22.01.2018, 10:42 Uhr

Das Nibelungenviertel: Von der Gstetten zum bürgerlichen Grätzel

Thomas Reithmayer hält regelmäßig an der VHS Rudolfsheim Vorträge über die politische Vergangenheit des Bezirks.

Von der Gstetten zum – zumindest geplanten – bürgerlichen Grätzel: ein Spaziergang durchs Nibelungenviertel.

RUDOLFSHEIM-FÜNFHAUS. Die bz hat sich mit Thomas Reithmayer auf eine Reise in die Vergangenheit begeben. Reithmayer hält in regelmäßigen Abständen Vorträge über den 15. Bezirk im Wandel der Zeit.

Besonders das gutbürgerlich anmutende Grätzel hinter der Stadthalle wurde von der Politik stark beeinflusst und schlägt im Vergleich zu anderen Bezirksteilen aus der Reihe. Einer der Gründe dafür: Erst sehr spät wurde überhaupt gebaut, lange war hier nur eine Gstetten und dann ein Friedhof. "Joseph II. gilt als der Vater des 15. Bezirks. Er hat alle Friedhöfe aus den Innenbezirken hinaus hinter den Linienwall verlegen lassen", so Reithmayer.

So ist der Schmelzer Friedhof entstanden, auch der Märzpark hat dazugehört. Noch heute findet man neben der Christkönigskirche Spuren davon: Hier sieht man noch Grabinschriften aus dieser Zeit. Der Schmelzer Friedhof wurde dann mit dem Entstehen des Zentralfriedhofs aufgelassen. Die Namen Märzpark und Märzstraße beziehen sich übrigens darauf, dass alle im März 1848 Gefallenen auf dem Schmelzer Friedhof beerdigt wurden. "Angeführt von einem Pfarrer, einem Pastor und einem Rabbi, ist der Trauerzug hierher gezogen", so Reithmayer.

Durchkreuzte Pläne

Ab 1912 wurden im Grätzel Wohnhäuser errichtet. Viele der Gassen und Straßen sind nach Figuren aus dem Nibelungenlied benannt, wie der Kriemhildplatz. Das geplante gutbürgerliche Musterviertel sollte zu Ehren des umstrittenen Bürgermeisters Karl Lueger entstehen. "Es war sogar angedacht, das Gebiet in Luegerstadt umzubenennen", so Reithmayer. Am Kriemhildplatz wird die Planung an der Architektur deutlich. "Man sieht schon von außen, dass die Wohnungen hohe Räume haben. Das Heizen musste man sich leisten können", erzählt der Politikwissenschafter. Zum Konzept für das Viertel gehörte auch das Kaiser-Franz-Joseph-Stadtmuseum nach Plänen von Otto Wagner.

Damals berichteten Zeitungen darüber, dass mit dem städtischen Museum auf der Schmelz ein neues, vornehmes Bezirkszentrum entstehen solle. Die Privatbauten sollten keine "Wohnungen für eine Vorortebevölkerung" haben, sondern für Staats- und Kommunalbeamte sowie für Gelehrte und Künstler errichtet werden.
Am für das Museum vorgesehenen Platz stehen heute die Stadthalle und das Stadthallenbad. Denn für das Bauvorhaben bedeutete der Erste Weltkrieg das Ende.

Rote Interpretation

In der Zwischenkriegszeit hat dann das Rote Wien die Baulücken teilweise mit Gemeindebauten gefüllt. Am Vogelweidhof beim Märzpark, auch Märchenhof genannt, sieht man an den Fresken die rote Fortführung des Nibelungen-Themas. Aber auch diese Phase dauerte nur kurz: Mit 1933 und dem Austrofaschisten Dollfuß schlug die Stimmung wieder um. Die Christkönigskirche wurde als Gedächtniskirche für Bundeskanzler Ignaz Seipel und Engelbert Dollfuß gebaut. Noch heute erinnert eine große Statue mit einer Inschrift beim Eingang zur Kirche daran, ergänzt um eine Tafel zur historischen Einordnung. Ohne Weiteres kann man Reithmayers Vortragstitel bestätigen: "Große Politik im kleinen Grätzel".
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