25.03.2016, 11:51 Uhr

Der Herr Karl trifft Gerry Gerngroß

Weil heutzutage ja jeder was zu sagen hat, versucht sich Gerry Gerngroß alias Markus Koschuh in „Autsch“ – Österreich dreht auf“ als Erfinder und Moderator eines neuen TV-Formats. (Foto: Gabriele Griessenböck)
Innsbruck: Kellertheater |

Das Kellertheater steigt in den Keller der österreichischen Seele: mit Merz und Qualtinger und einer aktualisierten Antwort von Markus Koschuh

Was ein richtiges Kultstück ist, das hat irgendwie zeitlose Qualität und Gültigkeit. Und selbst wenn man den Herrn Karl schon das eine oder andere Mal gesehen hat, also einigermaßen gut kennt, bleibt einem doch immer wieder aufs Neue der Mund offen. Angesichts dieser unverhohlen dargebotenen Hinterfotzigkeit, diesem als Naivität getarnten Opportunismus und einer ebenso konsequenten wie skrupellosen Schmarotzerattitüde, die besagter Herr Karl ebenso perfektioniert hat wie seine Selbstabsolution. Ein A vor dem Herrn ist dieser Herr Karl und das wenig schmeichelhafte Spiegelbild einer Geisteshaltung, bei der man zuallererst und peinlichst genau auf den eigenen Vorteil schaut und dabei gerne milde darüber hinwegsieht, dass ein anderes weniger egoman veranlagtes Gegenüber dann dafür aufkommen darf. Die Zeiten sind hart, da muss man schon schauen, wo man bleibt. Angesichts dieser nonchalant vorgetragenen Ansammlung an kleineren und größeren Widerwärtigkeiten könnte einem selbst heut, also über fünfzig Jahre später, zuweilen noch ein lautes Autsch auskommen.

Insofern ist Markus Koschuhs Replik auf den „Herrn Karl“, die nun unter eben diesem Titel „Autsch! - Österreich dreht auf“ im Wechselspiel mit dem Herrn Karl im Kellertheater zu sehen ist, in gewisser Weise fast als eine Antithese auf Merz’ und Qualtingers Brachialanalyse der österreichischen Mitläufer- und Mitschnorrerseele zu sehen, zugleich aber auch eine ernüchternde Bilanz des derzeitigen seelischen Status quo. Zwar sind sie beide sprichwörtlich im Keller, der eine (Karl) im Lager jenes Feinkostgeschäfts, in welchem er mehr tachiniert als arbeitet, der andere (Gerry Gerngroß) im Haus der Großmutter, wo er gerade im Alleingang mit einem unterbezahlten Kollegen den Piloten eines radikal neuen Reality-TV-Formats entwickeln will. Einer Sendung also, wo die Raunzer, Besserwisser und Alltagsfaschisten endlich mal ohne Maulkorb und Schnitt zu Wort kommen sollen. Doch während der Herr Karl es sich mit Jobs, Politik, Vereinen, Frauen und Gemeindewohnungen immer irgendwie richtigen konnte, ist Gerry Gerngroß der paradigmatische Vertreter einer Generation, die sich ihr Irgendwie-Überleben oder Vermeintlich-Wichtigsein nur noch auf Youtube oder Facebook inszenieren kann. Von der Frau übers Ohr gehauen, ist er nach der Scheidung weniger atem- als viel mehr „mittellos“ (endlich mal eine Version der Fischerhymne, die wieder Spaß macht). Außerdem hat er anders als sein Antagonist Karl die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zuletzt sogar zur ernüchternden Erkenntnis.

Daher ist Koschuhs neues Stück, das er erstmals mit Kellertheater-Hausherr Manfred Schild als Regisseur erarbeitet hat, auch irgendwie neu in seiner Tonalität. Es hat etwas fast Wehmütiges, Melancholisches, was man ja zuweilen auch der österreichischen Seele zu attestieren pflegt. Doch diese bittere und fast fatalistische Note ist wohl einer Zeit geschuldet, die längst aller Unschuld beraubt wurde. Herr Karl (übrigens brillant-schleimig verkörpert von Elmar Drexel in Klaus Rohrmosers stringenter Regie) kann sich da noch bequem hinter allfälligen Märchen und Mythen verstecken
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