02.06.2016, 07:00 Uhr

Wenn der Fernseher zum Mittelpunkt wird

Kann die Fußball-EM Ihre Beziehung gefährden? Darauf weiß Psychologin Andrea Riener-Florian Antwort. (Foto: Günter Menzl/Fotolia)

OÖ. Ist die EM-Zeit Krisenzeit für Beziehungen? Dauerfernsehen, kein anderes Thema mehr als Fußball, Streit um die Fernbedienung? Die BezirksRundschau hat bei Psychologin Andrea Riener-Florian nachgefragt, wie Paare die EM-Zeit sicher überstehen können.

BezirksRundschau: Kann exzessives Fußballschauen, etwa während der EM, in eine Beziehungskrise führen?
Andrea Riener-Florian: Wenn es sich um eine stabile, gefestigte Beziehung handelt, werden ein paar Wochen EM die Grundfeste dieser nicht erschüttern können. Eine gute, basierte Partnerschaft wird jegliche Krisen, vor allem, wenn man sich vorab darauf einstellen kann, gut überstehen – Gesetz dem Fall beide Teile arbeiten daran. Man sollte sich darüber im Klaren sein, was genau belastend werden könnte, welche Probleme auftauchen und womit jeder der Partner eventuell Schwierigkeiten haben könnte. Sind beide gesprächsbereit, kann jede Frau oder auch jeder Mann diese fußballintensive Zeit gut überstehen! Weiters könnte der nicht allzu Fußballbegeisterte die Zeit nutzen, um Dinge zu unternehmen, die vielleicht schon lange aufgeschoben sind, Freunde treffen oder sich einfach mal Zeit für sich selbst nehmen. Man kann ungestört diese Momente nutzen und der Fußball-Fan wird nicht stören, um gemeinsame Zeit einzufordern – eher anzunehmen ist, es fällt ihm gar nicht auf.

Richtig oder falsch: Wer die Fernbedienung in der Hand hält, hat die Hosen in der Beziehung an!
Ich denke nicht, dass der Besitz der Fernbedienung mit dem Sagen in der Beziehung gleichzusetzen ist. Allerdings ist es heute immer noch oftmals so, dass die „Macht über die Fernsteuerung“ zum größten Teil der Mann innehat. Einerseits liegt es daran, dass doch die meisten Männer eindringlich darum kämpfen, diesen Besitz nicht der Frau zu übergeben, so als letzte Bastion der Männlichkeit. Zum anderen ist es oftmals der Fall, dass Frau abends noch so einiges zu tun hat (Kinder ins Bett bringen, zusammenräumen, für den nächsten Tag etwas vorbereiten...), somit wird es eher unwahrscheinlich pünktlich zum Abendprogramm vor dem TV zu sitzen und der Spruch greift „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“! Ich gehe zwar davon aus, dass in den heutigen modernen und doch langsam gleichberechtigten Partnerschaften alles ein Geben und Nehmen sein und einer harmonischen, ausgewogenen Basis unterliegen sollte und dazu würde genauso der Umgang mit der Fernbedienung gehören, doch in den Wohnzimmern der Männer und Frauen in Österreich dürfte es noch ein wenig dauern, bis dies tatsächlich auch die Auswahl des Fernsehprogramms betrifft. Anmerken möchte ich jedoch noch, dass diese Angaben keinen statistischen Studien zugrunde liegen, sondern rein persönlicher, aber umfangreicher Erfahrungsberichte.

Könnte ein "Wunder von Paris" zu einem " Wunder für die Beziehung" werden?
Alles ist möglich! Sollte die österreichische Mannschaft große Erfolge feiern oder sogar Europameister werden – was zumindest theoretisch möglich ist (immerhin haben wir eine bis dato schon lange nicht mehr so gut aufgestellte Mannschaft und sind in der Weltrangliste Nummer 10), wird dies viele Fußballbegeisterte beflügeln, ihnen ein Hochgefühl geben und somit positive Auswirkungen auf das persönliche Umfeld eines jeden haben. Genauso wie man weiß, dass Misserfolge im Sport – auch wenn es jemanden nur als Zuseher betrifft – Folgen im Umgang mit anderen Menschen haben können – Stichwort Frustabbau, Aggressionsverlagerung – bedeutet es dasselbe in die andere, positive Richtung. So kann in Folge jeder davon profitieren, wenn der fußballbegeisterte Partner von einem Sieg „seiner Mannschaft“ heimkehrt und überglücklich ist. Allerdings sollte man nicht von einer Wunderheilung bei bereits schwierigen Beziehungen ausgehen: kurzweiliger Aufschwung ja; Lösen von tiefen, länger bestehenden Problemen wird ein sportlicher Erfolg im Fußball nicht bieten können!

Bei einem Fußballabend mit Freunden über die Stränge geschlagen? Wie bringe ich das schonend der Partnerin/ dem Partner bei?
Erstmal muss gesagt sein, dass der jeweilige Part, der über die Stränge geschlagen hat, am meisten selber zu leiden hat. Entweder war der Alkoholkonsum beim Fußballschauen viel zu groß (vor allem in Anbetracht, dass doch einige Spiele unter der meist arbeitsintensiven Woche sind) oder er hat viel zu laut mitgegrölt und dadurch eventuell hitzige Diskussionen im Freundeskreis ausgelöst. Im ungünstigsten Fall hat der aufbrausende Fan Hausverbot im Stammlokal bekommen oder bei Fußballwetten einen Teil der Haushaltskassa verspielt. Sollte es sich um einen so gelagerten Fall handeln, muss man als Partner nicht mehr viel tun, um oben auf zu sein, weil das schlechte Gewissen des Fußballbegeisterten dies am nächsten Tag von selbst regelt. Sollte noch nicht alles so offen liegen, tut man gut daran, ehrlich seine ungünstigen Verhaltensweisen darzulegen, Gelobung zur Besserung zu versprechen und sich dann daran auch wirklich zu halten. Viel schlimmer als Fehlverhalten des Partners mitzuerleben sind Besserungsbekenntnisse, die sich dann in Schall und Rauch auflösen. Fehler zu machen ist menschlich, daraus zu lernen wäre schön.

Wie können sich die Wogen zwischen Fußball-Schauern und Verweigerern, nach der EM, schnell wieder glätten?
Den Fußball-Schauern würde ich raten, den Menschen an ihrer Seite, die dem Fußballgenuss im Wege stehen könnten, Gutes zu tun, nett und zuvorkommend zu sein und seine jeweiligen Pflichten, die jeder von uns in Beziehungen (mit oder ohne Kinder) hat, nachzukommen und nichts liegen zu lassen. Es ist viel leichter zu akzeptieren, dass sich jemand Auszeiten nimmt – und die EM ist in vieler Hinsicht eine Auszeit – wenn es dadurch im gemeinsamen Leben keine Einschränkungen gibt. Wenn ich in dieser Zeit alles alleine zu regeln habe, nur weil der andere dauernd mit Fußball beschäftigt ist, werden der Zorn über diese Situation und folglich Konflikte nicht lange auf sich warten lassen. Wenn ich als nicht Fußball – Liebender keine Einschränkung im normalen Alltag erlebe, werde ich viel eher damit umgehen können, dass mein Partner in diese Wochen so viel Zeit und Energie in den Fußball steckt. Genauso empfehle ich den „Verweigerern“, diese Zeit den Fußball-Fans freizuhalten, ihnen das zu gönnen und in Ruhe abzuwarten, bis diese wiederkommen. Je mehr ich mich als Partner während EM zurücknehme und dem anderen dieses Geschenk der freien Zeit zu teil werden lassen kann (und dabei ebenso für mich gut nütze), umso eher profitiere ich zukünftig davon! Wenn die Bewunderung der Fußballkollegen mitgeteilt wird, wie gut es demjenigen geht, weil er ganz in Ruhe der EM folgen kann, sein Partner / die Partnerin vielleicht noch die Getränke und die Knabbereien dazu besorgt, er sich in diesem Hochgefühl suhlen kann, wird er merken, wer das alles mitträgt und folglich sogar eventuell mit einem Blumenstrauß oder einem Gutschein für ein Liebeswochenende NACH der EM da stehen, um sich für unseren „Gefühlselfmeter“ zu bedanken, der dann gerne miteinander in die Verlängerung gehen darf!

Zur Person:

Andrea Riener-Florian, 40 Jahre, leitet das Familienbundzentrum in Linz und ist Psychologin. Seit 18 Jahren ist sie mit einem sehr fußballbegeisterten Mann zusammen und Mutter von 2 Söhnen. Riener-Florian ist zudem Autorin des Blogs www.mama-papa-blog.com
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