenen Teilen Döblings eine Häufung von Straftaten durch teils noch strafunmündige Intensivtäter.
Während die Bezirksvorstehung und die Polizei auf gestiegene Deliktzahlen bei Raub und Einbrüchen verweisen und verstärkten Kontrolldruck fordern, will die Jugendarbeit das Problem an den Wurzeln anpacken und auf Prävention setzen. Im Zentrum steht dabei die Beziehungsarbeit, wie Merivan Kar, pädagogische Bereichsleiterin der Wiener Jugendzentren, betont.
Fehlverhalten klar benennen
Fehlverhalten wird in den Jugendzentren und im Rahmen der mobilen Arbeit des Teams "19KMH" klar thematisiert und aufgearbeitet: "Wir reden natürlich mit den Jugendlichen darüber, wenn sie etwas gemacht haben, was einfach nicht richtig ist, und verurteilen das auch – aber ohne zu sagen: ‚Du bist schlecht.‘ Man kann aber sehr wohl sagen: 'Das, was du gemacht hast, ist schlecht und problematisch'“, so Kar.
Hierfür ist das Team von "19KMH" mit insgesamt fünf Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern im Bezirk unterwegs. Durch das Screening von verschiedensten Social-Media-Kanälen weiß man dabei auch immer, wo die aktuellen Treffpunkte der Jugendlichen sind, erklärt Kar.
- Merivan Kar will auf Prävention setzen.
- Foto: Jugendzentren
- hochgeladen von Fabian Franz
Vor Ort gilt es dann, das Gespräch zu suchen. Viele kommen dabei auch von ganz alleine auf die Teams zu. Wenn Jugendliche auf die schiefe Bahn geraten, ist es laut Kar wichtig, Verantwortung zu vermitteln und auch die möglichen Folgen aufzuzeigen, ohne die Brücken abzubrechen.
"Wenn mir jemand erzählt, dass er etwas angestellt hat, dann wird er von mir meine Meinung hören. Ich stelle klar, warum ich es nicht richtig finde, beispielsweise andere zu verletzen. Man muss darüber reden, was die Tat mit einem selbst macht und was es braucht, damit so etwas nicht noch einmal passiert", so Kar.
Strafmündigkeit senken?
Bezirkschef Daniel Resch (ÖVP) wiederum sieht in der aktuellen Deliktserie ein strukturelles Problem des Strafrechts und fordert Maßnahmen. "Es zeigt sich, dass die Tätergruppen immer jünger werden. Auch wenn die Polizei bereits wichtige Erfolge erzielt hat, braucht es dringend geeignete Maßnahmen, um auch gegen unter 14-jährige Intensivtäter wirksam vorgehen zu können. Hier ist das Justizministerium gefragt, rasch Lösungen zu finden", so Resch. Auch die Freiheitlichen möchten das Alter für Strafmündigkeit auf zwölf Jahre herabsetzen.
- Bezirkschef Daniel Resch (ÖVP) fordert politische Lösungen wie etwa eine Strafmündigkeit ab zwölf Jahren.
- Foto: Valentina Marinelic/MeinBezirk
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Dem steht Kar jedoch skeptisch gegenüber: "Volle Gefängnisse und frühe Vorstrafen würden Zukunftsperspektiven rauben und die Probleme nur verschärfen." Vielmehr müsse bereits bei den familiären Strukturen angesetzt werden. Eltern sollten echtes Interesse am Alltag ihrer Kinder zeigen, sich mit deren Medienkonsum auseinandersetzen und ihnen klare Tagesstrukturen bieten.
Dennoch sei Jugendarbeit kein Allheilmittel, sondern Teil eines großen Netzwerks, das auch im 19. Bezirk eng mit Schulen und der Polizei kooperiert. Das Ziel bleibt ein nachhaltiges, friedliches Miteinander, das durch Vertrauen, Perspektiven statt durch Wegsperren erreicht wird.
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