14.03.2016, 17:50 Uhr

"Na Du fiahst di auf do!"

meinte die demente Mutter von Sebastian im Altenheim. Was war geschehen?

eine Kurzbeschreibung einiger der beteiligten Personen:

Franziska war Kellnerin. Sie braucht zum Gehen ein Gestell, das ihren Körper stützt. Wie fast alle, ist sie dement, allerdings ständig unterwegs und darauf aus alles, was ihrer Meinung nach am Tisch nicht mehr gebraucht wird abzuräumen. Egal, ob derjenige vor dem das am Tisch steht will oder nicht. Mit ihrem Gehgestell versucht sie auch an Stellen vorbeizufahren, an denen sie eigentlich nicht durchkommen konnte und so stößt sie immer wieder an Hindernissen oder auch Personen an, denen das natürlich mehr oder weniger weh tut. Die verjagen Franziska dann oder stoßen sie weg. Solche Aktionen quittiert sie dann, in rüdem Kellnerton: "I hau da oane eini!" Sie versucht dann auch zuzuschlagen, was ihr dann immer wieder auch gelingt.

Frau Meier ist die "böse" Frau der Station. Eigentlich stammt sie aus gutem Hause. Doch, da ihr im Heim alle Personen eigentlich zu einfach oder zu nieder sind, kommt es immer wieder zu Konflikten und sie muß ständig alleine sitzen. Natürlich ist ihr das auch nicht recht und verschlechtert beständig ihre Stimmung und innerere Zufriedenheit. Sie kritisiert alles und jedes nichts ist ihr recht und sie artikuliert das auch wiederholt lautstark. Franziska kommt ihr manchmal gerade recht.

Und das ist die Mutter von Sebastian:
Dement aber eigentlich eine gute Seele, mit einer Lebensgeschichte die mit dem frühen Tod des Ehepartners begann. Sie war mit fünf Kindern alleine geblieben und hatte sie alle nicht nur durchgebracht, sondern auch zu rechtschaffenen Männern und Frau erzogen. Angesichts mancher heute geäußerter Bedürfnisse auch von der Ferne betrachtet eine unglaubliche Leistung. Franziska versucht sie auch immer wieder zu schlagen, wenn sie am abräumen gehindert wird.

Sebastian besucht seine Mutter regelmäßig und wird natürlich immer wieder einmal mit diesen Konflikten konfrontiert. Da er sich in erster Linie für seine Mutter zuständig fühlt, erlebt er die wiederholten Konflikte in erster Linie als Beobachter.

Nun geschah es wieder einmal, dass Franziska in ihrem Drang abzuräumen, vieles buchstäblich aus dem Weg räumte und ihre Mitbewohner mit dem Gestell anstieß. "Jetzt kommts scho wieder daher!" meinte seine Mutter und das unvermeidliche geschah. Auf ihrem Weg geriet Franziska mit so einigen in Konflikt und es kam fast zu einer weitreichenden Handgreiflichkeit. Da reichte es nun wirklich und Sebastian sagte deutlich: "Was ist denn mit euch los? Es seid ihr so alt geworden und führts euch auf wie die kleinen Kinder. Ihr sollt höflich sein zueinander. Hörts sofort auf euch zu beflegeln."

Er war wirklich überrascht über die nachfolgende Reaktion. Frau Meier bestätigte in feinem Hochdeutsch: "Sie haben recht wir sollen brav sein!" Franziska schaute auch überrascht und blieb mit offenem Mund stehen.
Sebastians Mutter meinte: "Na du fiahst di auf do!" Und auch die anderen involvierten bestätigten, dass sie nunmehr den Bogen überspannt hatten.

Sebastian hatte für seine Mutter ein Spiel und etwas zum Basteln vorbereitet. Er wollte die Sache nicht einfach so stehen lassen und meinte:
"Kommts wir machen etwas miteinander!" Frau Meier:"Meinen sie wirklich, dass ich das kann?" Es ging darum Papier zu wuzeln und mit den Futzeln dann ein Bild zu vorgezeichnete Linien zu kleben. Nach und nach waren alle mit Futzeln und Mensch ärgere Dich beschäftigt und der Streit war wie weggeblasen. Eigentlich ist es erstaunlich, dass demente Personen Mensch ärgere Dich nicht spielen können. Aber es geht. Egal was im Lehrbuch steht. Sie verstehen es. das Wuzeln dauerte zwar elendig lange, aber sie hatte Freude dabei etwas zu tun. Plötzlich war da etwas gemeinsames wo vorher nur trennendes die Stimmung bestimmt hatte.

Manchmal muß man sich einfach "aufführen" oder mit anderen Worten Zivilcourage zu zeigen und Verantwortung zu handeln übernehmen. Sich etwas trauen, mit dem Risiko voll auf die Nase zu fallen.
Ohne Namen zu nennen: Auf solche Personen in meinem Umfeld haben zu dürfen bin ich stolz. Dass sich jemand um alte Menschen kümmert sowieso.
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