31.08.2017, 01:00 Uhr

Blinder Läufer erhält Medaille erst nach 42 Jahren

Harald Rother auf seiner Stammstrecke an der Prater Hauptallee.

Als Blinder könne er nicht bei den Sehenden mitlaufen, hieß es 1975. Diese Woche - nach 42 Jahren - erhielt Rother doch noch seine Medaille.

LEOPOLDSTADT/BRIGITTENAU/LIESING. Als 19-Jähriger rennt Harald Rother im Jahr 1975 für den Wiener Athletik Sportclub (WAC) bei den österreichischen Staatsmeisterschaften als drittschnellster ins Ziel. Seine bronzefarbene Medaille erhält er heute - 42 Jahre später. Das Problem: Rother hat nach Komplikationen bei der Geburt ein Sehvermögen von rund einem halben Prozent, die Staatsmeisterschaft jedoch sei keine "Behindertenveranstaltung", die Medaille wird ihm aberkannt. 

"Ich habe mich umgedreht und bin nach Hause gegangen - barfuß!", erinnert sich der heute 60-Jährige. Sein Glück: Der Generalsekretär der Österreichischen Leichtathletik-Verbandes, Helmut Baudis, bekam Wind von der Story und nahm sich um den Fall an. Am Montag, 28. August 2017, nach über vier Jahrzehnten, überreichte man Rother im Beratungszentrum der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs dann doch noch seine Medaille. "Eine Genugtuung", so Rother. "Ich bin mit meinen sportlichen Erfolgen oft auf Unglauben oder Gespött gestoßen. Ich habe mir über dieses Thema ein Schweigen auferlegt - mit dieser Medaille ist dieses Schweigen gebrochen!". 
 

"Ich habe in meiner Jugend nichts ausgelassen"

Der geborene Leopoldstädter ist zwar von Geburt an blind, als Behinderung habe er das jedoch nie empfunden. "Behindert haben mich immer nur die anderen gesehen", so Rother. Schon als Jugendlicher rennt er regelmäßig auf der Prater Hauptallee, fährt mit dem Rad in Begleitung seines Bruders bis ins Burgenland. Als 18-Jähriger legt er die Halbmarathondistanz von 21,1 Kilometern in 1:19 h zurück, auch eine Olympiateilnahme war damals im Gespräch. "Ich habe in meiner Jugend nichts ausgelassen", erinnert sich Rother.

Seit 2001 wohnt der 60-Jährige in Liesing, zwei bis dreimal die Woche kommt er immer noch zur Hauptallee um seine Runden zu drehen - alleine, mit der S-Bahn. Ausgestattet mit einem speziellen Gehstock sieht er sich weniger als "blinder Athlet", denn als "einarmiger Athlet". Oft werde er bei seinen Läufen von anderen Joggern oder Radfahrern angequatscht, lang ist die Liste von netten Bekanntschaften und guten Erfahrungen hier auf der Allee. "Einmal bin ich gegen einen Hydranten gedonnert", so Rother. Die Folge war ein Leistenbruch. "Aber", lacht der 60-Jährige, der Herrgott richtet meine Feinde, der Hydrant ist jetzt verrostet". 

"Die war lässig, gut gekleidet"

Gelernt hat Rother Masseur. Wegen seiner stark eingeschränkten Sehfähigkeit galt er damals jedoch als "unvermittelbar". Abhalten lies er sich davon nur wenig. Ehrenamtlich betreute er stattdessen Behinderte, machte mit ihnen Ausflüge, half ihnen beim Einkaufen. "Wie kann ein Behinderter einen Behinderten helfen?", war damals die gängige Reaktion. Auch das beeindruckte Rother nur wenig. Mit einem Kollegen, der im Rollstuhl saß, seien sie auch mal gemeinsam ins Sacher gegangen, lacht der 60-Jährige. Diese Tätigkeit führt er bis heute aus. "Fast jeden Tag besuche ich jemanden, der sich freut, wenn ich komme", so Rother. 

So richtig zu "behindern" scheint Rother das Blindsein nicht. Auf fünf Meter könne er ohnehin Umrisse erkennen. Einmal habe er aus Versehen eine Schaufensterpuppe nach dem Weg gefragt. "Die war lässig, gut gekleidet", lacht er los. Und Lachen, so macht es den Anschein, ist überhaupt sein liebstes Hobby. Lachen und ab und an "die Leid veräppeln", grinst Rother und packt sogleich die nächste seiner Stories aus. Egal ob Fiakerfahrer oder Polizist, jeden nimmt er gern mal aufs Korn. "Ich mache viele positive Erfahrungen und strahle deshalb wohl auch viel Positives aus". 

Laufen, Walken, Schwimmen

Und obwohl blind geboren erholte sich seine Sehfähigkeit bis auf sieben Dioptrien. Im Jahr 1989 habe er eigentlich das erste Mal im Leben richtig sehen können. "Ich war farbensüchtig", so Rother. Im Fernsehen habe er dann ständig Radrennen geguckt, nicht weil ihn der Sport so außerordentlich interessierte, sondern weil ihn die neonfarbenen Trikots der Radler so faszinierten. Durch einen Unfall verlor Rother 2010 sein Augenlicht wieder nahezu komplett, wirklich von seinem Lebensweg abzubringen scheint in das nicht. Nach wie vor geht er Laufen, Walken, Schwimmen und mit Blick auf seine 60 Jahre konstatiert er, "Ich lebe ein zufriedenes Leben".
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