Camp am Wallensteinplatz: Künstlerin wohnt in Bushaltestelle
- Barbara Ungepflegt hat das Geschehen am Wallensteinplatz im Blick. Sie ist Beobachtete und Beobachterin zugleich.
- hochgeladen von Andreas Edler
Das Leben in einer Auslage: Barbara Kremser alias Barbara Ungepflegt hat bis 28. September ihr Lager am Wallensteinplatz aufgeschlagen. Die Aktion soll Kritik an Airbnb und dem Voyeurismus in sozialen Medien transportieren.
BRIGITTENAU. "Darf ich ein Foto machen. Sie waren ja gestern auch im Fernsehen", sagt eine Passantin. Den Fotoapparat hat sie schon in der Hand und die Nase bereits zur niedrigen Tür hinein gesteckt. "Natürlich. Kommen's ruhig rein", sagt Barbara Kremser. Es ist 8 Uhr morgens und Kremser hat in ihrer künstlerischen Rolle als Barbara Ungepflegt die erste Nacht im neuen Heim verbracht: Einer ausgebauten Bushaltestelle am Wallensteinplatz. Kalt und zugig sei es gewesen. Abgase könnten auch noch zum Problem werden. Und als erstes hätte sie ins Gesicht von Sebastian Kurz geblickt. Der sei nämlich schon vor ihr in der Wohnung gewesen – in Form eines Wahlplakats direkt neben ihrem Bett. "Da werd ich heute noch was machen müssen", sagt die Künstlerin.
Dass Passanten ihre Nasen in Kremsers temporäre Unterkunft stecken, ist Sinn der Sache. "Air, Pause, and Peep", also Rasten und Spechtln, heißt das Projekt, für das die 41-Jährige 14 Tage lang im öffentlichen Raum wohnen wird. Die Bushaltestelle am Wallensteinplatz wurde dafür nach hinten erweitert und mit Plastikwänden verkleidet. So ist eine Auslage mit etwa drei Quadratmetern entstanden – gerade groß genug für einen Tisch, zwei Stühle, ein Klappsofa und eine kleine Abwasch samt Campingkocher. "Die eigentliche Bushaltestelle davor ist quasi meine Terrasse", sagt Kremser. Gestern habe sie draußen schon gekehrt. Mehr Sorgen mache ihr jedoch die Glaswand. Die müsse sehr viel geputzt werden. Deswegen sei das wichtigste Utensil des Lagers das Glasputzmittel.

Dem Namen der Bewohnerin wird die Unterkunft zumindest am ersten Tag nicht gerecht. Es ist sauber aufgeräumt, Blumen schmücken den Raum und Ungepflegt ist gerade dabei, das Frühstücksgeschirr abzuwaschen. Fließendes Wasser gibt es auf einer Bushaltestelle natürlich keines. Ebensowenig einen Abfluss. Mit Frischwasser versorgt sie sich am öffentlichen Brunnen, der nur ein paar Meter weiter am Wallensteinplatz zu finden ist. Das Abwasser muss sie schüsselweise hinaus zum Kanal tragen.
Kleinigkeiten des Alltags werden im öffentlich Raum plötzlich zu wichtigen Fragen: Wo duscht man sich, wo geht man aufs WC? "Die öffentliche Toilette am Wallensteinplatz ist mein WC", sagt die Künstlerin. Als Dusche soll ab heute eine übliche Campingdusche mit Vorhang dienen. Barbara Kremser ist für das ganze Programm gekommen. Eine Solarzelle ermöglicht gerade genug Strom für eine Lampe und dem Ladegerät fürs Smartphone.
Kritik an der Plattform Airbnb
Doch die Universitätsprofessorin campiert nicht nur zum Spaß in der Brigittenau. "AIRPNP ist natürlich eine Anlehung an AIRBNB. Durch die Vermietungsplattform werden Stadtkerne sowie schöne Viertel zu Touristenwohnstätten. In der Folge steigen die Mietpreise und die Städte werden zu touristischen Attrappendörfern", sagt Kremser, die im richtigen Leben in der Josefstadt wohnt. Die eigentliche Bevölkerung profitiere davon sicher nicht. Weiters will die Künstlerin auf den ungehemmten Voyerismus in den sozialen Medien aufmerksam machen. "Ich liefere mich dem bewusst aus", sagt sie. Jeder hat in den nächsten zwei Wochen uneingeschränkten Einblick in ihr Heim.
Wie die Passantin mit dem Fotoapparat zeigen sich auch andere Anrainer bereits interessiert an der Aktion. Großteils seien sie überrascht, so Kremser. "Ich glaube, ich tue ihnen hauptsächlich Leid". Lustig seien hingegen die, die auf der Bank auf den Bus warten und so tun, als wäre nichts. Wenn sie dann einsteigen, würden sie doch noch verstohlen ins Kremsers Camp spechteln.
Brigittenauer Bevölkerung spannend
Die Brigittenau hat Barbara Ungepflegt bewusst ausgewählt. "Den 20. Bezirk finde ich super interessant, weil hier die Bevölkerung noch sehr durchmischt ist", sagt Kremser. In den inneren Bezirken würde man durchwegs auf eine sehr homogene Wohnbevölkerung treffen. Der Wallensteinplatz hat aber auch praktische Gründe. Die Fußgänger sollen genug Platz haben und sich das Projekt von allen Seiten anschauen können.
Bis 28. September bleibt Barabara Kremser noch am Wallensteinplatz. In den kommenden zwei Wochen werden wohl noch einige Passanten ihre Köpfe durch die niedrige Plastiktür stecken, vielleicht kurz pausieren und ein bisschen spechtln – pause and peep eben.
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