11.08.2016, 23:57 Uhr

Obsteig als Musterbeispiel gelungener Integration

Obsteig als Musterbeispiel gelungener Integration. In Obsteig leben derzeit 21 Flüchtlinge.
OBSTEIG (dl) Im Dezember 2015 nahm die Gemeinde Obsteig 50 Asylwerber auf. Am Donnerstag, 11. August blickten Gemeinderat und beteiligte Partner zurück auf mittlerweile acht Monate im Zusammenleben mit den Asylwerbern in Obsteig und konnten eine durchweg positive Bilanz ziehen. Mit der bis heute hervorragend funktionierenden Integration der Asylwerber steht der Umgang mit der Flüchtlingsthematik in Obsteig als Beispiel gelungener Integration.

Im Vergleich der Bundesländer reiht sich Tirol mit der Erfüllung seiner Flüchtlingsquote an letzter Stelle ein. Die Gründe dafür sind so vielschichtig wie zahlreich. Bevor es zur Unterbringung von Flüchtlingen in einer Gemeinde kommen kann, müssen zahlreiche, oft massive, Hürden überwunden werden. Diese Hürden schließen neben der Akzeptanz des lokalen Umfelds, nicht nur das Finden oder die Schaffung einer geeigneten Unterkunft ein, sondern auch das Vorhandensein einer zureichenden Infrastruktur oder aber auch, ob die Möglichkeit der ausreichenden Betreuung einquartierter Asylwerber gewährleistet werden kann.

Dass die Flüchtlingsquote die Realität und damit auch den Menschen hinter einer nüchternen Zahl verbirgt, zeigt sich am Beispiel der Gemeinde Obsteig. Mit der Einquartierung von rund 50 Asylwerbern im Hotel Tyrol vergangenen Dezember 2015 scheint dem Tiroler Sozialen Dienst (TSD), der für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständig ist, gemeinsam mit der Gemeinde Obsteig diese Hürden nicht nur erfolgreich überwunden zu haben. Mit 50 aufgenommenen Asylwerbern erfüllt die 1300 Einwohner-Gemeinde die kommunal vorgesehene Quote von 1,5% sogar gleich doppelt.

Positive Resonanz in Obsteig

Ohne die breite Zustimmung der Obsteiger Bürger wäre dieses Vorhaben allerdings von Beginn an zum Scheitern verurteilt gewesen. Doch der Gemeinderat hinter Bgm. Hermann Föger und Vizebgm. Alexander Egger konnten in Hotelierin Ulrike Hammerle einen starken Partner finden um zunächst die Hürde der Unterkunft zu überwinden. Hammerle gab aus eigener Initiative die Zusage, die Flüchtlinge vorerst bis Ende März 2016 im 4-Sterne-Hotel Tyrol in Obsteig aufzunehmen und stellte den Asylwerbern neben Kost und Logis sogar eine eigene Küche zur Verfügung. Dort können sich die Asylwerber einerseits mit heimischen Speisen über Wartezeit und Heimweh hinwegtrösten, anderseits bietet sich beim Kochen spielerisch die Möglichkeit sich mit der fremden Tiroler Küche und der noch fremden Sprache auseinander zu setzen. Pro Flüchtling erhält Hammerle dafür 19 Euro - der ökonomische Profit steht für Hammerle also keineswegs im Vordergrund. „Nach dem Anruf von Ulrike Hammerle ging alles sehr schnell. Wir mussten die Bürger von Obsteig praktisch vor vollendete Tatsachen stellen.“ erzählt Obsteigs Vizebgm. Alexander Egger. Und dennoch war die Resonanz der Obsteiger auf die Einquartierung der Asylwerber größtenteils positiv. „Einer der Gründe dafür, besteht darin, dass wir vorwiegend Familien mit Kindern aufgenommen haben“, so Egger.

Faktoren einer gelungenen Integration

Zahlreiche Obsteiger engagieren sich seit Dezember ehrenamtlich für die aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Somalia stammenden Asylwerber. Schule und Kindergarten tun ihr Möglichstes um die Kinder zu integrieren. Mit Barbara Riser, einer pensionierten Lehrerin, bot sich auch schnell jemand an, der Deutsch-Kurse für die Asylwerber organisierte, um auch den Erwachsenen die Integration zu erleichtern. Mit der Vinzenzgemeinschaft Obsteig und der Gruppe der Neschäftigungsinitiative Vinzi-Hand Mieminger Plateau konnten weitere starke Partner gewonnen werden, die den Asylwerbern die Integration in Obsteig möglich machen sollte.

Die Vinzenzgemeinschaften sind weltliche Vereine, die sich um Mitmenschen in Not annehmen und das Angebot bestehender sozialer und kirchlicher Einrichtungen ergänzen. Unter ihrem Motto: „Unsere Aufgabe ist es nicht zu urteilen. Unsere Aufgabe ist es zu helfen“ stellen die Vinzenegemeinschaften Hilfebedürftigen 100% ihrer verfügbaren Spendenmittel zur Verfügung. Alle Mitglieder arbeiten ausschließlich ehrenamtlich. In Obsteig organisiert die Vinzenzgemeinschaft, als eine von 60 Vinzenzgemeinschaften in ganz Tirol, bis heute hauptsächlich die alltäglich notwendigen Dinge, die es zum Leben braucht.

Die Vinzi Hand ist eine Beschäftigungsinitiative der Vinzengemeinschaft und vermittelt ganz unbürokratisch neben einheimischen Erwerbs- und Obdachlosen auch Asylwerber für Aushilfsarbeiten, die von Bürgern aus der näheren Umgebung, gegen Bezahlung, in Anspruch genommen werden können. So kommen sich nicht nur Bürger und Asylwerber näher: Für die Asylwerber bietet sich auf diese Weise die Möglichkeit sich ein Stück weit selbst zu versorgen. Das von der Vinzi-Hand eingenommene Honorar für die vermittelten Arbeitskräfte wird zum Großteil in Form von Gutscheinen ortsansässiger Supermärkte an die Aushilfsarbeiter ausbezahlt, der übrige Teil wird dazu aufgewandt die Aushilfsarbeiter zu versichern.

Der aktuelle Stand in Obsteig

Zunächst hatte Ulrike Hammerle vom Hotel Tyrol zugesagt, die Asylwerber bis Ende März 2016 im Hotel unterzubringen. Die Verlängerung dieser Frist auf Ende Mai 2016 ermöglichte den Asylwerbern, die in Obsteig bleiben wollten, die Suche nach geeigneten Unterkünften in Selbstversorgerstruktur. So leben heute noch 4 Familien in Obsteig. Zwei Familien konnten Ende Mai 2016 in ein altes Bauernhaus in Wald bei Obsteig umziehen, das unter tatkräftiger Mithilfe der Obsteiger und deren Sach- und Geldspenden für die beiden Familien ausgebaut und eingerichtet werden konnte. Zwei weitere Familien sind ins benachbarte Mieming gezogen. Im Hotel Tyrol wohnen heute noch zwei Familien, die nach wie vor auf der Suche nach einer geeigneten Unterkunft sind. „Diese Familien wollen so schnell es geht in Selbstversorgerstrukturen übergehen“ erklärt Wilma Grutsch von der Vizenzgemeinschaft Obsteig. Zudem sind die Asylwerber in Obsteig und Umgebung nach wie vor auf Geld- und Sachspenden angewiesen.

Einer der vielen Gründe für die bis heute mehr als gelungene Integration der Asylwerber in Obsteig geht auf die Eigeninitiative und den persönlichen Einsatz der Asylwerber zurück. So, wie die Obsteiger anfangs auf sie zugingen, gehen die Asylwerber heute auf die Obsteiger zu um sich im Dorfgeschehen einzubringen. So kommt es schon einmal vor, dass die weiblichen Asylwerber das Kaffeekränzchen der Obsteiger Senioren im Vidum mit selbst gebackenen Kuchen versorgen. Aktionen wie diese, oder ein gemeinsames Grillfest mit den Obsteigern, fördern nicht nur die Integration – sie geben den Asylwerbern ein Gesicht und einen Namen. Sie machen deutlich, dass hinter der Flüchtlingsquote Menschen stehen, die unverschuldet und in höchster Not ihre Heimat verlassen mussten und sich nach nichts mehr sehnen als Normalität und ein Zuhause, in dem sie sich wohlfühlen können.

Weitere Informationen:

Die Homepage der Vinzenzgemeinschaften


Für die Asylwerber in Obsteig wurde ein eigenes Spendenkonto eingerichtet:

VG VINZI Hand Mieminger Plateau
IBAN: AT20 3627 6000 0001 9083
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