31.05.2016, 11:09 Uhr

Im Dickicht der Erinnerung

Als Firmenkollegen saufen sie sich bei der jährlichen Betriebsfeier am Grillenparz in eine Katastrophe hinein, an die sie sich hinterher nicht mehr erinnern werden. (Foto: TON/NOT)
Innsbruck: Treibhaus |

Der Verein TON/NOT zeigt im Treibhaus das Debütstück des angesagten jungen Autors Thomas Arzt.

Erst vor zwei Wochen wurde bekannt, dass Forscher der Northwestern und Harvard University erstmals ein Phänomen untersucht haben, das sie in ihrer Conclusio als ethische Amnesie bezeichneten. Demzufolge löscht unser Gehirn ganz bewusst Erinnerungen an unmoralische und verwerfliche Handlungen aus dem Gedächtnis. Damit, so die Studienautoren, ließe sich auch erklären, warum Menschen, die nachweislich unethisch handelten, häufig keinerlei Unrechtsbewusstsein zeigen. Das Debütstück von Thomas Arzt „Grillenparz“, das Katrin Jud, Obfrau von TON/NOT, einem rührigen Innsbrucker Verein für interdisziplinäre Theaterformen nun mit einem überaus engagierten Team erarbeitet hat und derzeit im Treibhaus zu sehen ist, könnte geradezu als literarische Beweisführung für dieses Phänomen gelesen werden.

Der aus dem oberösterreichischen Schlierbach stammende 33-jährige Dramatiker, dessen zweites Stück „Alpenvorland“ vor zwei Jahren in der Regie von Fabian Kametz in den Kammerspielen zu sehen war, gilt ja derzeit als einer der besonders verheißungsvollen Sterne am zeitgenössischen Theaterhimmel. Sein erstes Stück „Grillenparz“, das 2011 in der Inszenierung der aus Innsbruck stammenden Regisseurin Nora Schlocker seine Uraufführung am Schauspielhaus Wien erlebte, ist freilich noch wesentlich versponnener und numinoser angelegt als seine Nachfolgetexte. Denn die zwischen „Geldmensch und Geiltier“ oszillierenden Figuren von „Grillenparz“, denen der Autor sinnigerweise so selbsterklärende Namen wie Hirsch, Stieringer, Bambi, Flora, Fischer verpasst hat, wollen sich partout nicht mehr daran erinnern, was sich vor einem Jahr bei ihrer jährlichen Betriebsfeier am Grillenparz-Hügel wirklich abgespielt hat.

Dabei scheint sich im Rausch so manches zu wiederholen. Die Entfesselung der Wirtschaftstierchen über die Kollektivdroge Alkohol offenbart ihre Gier ebenso wie ihre Gewaltbereitschaft, ihre Sehnsüchte wie ihre narzisstischen Persönlichkeitsstrukturen. Die ebenso schöne wie rätselhafte Flora erscheint dabei als die sinnbildliche Entsprechung einer Natur, die zwar alle zum Übergriff einzuladen scheint, aber sich dann sehr wohl zu wehren versteht, während die naive Bambi, die gern so wäre sie, diese emotionale Treibjagd nicht überleben wird.

Katrin Jud hat diesen dichten anspielungsreichen Theatertext jedenfalls überaus raffiniert aufgelöst: Sie zeigt die verschiedenen Ebenen in einer Interaktion zwischen realem Bühnenspiel und einer allegorischen hochpoetischen Videoprojektion (Film: Lukas Ladner), die gleichzeitig auch als Bühnenbild fungiert. Isobel Cope hat hierfür einen wunderbar stimmungsvollen und passgenauen Soundtrack komponiert. Und Michaela Adrigan, Daniela Bjelobradic, Peter Holzer, Tobias Horvath, Michaela Senn und Maximilian Stroka bilden sowohl auf der Bühne wie im Film ein in sich geschlossenes Treib- und Triebjagdensemble, das seine Handlungen und seine Verantwortlichkeit einfach aus der Erinnerung löschen wird.
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