07.07.2016, 03:00 Uhr

Von der Trauer in ein erfülltes Leben

Rita Maria Nikodim schreibt über Trauerbewältigung und Selbstfindung. (Foto: Privat)

Der Tod des eigenen Kindes – ein Albtraum. Wie sie daran reifte, erzählt Rita Maria Nikodim in ihrem neuen Buch „Mein Lichtkind“. Wunderbar lebensbejahend und hilfreich für Betroffene.

STEYR. Die klassische Sängerin und Schauspielerin Rita Maria Nikodim ist heuer zum zweiten Mal beim Musikfestival Steyr vertreten. In der Operette „Wiener Blut“ gibt sie die Zofe Anna. Auch beim Schubert-Festival wird die Wienerin erneut dabei sein. Nur wenige kennen ihr Schicksal, das sie im Buch „Mein Lichtkind“, erschienen im April im Ennsthaler Verlag, öffentlich macht: Ihre Tochter kam Ende 2009 tot zur Welt. Nach Verzweiflung und Schmerz führte sie ihr Weg zu einem bewussteren, erfüllten Leben.

BEZIRKSRUNDSCHAU: Sie haben mit Ihrem Buch ein Tabuthema aufgegriffen – über Tot- und Fehlgeburten hört man nicht viel in unserer Gesellschaft. Warum schreiben Sie so offen über Ihre Erlebnisse und Erfahrungen?
RITA MARIA NIKODIM: Zum einen weil ich damals außer einem einzigen Buch keine Literatur dazu gefunden habe. Ich hatte das Gefühl, dass ein Manko gegeben ist. Viele Menschen sind froh und dankbar, dass jemand das Thema anspricht. Es gibt mehr Betroffene, als man glaubt. Zum anderen musste ich all das Erlebte aus meinem Kopf hinauslassen. Das Schreiben hat mir dabei geholfen.

Sie gewinnen Ihrem Schicksal viel Gutes ab. Inwiefern hat Sie der Verlust Ihrer Tochter zu einem bewussteren Leben geführt – wie der Untertitel des Buchs besagt?
Der Tod meiner Tochter war ein Wendepunkt für mich. Man beginnt nachzudenken: Was ist wirklich wichtig, wurschtelt man so weiter wie bisher oder lässt sich mehr herausholen? Das Schicksal ist eine Chance, etwas in seinem Leben zu verändern. Niemand weiß, wie viel Zeit ihm bleibt. Ich habe viele Ängste als irreal entlarvt, und ich kann mich nun besser abgrenzen als früher.

Wir Menschen neigen dazu, immer nach dem Warum zu fragen. Ist es Ihnen auch so ergangen, gab es Wut und Groll – warum ich?
Um diese Gefühle kommt man nicht drum herum. Man macht viele verschiedene Trauerphasen durch. Die bekannte Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross sprach von fünf Phasen, die auch ich durchlebte. In unseren Gedanken sind es immer die anderen, die etwas betrifft. Warum eigentlich nicht ich?!

Ihr Buch ist autobiografisch und zugleich Hilfe für alle, die von Tod und Verlust betroffen sind. Was hat Ihnen in der Zeit der Trauer am meisten geholfen, was gab Trost?
Die Familie und Freunde! Ein Segen und Glück, dass sie da waren. Auch das Organisieren des Begräbnisses half mir. Es gab mir das Gefühl, etwas für mein Kind tun zu können. Es macht die Situation greifbarer, wenn sonst nichts mehr greifbar ist. Wichtig waren auch die Erinnerungsschachtel mit Dingen meiner Tochter und meine Reise zu Straßenkindern nach Rumänien. Man nimmt wieder andere Schicksale wahr, nicht nur das eigene.

Welchen Rat geben Sie Eltern, um einen derartigen Schicksalsschlag zu bewältigen?
Wichtig ist es, eine Art des Ausdrucks zu finden, dass die Trauer, die Emotion aus einem herauskann. Sei es durch Schreiben, Singen, Malen, Tanzen, Schreien, Backen oder sonst etwas. Segensreich sind auch Personen, mit denen man die Trauer teilen kann. Und man sollte den Blick nach außen nicht verlieren, Selbstmitleid ist dabei ein großer Hemmer!

Trauer braucht Zeit, sagt man. Wann konnten Sie selbst loslassen?
Loslassen geschieht langsam. Das Verlassen des Spitals, das Begräbnis. Zuerst ist man wie in Watte gepackt, fühlt eine große Leere in sich. Der Alltag zieht an einem vorbei, man steht ohne Kind und ohne Job da, denn eigentlich wäre man ja in Karenz. Jeder Geburtstag des Kindes ist auch ein Stück Loslassen. Man merkt, was man innerhalb eines Jahres geschafft hat. Heute habe ich losgelassen. Es gibt wehmütige Momente, aber diese sind nicht mehr so uferlos wie anfangs. Das Leben muss weitergehen.

Ihre Tochter ist Ihr „Lichtkind“. Woher kommt diese schöne Bezeichnung?
Dieser Begriff war für mich einfach da, es gab so eine Klarheit! Ich habe das Kind immer als Licht empfunden, es ist Licht für mich. Beim Begräbnis habe ich daher auch Weiß getragen. Und ich hatte dieses Lichterlebnis zuhause, bei dem ich einen tiefen inneren Frieden empfand. Es kam von meiner Tochter, auch meine schlimmen Schmerzen waren plötzlich weg.

Welches Verhältnis haben Sie heute zu Ihrer verstorbenen Tochter?
Seit etwa zwei Jahren versuche ich nicht mehr, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Es gibt kein dauerndes Kommunizieren mehr. Ich kann mich darauf verlassen, dass sie mir immer nahe ist.

Buchtipp:

Rita Maria Nikodim: Mein Lichtkind. Wie mich der Verlust meiner Tochter zu einem bewussteren Leben führte. Ennsthaler Verlag, Hardcover, 192 Seiten, 16,90 Euro. ISBN 978-3-85068-957-1. http://www.ennsthaler.at
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