27.07.2016, 08:12 Uhr

"Sie haben kein Gespür"

Josef Mühlbachler: „Junge Landwirte haben Angst vor dem Naturschutz.“

Anzeigenflut gegen Landwirte bringt Bezirksbauernkammer-Chef auf die Palme.

BEZIRK. Mit starken Aussagen hat sich Josef Mühlbachler aus Liebenau zuletzt den Zorn von Behörden auf Bezirks- und Landesebene zugezogen. Wir haben den Obmann der Bezirksbauernkammer Freistadt zum Interview gebeten.



BRS FREISTADT: Was bringt Sie so sehr in Rage?
JOSEF MÜHLBACHLER: Mich ärgert einfach, dass unsere Landwirte so hingestellt werden, als ob sie für Naturschutz überhaupt nichts übrig hätten. Dabei nehmen 95 Prozent unserer Betriebe an Umweltprogrammen teil. Und da geht’s längst nicht nur ums Geld, sondern da steckt eine Philosophie dahinter.

Aber die sogenannten Vertragsflächen für das Agrar-Umwelt-Programm WF sind weniger geworden.

Das stimmt. Leider. Sie sind vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2014 von 650 auf 370 Hektar zurückgegangen, das ist ein Minus von 45 Prozent.

Wie erklären Sie sich diesen drastischen Rückgang?
Die Bauern nehmen die Flächen aus dem Vertragsnaturschutz heraus, weil sie gänzlich unzufrieden sind mit der Naturschutzbehörde – sowohl was die Zusammenarbeit betrifft als auch die Betreuung.

Sie sprechen davon, dass der Vertragsnaturschutz im Bezirk Freistadt mit den Füßen getreten wird. Was meinen Sie damit?
Die Behörden begegnen uns Landwirten nicht auf Augenhöhe. Sie mögen das Gesetz kennen, aber vom Umgang mit Menschen haben sie nicht viel Ahnung. Sie haben auch kein Gespür für die alltäglichen Situationen in der landwirtschaftlichen Arbeit.

Und wie wirkt sich das aus?
Das wirkt sich so aus, dass wir im Bezirk Freistadt – verglichen mit anderen Bezirken in Oberösterreich – eine überdurchschnittlich hohe Anzeigenquote durch die Behörden in Naturschutzangelegenheiten haben. Ich möchte sogar von einer Anzeigenflut sprechen.

Besonders betroffen sind Ihrer Meinung nach Landwirte, deren Flächen in Natura-2000-Gebieten liegen.
Ja, da gibt es ganz klare Missstände aufzuzeigen. So hat ein Landwirt aus Bad Zell auf einer Länge von sechs Metern auf eigene Kosten eine Ufersicherung an der Waldaist vorgenommen. Aus der Sicht von Fachleuten hat er hier perfekte Arbeit geleistet. Aber was war die Folge?

Bitte, was war die Folge?

Er wurde von der BH Freistadt zu 300 Euro Strafe verdonnert. Und als er dagegen Einspruch erhoben hat, wurde die Strafe auf 330 Euro erhöht.

Mittlerweile gelten Sie schon als kleiner Rebell, stört Sie das?
Ich bin kein Rebell, ich habe sämtliche Ortsbauernschaften hinter mir. Unser Protest steht auf breiten Beinen.

Was fordern Sie konkret?
Statt eines Bestrafungssystems sollte es ein Belobigungssystem geben. Wer alle Auflagen erfüllt, sollte die ganze Prämie – nennen wir sie „A-Prämie“ – bekommen, danach wird abgestuft in B, C und so weiter.

Und wenn das nicht passiert? Wenn also das Strafen munter weitergeht?
Dann fürchte ich, dass wir im Bezirk Freistadt große Probleme bekommen. Schon jetzt ist unter den Landwirten eine gewisse EU- und behördenkritische Stimmung zu spüren. Gerade die Jungen sind verunsichert, sie haben zum Teil Angst vor dem Naturschutz. Angst vor dem Naturschutz – das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen ...


Zur Sache: Natura 2000

Natura 2000 ist ein Netzwerk von mehr als 18.000 Schutzgebieten in ganz Europa. Seine Aufgabe ist es, bedeutende Tier- und Pflanzenarten sowie ihre Lebensräume zu erhalten. Grundlage bilden die Vogelschutz-Richtlinie und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. Landwirte, deren Flächen in Natura-2000-Gebieten liegen, haben zahlreiche Auflagen zu erfüllen. Unter den 24 Natura-2000-Gebieten in OÖ befinden sich das Tanner Moor, das Tal der Kleinen Gusen, die Maltsch, die Region Waldaist-Naarn sowie Wiesengebiete im Freiwald – das sind etwa neun Prozent der Bezirksfläche.
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