29.04.2016, 17:52 Uhr

Kultur kurios: Zappismus

Nichts geht schnell. Die Dinge brauchen Zeit. Ich habe in den letzten zwei Jahrzehnten viel Leute gesehen, die zu solchen Worten zwar zustimmend nicken, dann aber in eine schnelle Fahrt einschwenken, um schnelle Ergebnisse zu generieren.


Mich interessiert das nicht, denn es erinnert mich so sehr an die Zapp-Kultur. Da wird durch die Kanäle gehechelt, man erfährt eigentlich nichts bis kaum etwas, aber es bleibt ein dumpfes Gefühl, nun sei etwas losgewesen.

Nichts spricht gegen hohes Tempo, wo das der Kern einer gesuchten oder überraschenden Erfahrung ist. In der Rezeption kultureller Stoffe kommt das aber selten vor.

Warum sollte jemand, der an Kultur ein redliches Interesse hat, sich solche Zapp-Modalitäten zulegen? Das kommt meist von Leuten, die sich wichtig tun müssen oder flott zu ansehnlichen Ergebnissen kommen wollen, ohne die dafür nötige Ausdauer aufzubringen.

Solcher Zappismus dekoriert sich gerne mit den typischen Funktionärsansprachen, die im Grunde keine Sau hören will, mutmaßlich nicht einmal der ansprechende Funktionär selbst. Ein Gerücht besagt, manche Menschen würden sich gerne reden hören. Ich glaube das nicht. Selbst der mäßig Begabte hat doch keine Lust, sich all zu lange Stuß anzuhören; und sei es der eigene.

Aber Zuwendung, Aufmerksamkeit, anerkennendes Murmeln durch möglichst ein ganzes Rudel von Menschen und nicht bloß durch die eigene Mutter. Das verlangt einen Gegenwert, hat einen Preis.

Es wäre elegant, würde man langem Atem zeigen, sich in manchen Möglichkeiten große Fertigkeiten aneignen, um das für Menschen erahnbar zu machen. So könnten sich diese Phänomene für Momente einstellen. Zuwendung, Aufmerksamkeit, anerkennendes Murmeln.

Wir wissen, wie das geht. Es geht nie schnell. Es braucht Intention, Ambition, Praxis. Mindestens zehntausend Handgriffe, um in irgendeiner Sache auch nur halbwegs versiert zu erscheinen. Drunter ist nichts zu machen. Bedaure!

Oder lassen Sie mich von den alten Werkmeistern erzählen, mit denen ich viel zu tun habe. Kennen Sie den Ethos dieser Zausel? Sie können, was sie sagen und sie sagen nur, was sie können. Kein Geschwafel.

Wer also etwa im Kulturbereich zehntausend Handgriffe getan oder erkennbar zehntausend relevante Gedankengänge gehabt hat, das merkt man ja, wo jemand den Mund aufmacht, da wird auch zugehört, zugeschaut, da darf es ruhig einmal etwas länger dauern.

Dabei wird dann nicht gezappt, sondern in diese oder jene Tiefe gegangen. Ich versichere Ihnen, ein geistreicher Mensch kann eine Stunde lang sprechen, es wird ihnen eher zu kurz vorkommen.

Wann haben Sie zuletzt eine Vernissage besucht, wo eine halbe Stunde gesprochen wurde und sie meinten, es wäre Zeit, das Bett aufzusuchen, weil der nächste Tag begonnen haben dürfte?

Allerdings gestehe ich jedem Gemeinwesen gerne zu, daß Geselligkeiten nötig sind, die einen sozialen Nutzen bringen, weil sie die Gemeinschaft fördern. Dazu muß man sich ja nicht bloß an einer Bar mit billigen Drinks wegschießen. Das leistet auch eine Kulturveranstaltung, bei der alle Beteiligten heute so gesittet sind, daß keinerlei unangenehme Vorfälle befürchtet werden müssen.

Sie hören etwas Musik, wenn Sie Pech haben, von Kleinkindern mit Blockflöte, wie zu Omas 80er, aber sonst auch gerne ambitioniert, von größeren Kräften elegant ausgeführt, Gitarre, E-Piano und Geige jederzeit, auch etwas Klarinette.

Die Ansprachen? Nun ja. Da zappe ich mich dann selber weiter. Aber das war vorhin nicht mit „Zappismus“ gemeint. Doch Sie verstehen mich. Oder?

P.S.:
Ich gebe Ihnen einen kleinen Hinweis zur Orientierung. Kann jemand das Publikum, wenigstens einmal zum Lachen bringen, ohne einen Witz erzählt zu haben, dann markiert das jenes Level an Esprit, welches auch zum Halten von Reden qualifiziert. Darunter sollte man noch üben, vielleicht bei Omas 80er.

+) Kultur kurios [link]
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