20.03.2016, 20:33 Uhr

Mit dem Zug zum Freitagsgebet

Anas und Abir fahen gerne mit dem Zug.

"Flüchtlingsg'schichten aus dem Bezirk" - Ein Jahr nach Beginn der großen Flüchtlingskrise habe viele Menschen Halt in Österreich gefunden. Wie geht es ihnen und ihren Familien heute? Wohin wurden sie verteilt und wie sieht der neugewonnene Alltag, fernab von Krieg und Flucht, aus? Ein Lokalaugenschein der BEZIRKSBLÄTTER bei unseren „neuen Nachbarn“.

MELK/ST. PÖTEN (m.h). „Freitag ist für uns Muslime der wöchentliche Feiertag. Der Tag, an dem wir in die Moschee gehen“, erklärt Abir (37) im stark gebrochenen Deutsch. Gemeinsam mit ihrem Mann Anas (43) wartet sie am Bahnhof Melk auf den Zug nach St. Pölten. Die Syrerin ist letzten Sommer, zusammen mit ihren beiden jüngeren Kindern, nach Österreich geflohen. Drei Wochen lang hat die Flucht über die Balkanroute gedauert, ehe sie sich im bekanntestem Flüchtlingslager hierzulande wiederfand. „Viele Menschen, schlechte Luft, überall Schmutz und wenig Schlaf. Traiskirchen war kein guter Ort, besonders nicht für Kinder“, berichtet die dreifache Mutter. Der älteste Sohn (21) war bereits ein Jahr zuvor nach Österreich geflohen und konnte seiner Familie bei deren Ankunft nicht nur sprachlich weiterhelfen, sondern diese auch mit Kleidung und vertrauten Nahrungsmitteln versorgen.

Als der Zug einfährt erzählt Abir, dass es in Syrien kein Bahnsystem wie in Österreich gibt. „Wir fahren mit Autos oder alten Bussen.“ Bevor der Krieg ausbrach war sie als Volksschullehrerin in der Hauptstadt Damaskus tätig. Was aus ihren ehemaligen Schülern und deren Familien geworden ist, weiß sie nicht. Ihr Mann Anas spricht kaum, lächelt aber bei jedem Blickkontakt. Ihm gelang die Flucht erst vier Monate nach seiner Familie. Während dieser Zeit wusste niemand, ob er noch am Leben ist - der Kontakt war abgebrochen.

Viele Sprachen, ein Glaube

In St. Pölten angekommen geht es zu Fuß weiter in Richtung Krankenhaus, vorbei an der Fachhochschule und quer durch eine Wohnsiedlung. Nach gut 20 Minuten trennen sich die Wege des Ehepaares. Anas erklärt, dass die zur Moschee umfunktionierte Stadtvilla zu klein sei, weshalb es eine Geschlechtertrennung gibt. Die Moschee der Frauen ist in einem anderen Gebäude, ganz in der Nähe, untergebracht. Obwohl die „Messe“ pünktlich um 12 Uhr begonnen hat, tummeln sich noch zahlreiche Menschen im Garten des Gebetshauses. Es ist ein bunter Mix aus den verschiedensten Sprachen, welchen man beim Vorbeigehen aufnimmt. In der Moschee selbst führt eine mit rotem Teppich bezogene Stiege in den Gebetssaal im ersten Stock. Zuvor werden noch die Schuhe ausgezogen und fein säuberlich in einen dafür vorgesehenen, offenen Kasten gereiht. Im verwinkelten und mit Säulen geschmückten Saal spricht ein Mann mit weißer Kutte und weißer Kappe. Es ist der Vorbeter. Die Gläubigen knien oder sitzen mit angewinkelten Beinen vor ihm auf dem Teppichboden. Manche hören zu, andere sind in ihrem Gebet versunken. Anas erläutert, dass es sich um eine türkischsprachige Moschee handelt und er selbst nur wenig von dem Gesprochenen versteht. Fast pausenlos treten weitere Männer, unterschiedlichsten Alters, ein und suchen nach einem freien Platz auf dem Boden, bis schließlich der Imam (Anm.: vergleichsweise mit Priester) nach einer halben Stunde das Wort in dem nun zum Bersten gefüllten Raum übernimmt. Gegen Ende der Predigt positionieren sich die Gläubigen zum Gebet in Reih und Glied und nehmen dabei die typische muslimische Gebetshaltung (stehend - kniend - verbeugend) ein. Anschließend gibt man einander die Hand und jeder geht seines Weges.

Nach dem Beten ist vor dem Essen

Anas trifft seine Frau im nahegelegen türkischen Supermarkt. Sie hat bereits eingekauft: „Obst und Gemüse kaufen wir in Melk, aber arabisches Brot und andere Spezialitäten gibt es nur hier.“ Sie sind nicht die einzigen - die gefühlte halbe Moschee kauft hier für das „Feiertagsessen“ ein. Auf die Frage, ob ihre Kinder denn auch in die Moschee gehen, antwortet Anas: „Ja, aber in Österreich haben sie am Freitag Schule. In den Ferien kommen sie dann mit.“ Und wie sieht es mit der Schule für die Erwachsen aus? „Wir lernen jeden Tag. Nach dem Frühstück wird der Tisch abgeräumt und die Lernbücher geholt. Einmal pro Woche ist Deutschkurs. An den anderen Tagen lernen Freiwillige mit uns.“ lächelt Abir. Sie betont weiters, wie wichtig das Beherrschen der Sprache ist um bald eine Arbeit zu bekommen. Das viele Herumsitzen zu Hause, sowie das lange Warten auf Bescheide sind wiederum für den gelernten Elektriker Anas nicht einfach. Er weiß jedoch um seine Situation und übt sich weiterhin in Geduld: „Ein Schritt nach dem anderen. Und viel lernen.“

Endlich Frieden

Mit weißen Einkaufssäcken in den Händen macht sich das Paar wieder auf zum Bahnhof. Im Zug zurück nach Melk schneidet Abir kurz das Thema Krieg in Syrien mit einem weinenden Auge an: “Unser Haus, unsere Sachen und alles was wir an Besitz hatten ist weg. Aber ich bin Allah so dankbar, dass meine Familie lebt und wir in Österreich aufgenommen wurden. In Melk ist es sehr schön zu wohnen und es gibt viele freundliche Menschen die uns sehr helfen. Wir sind wieder glücklich, denn hier ist kein Krieg. Hier ist Frieden!“
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