31.03.2016, 17:43 Uhr

Wolfsegg, der Untergang einer katholisch-nationalsozialistischen Generation

Die einen sind tot, die Hyänen denken schon ans Erbe (Foto: Sepp Gallauer)
Wolfsegg, der Untergang einer katholisch-nationalsozialistischen Generation
Wer kennt nicht den Unzufriedenheits-Sermon von Thomas Bernhard? Diesmal wird er an einer Schloss-Familie in Wolfsegg festgemacht. Murau wird sie genannt, es hätte auch eine andere sein können. Warum vergreift sich Bernhard an dieser Gemeinde im Hausruck? Weil sie besonders „katholisch-nationalsozialistisch“ ist? In seiner Bio findet man keinen Bezugspunkt zu Wolfsegg. Katholisch-nationalsozialistisch war ihm immer ein Gräuel - die Grundlage einer verkommenen Gesellschaft. Er legt absolutistisch fest, was seiner Meinung nach rechtens wäre, wobei er keine Lösung anbietet. Die Schimpftiraden gegen die „stumpfsinnige Masse“ sind pathologische Ausbrüche eines Ungeliebten, eines Außenseiters, der in der Literatur seine Befindlichkeit abarbeitet. Seine schwere Lungen-erkrankung tut ein übriges. Man spürt die Atemlosigkeit; die verschachtelten Sätze bringen Empörung und Verachtung hervor
.
Also da wäre eine betuchte Familie mit Nazivergangenheit. Besonders die Frau tut sich hervor mit Hitlergruß und so, während der Mann einfach nur von den Braunen in jeder Hinsicht profitiert, vor allem beruflich. Und ja, natürlich haben sie später alles vergessen, vergessen wollen - vorzeitige Gefäßverkalkungen. So wie in ganz Österreich, befindet Bernhard. Sein Hass auf diese Familie, die in ihrer Entwicklung stehengeblieben ist. Stumpfsinnig der Tagesablauf, langes Schlafen ist nicht erlaubt, alles muss seine Ordnung haben, so wie sie der Haushaltsvorstand vorgibt. Nur seine Frau versucht aus dem öden Leben, aus dem geschlossenen System auszubrechen, indem sie mit dem Nuntius schläft - auch eine Art der katholischen Zuneigung. Sie stopft ihm Geld in den klerikalen Hintern, und er wohnt ihr bei. Manchmal fährt sie sogar nach Wien, um sich den sexuellen Segen zu holen.

Nun sind die Eltern und ein Sohn tot. Ausgelöscht bei einem Autounfall. Zurück bleiben zwei dämliche Töchter, die – vermutlich aus Unsicherheit – ständig husten, und ein weiterer Sohn, der aus Rom herbeigerufen wird. Man hat ihm telegraphiert, er möge schnell kommen. Der Gebildete, der dank seines Onkels aus Wolfsegg fliehen konnte, findet sich in diesem dumpfen Kreis der oberösterreichischen Gemeinde wieder. Er ist verstört, weiß gar nicht, was er in diesem widerlichen Umfeld soll, umgeben von Gören, die er ablehnt. Er ist in dieser seltsamen Landschaft das schwarze Schaf. Franz-Josef Murau, der Jüngere, kann seine Erinnerungen nicht auslöschen, auch wenn ihm der Onkel zur Seite steht. Er sieht sich als neuer Herr des Guts, der Zerfall ist nicht mehr aufzuhalten.

Thomas Bernhard hat in Oberösterreich gelebt, hat sich kaum darum gekümmert, was außerhalb seines Vierkanthofes passierte. Der Übertreibungskünstler lässt die von ihm geschaffenen Figuren eine Suada der Unzufriedenheit ausstoßen. Die monologisierende Rede ist voller Polemik. Die Wiederholungstechnik macht die Schimpftiraden noch beißender, Toleranz ist nicht sein Wesenszug. Er hasste die Heimat und die Heimat hasste ihn. Erst nach dem Tod verehrte ihn die Gesellschaft.

Im Theater in der Josefstadt schlüpft Regisseur Oliver Reese in das Denkmuster Bernhards. Seine Schauspieler - Wolfgang Michael, Christian Nickel, Udo Samuel und Martin Zauner – sind nicht nur wunderbare Akteure, sie treffen auch zu jeder Zeit den beißenden Ton des Frustrierten.

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Infos und Tickets: www.Josefstadt.org

Reinhard Hübl
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