27.03.2016, 14:40 Uhr

"Die Kinder für das Lernen faszinieren"

WOCHE-Redakteur Peter Pugganig im Gespräch mit Margit Fischer

Margit Fischer hat ihre Geschichte niedergeschrieben. Die WOCHE bat sie zum Interview.

Die Sozialdemokratie, die Ihre Eltern in der Jugend und später auch noch Sie formte, gibt es heute so nicht mehr. Worin liegt im Wesentlichen der Unterschied zwischen damals und der Gegenwart?
MARGIT FISCHER: Es war sicher eine andere Organisationsform und Organisationsdichte. In den 60er und 70er Jahren waren die Parteien auch Mitgliederparteien, die sie heute zunehmend nicht mehr sind.

Wenn Sie über aktuelle Flüchtlingsschicksale lesen, kommen bei Ihnen starke Erinnerungen an die Biographie Ihrer Eltern auf? Welche besonders?
Ich habe das erste Kapitel meines Buches der Geschichte meiner Eltern und Großeltern gewidmet und relativ ausführlich beschrieben, wie sehr diese die nachkommende Generation mitprägte. Ich bin auch überzeugt, dass es sehr viele Österreicherinnen und Österreicher gibt, die Familiengeschichten aufweisen, die mit Migration zu tun haben. Wenn ich weiter zurückgehe, also bis zu den Großeltern, dann waren das ja nicht Menschen, die aus politischen Gründen aus Mähren flüchten mussten, sondern es waren ökonomische Zuwanderer in die Reichshauptstadt. Es waren Leute, die eine Bereicherung für unser Land darstellten.

Die Aufrichtigkeit und herzliche Direktheit Ihrer Mutter passte in den 1940er Jahren gut zum Asylland Schweden, sind es doch Eigenschaften, die viel der Kultur dieses nordischen Landes ausgemacht haben. Besteht diese Kultur in Schweden heute noch und wie unterscheidet sich diesbezüglich die Mentalität der Skandinavier zu Österreich?
Meine Eltern sind 1939 nach Schweden emigriert und ich bin 1943 in Stockholm geboren. Schweden war damals kein Einwanderungsland. Im Gegenteil, es war zu Beginn des Jahrhunderts noch ein Auswanderungsland – aus Hunger. Es gibt viele Bücher, die die Auswanderung der Schweden in dieser Zeit dokumentieren. Als meine Eltern in die Emigration gingen, war Schweden nach wie vor ein geschlossenes Land. Erst mit Beginn der Nachkriegszeit, unter der Regierung von Ministerpräsident Hansson hat Schweden einen wirtschaftlichen Aufschwung genommen. Die Schweden sind sehr ehrlich und aufgeschlossen. Es herrscht eine klare und direkte Form des Umgangs miteinander. Meine Eltern haben immer gesagt, ist man mit Schweden einmal Freund geworden, dann bleibt die Freundschaft lebenslang.


1991 zeigten Ihre Eltern Ihnen und Ihren Kindern die Plätze ihrer schwedischen Emigration. Was geht in einer Tochter vor, die ihren Vater mit 81 Jahren das erste Mal weinen sieht?
Es war wirklich sehr erschütternd. Ich konnte mich so gut in die Situation meiner Eltern versetzen. Mit ihnen dazustehen, zu wissen, der Vater hat im Krieg von Schweden aus vergeblich versucht, seine Mutter und seine Schwester vor dem Tod zu retten. Das zweite Mal - allerdings vor Freude - habe ich meinen Vater weinen gesehen, als mein Mann zum Bundespräsidenten angelobt wurde.

Für Sie ist Heimat nicht nur örtlich zu sehen, sondern auch etwas, das aus Wertvorstellungen besteht und auch ein Wertfundament geliefert hat. Was verstehen Sie darunter?
Ich bin in Schweden die ersten sechs Jahre aufgewachsen. Ich habe Eltern, die in der Zwischenkriegszeit politisch aktiv waren und zur Zeit des Austrofaschismus als Illegale in einer verbotenen Partei tätig waren. Obwohl sich die Familie auf ein Leben in Schweden eingestellt hatte, nahm mein Vater 1949 ein berufliches Angebot der Wiener Städtischen Versicherung an, die ihn seinerzeit fristlos entlassen hatte. Der Entschluss meiner Eltern, nach allem was sie durchgemacht haben, nach Österreich zurückzukehren, ein sicheres und friedliches Zuhause in Schweden aufzugeben, um am Wiederaufbau eines neuen demokratischen Österreich, ihrer Heimat mitzuarbeiten, hat mich sehr beeindruckt.

Schweden hat Sie geformt und vielleicht auch verändert. Inwiefern?
Ich war und bin bis heute den Schweden unglaublich dankbar, dass sie meine Eltern als Flüchtlinge aufgenommen und ihnen ein neues Zuhause geboten haben. Sehr viele Menschen waren bereit, sie mit Rat und Tat, mit praktischen Dingen und Sprachunterricht zu unterstützen. Als sich meine Eltern 1939 in Skandinavien niedergelassen haben, war es für sie nicht vorstellbar, je wieder nach Österreich zurückzukehren, auch weil ein Kriegsende nicht absehbar war. Es kam dann doch dazu und ich bin zwar die ersten sechs Jahre meines Lebens in Schweden aufgewachsen, aber dann in Österreich zur Schule gegangen und habe hier mein Zuhause. Der intensive Kontakt mit diesem nordischen Land bestand für mich immer und besteht auch noch heute. Vielleicht hat mich das schon in jungen Jahren in die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem „Ausland“ treten lassen.

Stichwort Science Center: Diese Art von Lernen bzw. entsprechendem Lehren ist in Österreich Schulrealität noch nicht wirklich durchgedrungen. Sie kritisieren, dass bei uns viel zu viel Energie im Streit über politische und administrative Fragen verschwendet wird. Wie kann sich das ändern und sehen Sie Chancen für eine Bildungsreform, die diese Bezeichnung auch verdient?
Es ist evident, dass unsere Kinder ein lustvolleres Lernen erleben müssen um Faszinierendes freudvoll vermittelt zu bekommen. Unsere Aufgabe, die wir uns im Science Center-Netzwerk gestellt haben, ist es Menschen, die an der Jugend und an neuen Lernformen interessiert sind, zusammenzubringen. Ziel ist der Austausch und die gemeinsame Entwicklung von Programmen und Projekten. Zum Wohle der Kinder und auch zum Wohle der Lehrer, damit sie unterstützt werden, um den Unterricht faszinierend und spannend gestalten zu können. Nach 10 Jahren haben wir in Österreich immerhin schon über 160 Partner, die sich regelmäßig treffen.

Sie waren und sind sehr oft in Begleitung Ihres Mannes im Ausland. Beim Zusammentreffen mit hochrangigen Persönlichkeiten waren Sie stets gut vorbereitet, um Gespräche nicht nur auf Smalltalk beschränken zu müssen. Beispiel Kuba, 1980: Worüber spricht man mit Fidel Castro ganze fünf Stunden lang, bis drei Uhr morgens?
Das war eine bemerkenswerte Reise. Mein Mann ist damals als Bote von Kreisky und Brandt zu Fidel Castro geschickt worden, der der Sprecher der Blockfreien war. Ziel war es, Castro dazu zu bringen, dass er mit der sowjetischen Führung spricht, um sie von einem weiteren Einmarsch in Afghanistan abzubringen. Leider wurde der Einmarsch in Afghanistan fortgesetzt und der befürchtete Flächenbrand ist eingetreten.

Sie bemängeln, dass das Prinzip „Inklusion“ in Österreichs Bildungssystem noch immer nicht ausreichend gelebt wird. Woran liegt das und wie kann man das ändern?
Inklusion heißt, dass wir mit allen unseren Mitmenschen auf Augenhöhe leben. Wenn ich die derzeitige Diskussion um reduzierte finanzielle Unterstützung für anerkannte Flüchtlinge verfolge, dann kann man das z.B. nicht als Inklusion bezeichnen.

In Skandinavien herrscht mehr Solidarität zwischen den Geschlechtern und mehr Verständnis für Familien in der Gesellschaft. Ist das ein Vorbild für Österreich und warum hinken wir im Jahr 2016 noch immer hinterher?
In Schweden war es schon in den 70er Jahren selbstverständlich, dass eine Frau einen eigenen Beruf hat, dass man die Kindererziehung teilt, Kindergärten in großem Ausmaß anbietet. Man hatte einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Bei uns wird auch heute noch über Kindergarten- und Schulpflicht diskutiert. Gerade der Kindergarten ist ein wichtiger Ort der Sozialisierung und Förderung.

Ihre Großmutter Hermine, Großtante Frieda und Tante Heddy fanden durch die Nationalsozialisten den Tod. Ihr Vater Otto Binder war in Dachau und in Buchenwald interniert und musste mit seiner Frau Anni nach Schweden flüchten. Ihre Einstellung ist und die Ihrer Eltern war gegenüber „Ehemaligen“ trotzdem von Toleranz geprägt. So auch, im Großen und Ganzen, zu Friedrich Peter. War es für die leidgeprüfte Familie Binder nicht problematisch miterleben zu müssen, dass Bruno Kreisky mit dem ehemaligen SS-Mann zusammenarbeitete?
Meine Eltern haben gesehen, dass es auch sehr viele Verführte gab. Ich erinnere mich an lange Gespräche mit Frau Peter und auch mit Friedrich Peter, wo wir auch erfahren haben, wie er aus einer Arbeiterfamilie kommend aus der Not zum Mitläufer wurde. Es war für ihn nicht möglich einfach auszusteigen, nachdem er erkannt hatte, welch unheilvolle Entwicklung die Politik Hitlers für Österreich bedeutete. Nicht sehr viele hatten die Zivilcourage eines Franz Jägerstätter und man muss sich selbst fragen, wie man sich in der damaligen Zeit und den gegebenen Umständen verhalten hätte.

Welche Erinnerungen haben Sie zum Abschluss Ihres ersten Studienabschnittes in Kunstgeschichte („Das Gurker Fastentuch aus dem 15. Jahrhundert“)?
Auf jeden Fall die, dass mir die Arbeit damals sehr viel Spaß gemacht hat.

Sie sind Vorsitzende des Vereins „Science Center-Netzwerk“, Mitarbeiterin in der Volkshilfe Österreich und Vorsitzende des „Österreichischen Frauenrates“. Werden Sie diese Funktionen weiter ausüben?
Es wird sich manches ändern, aber ganz sicher führe ich meine Tätigkeit beim Science-Center-Netzwerk weiter.

Worauf freuen Sie sich nach dem Ende der Amtszeit von Bundespräsident Heinz Fischer?
Auf mehr Privatheit.


Erinnerungen an eine bewegte Zeit
In ihrem Buch mit dem Titel "Was wir weiter geben", erzählt Margit Fischer ihre Geschichte und damit auch wichtige Teile der Geschichte unserer Republik. Sie schildert ihre frühe Kindheit in Schweden, dem Land das ihren Eltern Schutz vor den Nationalsozialisten gab und ihr zur zweiten Heimat wurde. Als Schulkind kehrte die Familie aus Stockholm ins zerstörte Österreich zurück. WähreIInd sich ihr Vater gemeinsam mit Kreisky und vielen anderen am Wiederaufbau der Republik beteiligte, begann sie - ganz klassisches Nachkriegskind - ihre Schullaufbahn. Weitere Aufenthalte in Schweden als junge Erwachsene zeigen ihr, wo ihre Heimat war - und bis heute ist. Sie erzählt, wie sie ihren Mann, Heinz Fischer kennen - und lieben lernte und an seiner Seite Politik über fünfzig Jahre aus nächster Nähe miterlebte, ohne sich selbst aus den Augen zu verlieren. Margit Fischer ist keine Persönlichkeit, die das Licht der Öffentlichkeit sucht. Aus der zweiten Reihe beobachtete sie vieles und hinterlässt ihre Spuren. Ihre Erinnerungen sind ein Stück Zeitgeschichte, ihre Gedanken zur Gegenwart machen nachdenklich. Es ist die Autobiografie einer hochpolitischen Frau.
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