26.06.2016, 16:00 Uhr

Der Gemeindebau als Erlösung

Die Erfolgsgeschichte des Gemeindebaus erzählt Autor Christoph Mandl in seinem Buch "Wiener Wohn-Sinn".

Von der Kübelsiedlung zum Wohnkomplex mit Greißler und Tanzstudio.

WIEN. Die Eltern von Herma S. mussten 1.700 Stunden arbeiten, um eine der begehrten Wohnungen in der Weißenböcksiedlung zu ergattern. Den Mietvertrag unterschrieben sie im Jahr 1924 – und die Siedlung wurde "liebevoll" Kübelsiedlung genannt: Die Wohnungen waren mit einer Senkgrube im Garten ausgestattet.

Herma S. lebt bereits ihr Leben lang in ihrer Elternwohnung, inzwischen jedoch mit Innenklo und allen möglichen Annehmlichkeiten.

Autor Christoph Mandl besuchte Gemeindebaumieter in ganz Wien – und erzählt ihr Leben im Buch "Wiener Wohn-Sinn", erschienen im Verlag tredition. Grund für diese Liebesgeschichte: Auch Mandl startete seinen Aufstieg im Gemeindebau.

Luxus Badezimmer

In den 1970ern zog er in den Salvador-Allende-Hof in Simmering. "Es war eine Erlösung, als meine noch sehr kleine Familie aus dem Zimmer-Küche-Altbau mit Außenklo und Innenkaltwasser ausziehen konnte", so Mandl. Schon das eigene Bad und der Balkon waren Luxus – auch wenn kaum ein Tisch Platz hatte.

Eine typische Geschichte, die erklärt, warum der Gemeindebau seit den 1930er-Jahren eine beinahe durchgehende Erfolgsstory ist.

Auch der Karl-Seitz-Hof in Floridsdorf hat es Mandl angetan. "Das ist eine eigene Stadt in der Stadt", so der Donaustädter. Hier war alles Notwendige mit eingeplant: Vom Waschsalon über den Greißler bis zu den Gemeinschaftsräumen und dem Arbeitertheater fand man in dem Jedlseer Bau beinahe alles, was heute in den "Smart Citys" geplant wird.

"Nach dem Aus fürs Theater eröffnete Schwebach hier eine Tanzschule, ganz nach dem Motto ,Proletarier aller Länder, bewegt euch rhythmisch'", so Mandl über die Anziehung, die der Gemeindebau noch heute ausübt.

Anton Brenners Wohnetui

In der Rudolfsheimer Rauchfangkehrergasse schlummert noch ein Gemeindebau-Wohnjuwel der besonderen Art: Architekt Anton Brenner hat hier 1924 seine Idee einer perfekten Klein-Wohnung realisiert. Statt Trennwänden findet man Zwischenregale und Einbauschränke oder Durchgänge in kleine Lager- und Stauräume. Schränke werden versenkt und Nachttische werden untertags weggeklappt. So hat eine Familie Platz auf etwas mehr als 30 Quadratmetern …

"Wiener Wohn-Sinn" von Christoph Mandl ist im Verlag tredition erschienen. Erhältlich ist es als Paperback (€ 9,90), Hardcover (€ 19,90) oder E-Book (€ 3,99) im gut sortierten Fachhandel, auf Amazon und bei Thalia.
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Poldi Lembcke aus Ottakring | 26.06.2016 | 17:02   Melden
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