01.06.2016, 09:10 Uhr

Bezirksvorsteher Hannes Derfler im Kreuzverhör: "Wenn es sein muss, bin ich lästig"

Wenn es nach den Wünschen von Bezirkschef Derfler geht, soll bereits 2018 mit den Bauarbeiten am Nordwestbahnhof begonnen werden. (Foto: Spitzauer)

Der Bezirkschef der Brigittenau erzählt im bz-Interview, wie der aktuelle Stand am Nordwestbahnhof ist, warum der 20. Bezirk einer Insel gleicht und in welchen Bereichen er sich mehr Entscheidungsgewalt wünscht.

BRIGITTENAU. Zahlreiche Zettel und Unterlagen stapeln sich auf dem sonst aufgeräumten Tisch von SPÖ-Bezirksvorsteher Hannes Derfler. An der Wand hängen Familienfotos und in einer Vitrine findet man viele Erinnerungsstücke, die teilweise noch von Vorgängern stammen.

Die Brigittenau ist einer der wenigen Bezirke entlang der Donau, in denen die SPÖ noch relativ deutlich vor der FPÖ liegt. Wie können Sie sich das erklären und was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
HANNES DERFLER: In der Funktion ist es kein Thema, von welcher Partei ich bin, sondern welche Anliegen und Sorgen die Menschen haben und für diese bin ich da. Ich möchte mich nicht mit anderen Bezirken vergleichen. Bei mir ist es einfach so, dass ich immer ein offenes Ohr habe, wenn Bürger Wünsche, Sorgen oder Anliegen haben. Die Tür steht immer offen und das wissen die Menschen zu schätzen. Wir sind ein gemischter Bezirk und das ist gut so.

Bekommen Sie viel Feedback aus der Bevölkerung?
Natürlich! Sie können gern einmal mit mir durch den Bezirk spazieren, dann merken Sie, wie viele Gespräche da geführt werden.

Zum Thema Nordwestbahnhof. Das ist ja ein Herzensanliegen von Ihnen. Derzeit gibt es dazu eine Ausstellung. Wie ist der aktuelle Stand des Projekts?
Wenn ich es vergleichen würde mit dem Kochen: Wir hätten jetzt das Rezept geschrieben und die Zutaten eingekauft – gekocht muss erst werden. Umgelegt auf das Projekt bedeutet das, dass jetzt einmal das Leitbild erstellt und der Öffentlichkeit präsentiert wurde und jetzt die Rückmeldungen der Bevölkerung eintrudeln. Hier gibt es vielleicht noch Anpassungen. Die UVP ist Sache der ÖBB, diese wird ca. eineinhalb Jahre dauern, dann geht es um die Flächenwidmung. Anschließend wird definiert, wie hoch und groß die Gebäude werden dürfen. Wo sind Betriebsanlagen, Büros gewünscht und wo sollen Schulen hinkommen. Dann soll es losgehen.

Wann ist es soweit?
Ich hoffe, dass die ersten Bauten 2018 entstehen können – sonst 2019.

Welche Wünsche haben die Menschen rund um das Projekt?
Also die zukünftigen Bewohner würden sich wünschen, dass es am besten morgen schon losgeht. Den Anrainern des Nordwestbahnhofs geht es natürlich um etwas anderes. Diese haben jetzt eine ganz schöne Sicht und fragen sich, wie die Situation mit hohen Häusern sein wird und wie sich dadurchdie Sichtachse ändert. Die Grünfläche in der Mitte ist den Menschen und auch mir dabei ganz wichtig.

Wie sieht es bezüglich der geplanten Bildungseinrichtungen aus? Sie möchten ja speziell Erdgeschoßzonen so gestalten, dass sie generationenübergreifend genutzt werden können. Kommt diese Idee in der Bevölkerung gut an?

Ich möchte belebte Erdgeschoßzonen haben. Dazu muss man den Gewerbetreibenden Möglichkeiten bieten. Die Wohnbauträger haben oft das Problem, Erdgeschoßzonen nutzen und verwerten zu können. Wenn sie hier Hilfe bekommen, sind sie schon zufrieden. Das Interesse an dem Leitbild und an der Ausstellung ist groß.

Sie haben vor der Wahl zusammen mit dem Leopoldstädter Bezirksvorsteher Karlheinz Hora ein Straßenbahnkonzept für die Bimlinien 33 und 36 vorgestellt. Wie ist hier der aktuelle Stand und hat sich etwas daran geändert?
Von meiner Seite hat sich gar nichts geändert. Ich wäre sehr dafür, dass das endlich in Stein gemeißelt wird. Von der Flächenwidmung her müssen wir Trassen für den öffentlichen Verkehr definieren, und wo diese hinkommen sollen. Hier ergibt sich die Verlängerung aus der Wallensteinstraße hinaus in das Gebiet des Nordwestbahnhofs hinein. Das betrifft die Linie 33, deren Streckenführung geändert werden würde. Die Linie 36 könnte dann die Streckenführung der 33er übernehmen.

Ist das Gelände des Nordwestbahnhofs ausreichend öffentlich angebunden?
Das kann man ganz sicher gewährteisten, weil es keine Durchfahrtsmöglichkeiten für den individuellen Verkehr geben wird. Außer mit Fahrrad oder zu Fuß – damit kann man natürlich überall queren. Also wird es gar keine Möglichkeit geben, seine Kinder mit dem Auto in die Schule zu bringen. Außerdem entspricht das Ganze auch dem Bewegungsdrang von Kindern. Ich sehe nicht ganz ein, warum man Kindern in dem Alter täglich mit dem Auto zur Schule bringen muss. Man kann auch ein bisschen zu Fuß gehen oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen.

Keine Querungsmöglichkeiten für Autos: Bedeutet das mehr Begegnungszonen oder Fußgängerzonen im Nordwestbahnhof?
Das ist ein liebes Wort. Das gefällt mir gut. Keine Querung heißt einfach, dass wir hier keine Straße aufmachen werden, die das Gelände durchschneiden wird. Aber Anrainer dürfen natürlich zufahren.

Ist das Konzept ähnlich dem der Seestadt Aspern?
Besser!

Die Brigittenau war in den vergangenen Monaten immer wieder mit Übergriffen und Gewalttaten am Handelskai in den Schlagzeilen vertreten. Wird stärker kontrolliert und wie ist die Lage dort aktuell? Funktionieren die verstärkten Kontrollen und das Sicherheitskonzept?
Das kann man so nicht sagen, ob das Konzept funktioniert. Es ist tatsächlich einiges vorgefallen. Es war aber doch nicht so viel, wie es die Medien geschrieben haben - das vielleicht auch als leichte Kritik. Den ein und denselben Vorfall immer wieder aus einer anderen Perspektive vorzustellen, verursacht bei den Lesern das Gefühl, da passiert jeden Tag etwas.
Aber es stimmt: Es ist etwas vorgefallen und da ist jeder einzelne Vorfall ganz furchtbar, der passiert ist, weshalb es eine verstärkte Präsenz der Polizei vor Ort gibt. Aber auch das gewährleistet nicht zu 100 Prozent, dass nichts mehr passieren kann. Aber es ist ein erster wichtiger Schritt dahingehend gemacht, dass es Anwesenheit der Polizei gibt.

Warum kann es nicht zur Gänze gewährleistet werden?
Der Handelskai ist ein Verkehrsknotenpunkt, wo sich sehr viele Menschen treffen. Demzufolge kann es einfach vorkommen, dass hier etwas passiert. Das ist aber kein Grund, jetzt Angst zu haben oder zu denken, es ist dort gefährlich. Ich bin selbst oft dort, meine Tochter und meine Frau gehen auch hin. Also von dem her habe ich nicht die große Angst.

Also üben Sie Kritik an den Medien, dass die Vorfälle dort aufgebauscht wurden?
Nein, nicht aufgebauscht! Das ist schon ein Thema und darüber soll auch berichtet werden. Es ist aufgrund der Vielzahl der Vorkommnisse nur der Anschein entstanden, es passiert nur dort etwas. Wenn sich Drogenkriminelle, die Handel betreiben, streiten, kann das überall in Wien stattfinden. In dem Fall ist es eben beim Rivergate passiert. Wenn ein Verrückter meint, er fühlt sich belästigt, weil jemand dort Nelken verteilt, kann das überall passieren. Es ist schade, dass es dort passiert ist, aber vor allem ist es schade, dass es überhaupt passiert.

Haben Sie genug Macht, um alles durchzusetzen, was Sie durchsetzen wollen? Die Arbeiterkammer hat ja eine Studie erstellt, in der Sie meint, Bezirksvorsteher brauchen mehr Macht. Sehen Sie das auch so?
Macht ist ein gefährliches Wort, weil Macht kann in beide Richtungen verwendet werden. Es wäre schon schön, wenn man manche Sachen schneller und einfacher durchsetzen könnte. Aber es ist auch die Aufgabe eines Bezirksvorstehers, zu vernetzen, zu sprechen, immer wieder zu fordern, um sich für diese Situationen einzusetzen.
Das ist manchmal mühsam und manchmal dauert es auch sehr lang, manchmal kommen Entscheidungen, die man auch nicht versteht. Aber ich versuche es immer so: wenn es mir so erklärt wird, dass ich es verstehe, kann ich es auch weiter erklären. Und wenn das Magistrat oder eine Behörde es mir nicht so erklären kann, bin ich so lange lästig, bis ich es verstanden habe.

Gibt es Beispiele, in denen Sie sich mehr Entscheidungsgewalt in Ihrer Position wünschen?
Ja, da gibt es einige, zum Beispiel in Sachen Verkehrssicherheit. Darum kümmert sich die Behörde MA46. Hier denke ich aber schon, gerade wenn es eine Entscheidung in der Bezirksvertretung gibt - und viele davon werden einstimmig beschlossen - dass dann das Magistrat nicht von sich aus entscheiden kann, das wird nicht umgesetzt, nur weil sie es nicht als notwendig empfinden. Das sehe ich anders. Hier hat es nämlich eine Entscheidung eines politischen Gremiums gegeben - es kann natürlich auch sein, dass das politische Gremium eine Fehlentscheidung trifft, auch das kommt vor und dass es dementsprechend Gründe gibt, warum man etwas nicht umsetzen kann. ich bin direkter vor Ort als die Behörde.

Bezüglich Augarten haben Sie zusammen mit Bezirksvorsteher Hora um die Rückkehr zu normalen Öffnungszeiten gekämpft. Machen Sie hier weiter?
Hier sind wir wieder beim Thema der Macht oder der Möglichkeiten. Wir versuchen es natürlich auch weiterhin, sowohl Karlheinz Hora als auch ich, weil die Bevölkerung das gerne so haben möchte. Das ist nicht nur ein Freizeit- und Erholungsgebiet. Der Augarten wird von vielen Schülern in der Früh als Abkürzung zwischen 2. und 20. Bezirk verwendet. Diese Barriere mit den verkürzten Öffnungszeiten hier einzuziehen, macht keinen Sinn. Wenn es nur ums Geld geht, gibt es Möglichkeiten, wie wir als Bezirk mitwirken können. Beispielsweise bei der Schneeräumung. Es gäbe Möglichkeiten, diese Öffnung durchzusetzen. Es scheitert jedoch am Willen der Burghauptmannschaft.

Zuletzt noch eine persönliche Frage. Wie würden Sie als Bezirksvorsteher der Brigittenau den Bezirk beschreiben? Drei Stichworte, um zu erklären, was an diesem Bezirk so besonders ist.
Nur drei? Das ist schwierig, Die Brigittenau ist eine Insel. Und dieses Feeling spürt man, wenn man durch den Bezirk geht. Wir sind eine Gruppe von Leuten, die irgendwie zusammengehört. Wir haben eine ganz tolle Durchmischung der Bevölkerung. Da geht es gar nicht so um Ethnien. Wir können durch den Bezirk gehen und sehr viel unterschiedliche Personengruppen wahrnehmen, die sich nicht stören sondern ergänzen.
Die Brigittenau ist ein sehr junger Bezirk. Es gibt sehr viele Kinder, sehr viel Kinderlachen. Das macht die Stimmung auch ein bisschen aus. Der Bezirk hat leider viel zu wenig Grünflächen, obwohl wir eigentlich viel Grün haben. Aber die Menschen drängen nach draußen in den öffentlichen Raum und es gehört auch zu meinen Aufgaben, den öffentlichen Raum so herzurichten, dass sich die Menschen da draußen auch tatsächlich wohl fühlen.
Und die Brigittenau ist ein Bezirk, der ein Flair hat, das man auch spürt. Man kennt seinen Geißler, man kennt seinen Kebaphändler, man kennt seine Pizzeria, man kennt seinen Chinesen. Da geht man hin und fühlt sich wohl. Oder man geht auch einfach nur zum Wirt ums Eck – da bekommt man dann die echten Wienergeschichten geboten. Man kann im Bezirk Urlaub machen - das ist schon sehr angenehm.

In den kommenden Wochen interviewen wir alle 23 Bezirksvorsteher. Die bereits bestehenden Interviews finden Sie auf www.meinbezirk.at/bz-interview
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Heidemarie Zimmermann aus Brigittenau | 03.06.2016 | 08:44   Melden
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