19.04.2016, 17:30 Uhr

Fehlender Augenarzt bereitet Sorgen

Bei der augenärztlichen Versorgung im Bezirk Reutte fehlt derzeit ein Kassenarzt. (Foto: Archiv/PC)

Die augenärztliche Versorgung im Bezirk Reutte sorgt immer wieder für Debatten. Ein Kassenarzt fehlt.

AUSSERFERN (rei). „Für mich ist das ein Missstand“, ließ uns ein Reuttener wissen. Er machte seinem Unmut Luft, dass es in Reutte keinen Kassenarzt für Augenheilkunde gibt. Seine Frau musste erst kürzlich selbst miterleben, wie unangenehm das werden kann, wenn man spontan einen Augenarzt braucht.

Problem bekannt

Bei der Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK) ist das Problem hinlänglich bekannt. „Auf die bisherige Ausschreibung der Tiroler Ärztekammer hinsichtlich der Augenarztstelle Reutte hat sich noch kein Bewerber gemeldet. Die TGKK ist gemeinsam mit der Tiroler Ärztekammer um eine möglichst rasche Nachbesetzung bemüht, wir nehmen die Situation sehr ernst“, ließ man uns auf eine entsprechende Anfrage wissen.
Ärzte zu bekommen, die breit sind im ländlichen Raum zu praktizieren, ist schwierig geworden. Bei der TGKK erkennt man aktuell zwei große Probleme: Zum einen tendieren insbesondere Fachärzte oft zu einer Niederlassung im urbanen Raum, zum anderen sinkt die Zahl der Bewerber um offene StelIen tendenziell.
Dennoch sieht man bei der Gebietskrankenkasse eine bedarfsgerechte Versorgungssicherheit „mit jungen, engagierten Ärztinnen und Ärzten“.

Europaweit ausgeschrieben

Klingt gut, ändert aber nichts daran, dass es im Bezirk Reutte seit 2014 keinen Augenarzt mit Kassenstelle gibt. „Wie Doktor Bitterich in Pension gegangen ist, haben bei uns allen die Alarmglocken geschlagen“, versichert Bundesrätin Sonja Ledl-Rossmann. Sie bescheinigt den TGKK-Verantwortlichen größtmögliche Bemühungen, die Stelle nachzubesetzen: „Die Kassenstelle wurde europaweit ausgeschrieben, aber es hat sich bislang niemand gefunden, den es nach Reutte zieht“, stellt die Politikerin fest.
Zwar gibt es in Reutte eine Augenärztin, die praktiziert aber als Wahlärztin. „Schade“, findet Ledl-Rossmann. Der Wunsch, dass die ortsansässige Ärztin auch die Kassenstelle übernimmt, wird nicht erfüllt.
Unser eingangs erwähnter Anrufer machte sich also selbst auf die Suche und fragte in Imst bei Kassenärzten nach. Einen Termin bekam er für seine Frau leider nicht. Nächste Station war dann das Allgäu. Weil dort ein Augenarzt „Einsehen“ hatte, wurde das Problem schließlich behoben.

Ärzte müssen behandeln

Bei der TGKK kennt man das so nicht: „Reuttener TGKK-Versicherte mit akuten Augenproblemen können im Moment auf die beiden Vertrags-Augen­ärzte in Imst – Fr. Dr. Dosch und Dr. Herbert Lechner – ausweichen. Auch der in Landeck befindliche Kassenarzt Dr. Walter steht zur Verfügung“, heißt es in einer Stellungnahme. Und Nachsatz: „Für Kassenärzte besteht die vertragliche Verpflichtung, Patienten zu behandeln. Wir haben dazu mit der Ärztekammer das Tarifsystem entsprechend angepasst, sodass Kassenärzte leistungsgerechter entlohnt werden.“
Behandlungen im benachbarten Allgäu sieht man sowohl bei der TGKK als auch auf politischer Seite als gangbaren Weg, „aber die Zusammenarbeit ist schwierig, weil auch dort die Kapazitäten fehlen“, weiß Ledl-Rossmann aus diversen Gesprächen. Und die Gebietskrankenkasse merkt an, dass „nochmalige Gespräche mit der AOK Bayern stattfinden, mit dem Ziel, auch im angrenzenden bayerischen Raum wieder eine möglichst unkomplizierte, zusätzliche Versorgung sicherzustellen.“
Keine guten Aussichten also. Da ist es auch kein Trost, dass man seitens der TGKK versichert, „die Sorgen und Bedürfnisse der Reuttener sehr ernst zu nehmen. Die augenärztliche Versorgung ist in ganz Österreich – auch teilweise sogar im Krankenhausbereich – sehr angespannt. Nur wenige Ärzte werden ausgebildet und orientieren sich meist eher am urbanen Raum.“

Dauerthema in Tirol

Ledl-Rossmann versucht mit anderen Mitstreitern Lösungen auf politischer Seite herbeizuführen, „aber die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum ist zum Dauerthema geworden!“ Ledl-Rossmann kann sich auch noch an jene Zeit erinnern, wo man darum kämpfte, einem Arzt auch eine Kassenstelle zu geben, „heute haben wir Kassenstellen, aber keine Ärzte.“
Seitens der Gebietskrankenkasse ist man sich bewusst, dass die alternde Gesellschaft mehr ärztliche Leistungen vor Ort benötigt. Doch solange es zuwenig Ärzte gibt, wird die Versorgung zunehmend problematisch.

Hausärzte als „Schlüssel“

Seitens der TGKK möchte man daher den Hausärzten künftig eine stärkere Rolle zukommen lassen. „Der Hausarzt ist der Schlüssel für eine Entlastung des Gesundheitssystems“, ist man überzeugt. Außerdem sucht man nach neuen Zusammenarbeitsformen und attraktiven Honorierungspaketen. Als positives Beispiel, wie es gehen kann, nennt man das Modell der Kinderarztpraxis in Reutte. Hier kümmern sich mehrere Ärzte und diplomierte Pflegerinnen gemeinsam um die kleinen Patienten.

Strukturplan bis 2020

Im Rahmen des „Regionalen Strukturplan Gesundheit 2020“ wurde der Versorgungsbedarf bis 2020 erhoben – sowohl für ganz Tirol, als auch für alle Bezirke. Aus den Ergebnissen entwickeln Land Tirol, TGKK und Gesundheitsfonds laufend versorgungsverbessernde Maßnahmen für die Zukunft des Tiroler Gesundheitssystems. Wer ein Augenproblem hat, dem ist damit aber noch immer nicht geholfen.
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