31.08.2016, 00:00 Uhr

„Relegation“: Digitales Gedenken

"Schrei 21:43 Uhr", 2016, Tusche auf Papier, 48 x 36cm; ©: Konstanze Sailer
Wien: Galerie Kunst Zone |

Kunstinitiative „Memory Gaps ::: Erinnerungslücken“ von Konstanze Sailer gedenkt NS-Opfern mit Ausstellungen in Wiener Straßen, die es geben sollte.

Trotz der zum Teil engen bis kaum vorhandenen Handlungsspielräume während der NS-Diktatur haben einzelne Menschen sich dennoch für den Widerstand entschieden, andere kooperierten – aus den verschiedensten Motiven – mit dem NS-Regime.

Elfriede Hartmann (* 21. Mai 1921 in Wien; † 2. November 1943 ebenda) war Studentin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. Sie wuchs in Döbling auf, maturierte 1939 am Mädchenrealgymnasium Billrothstraße und inskribierte 1940 Chemie an der Universität Wien. Als „Mischling ersten Grades“ wurde sie noch im selben Jahr relegiert (von der Universität ausgeschlossen). Bereits seit 1938 stand sie mit dem Kommunistischen Jugendverband in Verbindung und verfasste zahlreiche Artikel sowie politische Flugblätter. 1942 wurde sie festgenommen, inhaftiert und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung“ angeklagt. Elfriede Hartmann wurde im Alter von 22 Jahren zum Tode verurteilt und am 2. November 1943 im Wiener Landesgericht enthauptet.

Bis zum heutigen Tag existiert in Wien keine Straße, die ihren Namen trägt. Hingegen ist nach Hugo Bernatzik seit 1957 nach wie vor eine Gasse in Wien-Döbling benannt. Bernatzik war ein renommierter Ethnologe, ab Mai 1938 NSDAP-Mitglied, ab Juli 1938 Mitglied der Reichsschrifttumskammer und mehrerer weiterer NS-Vorfeldorganisationen sowie ein passiver politischer Spitzel der NS‐Abwehrstelle im Bereich Wissenschaft und Hochschule. Anstelle von Hugo Bernatzik sollte künftig in Wien-Döbling an Elfriede Hartmann erinnert werden.

Die Kunstinitiative der Malerin Konstanze Sailer wird mit einer weiteren Ausstellung von Tuschen auf Papier in virtuellen Räumen eröffnet. Die Galerien befinden sich ausnahmslos in Straßen oder an Plätzen, die es nicht gibt, die es jedoch geben sollte: Solche mit Namen von Opfern der NS-Diktatur. Monat für Monat wird so das kollektive Gedächtnis erweitert. Monat für Monat werden damit Erinnerungslücken geschlossen.

Memory Gaps ::: Erinnerungslücken zeigen eine Auswahl aus tausenden Tuschen auf Papier aus zehn Jahren. Sie stellen Schreie und Aufschreie von Opfern dar. Zum schmerzerfüllten Aufschrei geöffnete Münder und Kiefer. Abstrakte Darstellungen von Schreien in Ghettos, Konzentrationslagern und NS-Tötungsanstalten – gemalte Erinnerungskultur. Seit drei Jahrzehnten arbeitet die aus Heidelberg stammende und in Wien lebende Künstlerin zu den Themen Antlitz, Schädel und Tod. Tusche auf Papier wurde als Technik gewählt, um der "Filigranität" jener „Papierfetzen“ nachzuempfinden, auf denen in Konzentrationslagern inhaftierte Künstler – zumeist im Geheimen – ihre Kunstwerke herstellten.

Zur Ausstellung von Memory Gaps ::: Erinnerungslücken
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