12.10.2016, 15:44 Uhr

Wenn der Chef selbst anpackt

Josef Felser Bezirksstellenleiter der Wirtschaftskammer im Pongau: "Die Anzahl an Selbstständigen hat sich im Pongau in den letzten 35 Jahren verdoppelt."

46 Prozent aller Pongauer Betriebe sind Ein-Personen-Unternehmen. 97 Prozent sind Klein- und Kleinstbetriebe.

Josef Felser Bezirksstellenleiter der Wirtschaftskammer im Pongau weiß, das im Pongau die Firmenchefs noch selbst Hand anlegen. Im BB-Interview erzählt er warum:
Ist es im Pongau normal, dass der Chef im Betrieb selbst anpackt?
JOSEF FELSER: Aufgrund der überwiegend kleinen Betriebsgrößenstrukturen ist der persönliche Einsatz des Chefs, der Chefin im Betrieb unbedingt notwendig. Bei vielen Klein- und Kleinstbetriebe wird der Chef auch die Tagesarbeit verrichten (im Geschäft, in der Werkstätte, im Lokal stehen, mit dem Taxi fahren etc.). Bei mittleren und größeren Betrieben kommen dann weitere Führungsaufgaben hinzu.

Wie viele Klein- und Kleinstbetriebe gibt es im Pongau?
JOSEF FELSER: Es sind allein 2.336 Ein-Personen-Unternehmen im Bezirk gemeldet. Das sind 46 Prozent aller Unternehmen. Dazu kommt, dass 97 Prozent der Unternehmen unter 20 Mitarbeiter beschäftigen, was das eigene Aktiv sein im Betrieb natürlich nötig macht. Außerdem lässt sich ein Trend hin zur Selbstständigkeit erkennen. Ihre Anzahl hat sich im Pongau in den letzten 35 Jahren verdoppelt.

Kommt es denn auf die Anzahl der Mitarbeiter an, ob und wie viel der Chef selbst macht?
JOSEF FELSER: Das Erfordernis der Mitarbeit ist unabhängig von der Betriebsgröße. Sehr wohl hat die Größe eines Unternehmens Einfluss auf die Aufgabenbereiche des Chefs. Je größer der Betrieb ist, umso mehr ist es erforderlich, sich auf Managementaufgaben zu konzentrieren. Man muss sich von der Tagesarbeit etwas zurückziehen. Der Schwerpunkt der Arbeit verlagert sich in Richtung Planung, Organisation, Mitarbeiterführung und Kontrolle.

Wohin entwickelt sich die Wirtschaft in dieser Hinsicht?
JOSEF FELSER: Hilfstätigkeiten werden immer mehr durch Maschinen und Computer ersetzt. Betriebe brauchen umso notwendiger gut ausgebildete Fachkräfte. Diese können selbständig arbeiten und es kann mehr Verantwortung an sie delegiert werden. Das hat zur Folge, dass zusätzliche Anforderungen an die Chefin, den Chef des Betriebs gestellt werden. Es reicht nicht mehr aus, ein guter Praktiker zu sein, sondern es braucht zunehmend auch Kompetenz bei der Mitarbeiterführung und Organisationsentwicklung.

Hat sich das Verhalten der Chefleute in den letzten Jahrzehnten verändert bzw. hat sich die Hierarchie im Betrieb verändert?
JOSEF FELSER: Die allgemeinen Entwicklungen in der Gesellschaft haben auch vor den Betrieben nicht Halt gemacht, der autoritäre, hierarchische Führungsstil, bei dem ohne Einbindung der Betroffenen Entscheidungen gefällt werden und kein Widerspruch akzeptiert wurde, hat sicher stark abgenommen. Auch wenn wir aktuell eine hohe Arbeitslosigkeit haben, suchen Betriebe teilweise verzweifelt nach gut ausgebildeten und motivierten Mitarbeitern. Solche Fachkräfte, von denen verlangt wird, dass sie Aufgaben eigenständig durchführen können, kann man nicht autoritär führen, sondern nur kooperativ, durch Einbindung der Mitarbeiter in die Entscheidungsfindung und durch entsprechende Wertschätzung (Wertschätzung ist Wertschöpfung). Natürlich muss die Zielrichtung vorgegeben, muss Leistung verlangt und auch die Umsetzung der Aufgaben kontrolliert werden.

Welche Vorteile bringt es für Betriebe, wenn der Chef auch Mitarbeiter ist?
JOSEF FELSER: Wenn der Chef auch in die Tagesarbeit eingebunden ist, kann er unmittelbares Vorbild sein. Es kann ein Leistungsanspruch verlangt werden, der selbst vorgelebt wird. Man kennt die täglichen, praktischen Herausforderung und man ist nahe am Kunden. Dadurch können schnelle und praxisnahe Entscheidungen getroffen werden.

Gibt es auch Nachteile?
JOSEF FELSER: Es besteht die Gefahr, dass man durch das Tagesgeschäft und die zahlreichen täglichen kleinen und größeren Herausforderungen den Blick auf das Gesamte, auf die strategische Ausrichtung des Betriebes verliert. Marktentwicklungen müssen frühzeitig erkannt werden, die Personalplanung längerfristig angelegt werden oder auch eine Betriebsübergabe rechtzeitig vorbereitet werden. Die Rahmenbedingungen ändern sich immer schneller, was gestern richtig war, kann morgen schon nicht mehr zielführend sein. Die Herausforderung besteht darin, sich immer wieder von den Problemen des Arbeitsalltages zu lösen, um sich der Unternehmensentwicklung und der erfolgsentscheidenden strategischen Planung zu widmen.
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