Zweite Chance endete tödlich
Frau vergab Mörder und wurde ermordet
- Martha McKay vergab dem mutmasslichen Mörder ihrer Mutter & ihres Cousins und wurde schließlich selbst von ihm ermordet.
- Foto: HannahJoe7
- hochgeladen von Marianne Foregger
Im Internet kursiert derzeit eine virale Geschichte über Martha McKay, die vor allem wegen ihrer scheinbar unglaublichen Botschaft über Vergebung geteilt wird. Die Geschichte stimmt zwar im Kern tatsächlich, allerdings wurde sie für soziale Medien mal wieder ordentlich zugespitzt. Einige wichtige Details fehlen, andere werden so dargestellt, als wären sie sicher belegt. Eine bekannte Masche um Geschichten viral gehen zu lassen.
Martha McKay verlor 1996 ihre Mutter Sally und ihren Cousin Joseph „Lee“ Baker. Beide wurden in Arkansas getötet. Der damals erst 16 Jahre alte Travis Lewis wurde für die beiden Morde verurteilt. Lewis beteuerte allerdings auch später, dass nicht er, sondern ein anderer Mann die beiden Menschen getötet habe.
Jahre später begann McKay, Kontakt zu Lewis aufzunehmen. Sie schrieb ihm im Gefängnis, besuchte ihn und setzte sich schließlich sogar für seine Entlassung auf Bewährung ein. Dabei spielte auch ihr buddhistischer Glaube und ihre persönliche Haltung zur Vergebung eine Rolle.
2018 kam Lewis tatsächlich frei. McKay gab ihm anschließend eine Arbeit auf ihrem Anwesen, dem Snowden House, das inzwischen als Bed & Breakfast betrieben wurde. Genau hier beginnt die Geschichte, die heute im Internet häufig als besonders radikales Beispiel für bedingungslose Vergebung erzählt wird.
Denn am 25. März 2020 wurde Martha McKay im Snowden House tot aufgefunden. Die Polizei verdächtigte Travis Lewis. Als Beamte ihn aufspüren wollten, floh er und sprang schließlich in einen nahe gelegenen See, wo er ertrank.
Damit endete eine Geschichte, die im Internet gerne als Beispiel dafür erzählt wird, wie weit Vergebung gehen kann. Ganz so einfach ist die Sache allerdings nicht.
Der verbreitete Text behauptet, McKay habe dem Mann, der ihre Welt zerstört habe, eine zweite Chance gegeben und ihm Unterkunft, Arbeit, Vertrauen und Nähe angeboten. Vor allem die Formulierung, sie habe jahrzehntelang bewusst eine Last getragen und immer wieder gegen ihren Hass angekämpft, ist keine dokumentierte Aussage über ihr Leben. Das ist eine literarische Interpretation der Geschichte.
Auch der Eindruck, McKay habe Lewis einfach bedingungslos als den Mörder ihrer Mutter akzeptiert und ihm trotzdem vergeben, greift zu kurz. Berichten zufolge glaubte sie zumindest teilweise an seine Darstellung, dass er die ursprünglichen Morde nicht begangen habe. Seine Verurteilung stand zwar fest, Lewis selbst hielt aber bis zuletzt an seiner Version fest, ein anderer Mann wäre der wahre Mörder gewesen.
Auch beim letzten Kapitel lohnt sich ein genauer Blick. Nach Angaben aus dem Umfeld McKays waren rund 10.000 Dollar verschwunden. McKay hatte Lewis daraufhin entlassen. Kurz darauf wurde sie tot aufgefunden. Dass das verschwundene Geld mit ihrem Tod zusammenhing, liegt nahe und wurde in späteren Berichten entsprechend dargestellt. Ein zweifelsfrei festgestelltes Motiv lässt sich daraus jedoch nicht machen.
Der virale Text macht aus diesen komplizierten Umständen eine deutlich einfachere Geschichte: Eine Frau vergibt dem Mörder ihrer Mutter, nimmt ihn bei sich auf und wird Jahre später von genau diesem Mann getötet. Das klingt wie eine perfekt konstruierte Geschichte über die Grenzen der Vergebung. Das Problem ist nur, dass das echte Geschehen komplizierter war.
Martha McKay hat Travis Lewis tatsächlich unterstützt. Sie hat ihm nach seiner Haftentlassung sogar eine Arbeitsmöglichkeit gegeben. Und sie wurde tatsächlich von der Polizei als Opfer eines Mordes behandelt, während Lewis als Verdächtiger floh und anschließend starb.
Was man aus der Geschichte allerdings nicht seriös ableiten kann, ist die große philosophische Botschaft, die der virale Text daraus macht. Ob McKay mit ihrer Vergebung richtig lag, ob sie zu viel Vertrauen schenkte oder ob ihre Entscheidung am Ende zu ihrem Tod beitrug, lässt sich nicht mit ein paar pathetischen Sätzen beantworten.
Die wirkliche Geschichte ist schon dramatisch genug. Man muss sie nicht mit erfundenen Gedanken über „Last“, „Gnade“ und die „Reichweite der Vergebung“ ausschmücken. Und vielleicht ist genau das der interessanteste Punkt: Die Wahrheit ist hier nicht weniger spektakulär als die virale Version. Sie ist nur wesentlich komplizierter.
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