13.06.2016, 10:06 Uhr

Linzer Kirchen öffneten ihre Türen

"Balanced Moving" im Haus der Frau. (Foto: Wakolbinger)

"Lange Nacht der Kirchen" begeisterte am Wochenende zahlreiche Besucher.

Am vergangenen Freitag wurden in ganz Oberösterreich mehr als 100 Kirchenräume von neun christlichen Konfessionen mit über 430 Veranstaltungen bespielt. Trotz harter Konkurrenz durch die Eröffnung der Fußball-EM ließen sich tausende Besucher die "Lange Nacht der Kirchen" nicht entgehen. Auch in Linz wurde einiges an Programm geboten. Ob Musikalisches oder Gesellschaftspolitisches, Ausstellung oder Lichterlabyrinth, Stille oder Tanz, Ernstes oder Humorvolles, Kreatives oder Meditatives, Klassisches oder Kurioses, Gebet oder Diskussion, Wort oder Bild, Eigenes und Fremdes – für jeden Geschmack war etwas dabei. Auch das Thema Fußball durfte nicht fehlen – ebenso wenig wie Veranstaltungen zu Flucht und Migration.

Gemeinsame Eröffnung

Im Linzer Mariendom begann die 11. Lange Nacht der Kirchen mit einem ökumenischen Abendgebet mit Vertretern der neun christlichen Kirchen in Oberösterreich: Diözesanbischof Manfred Scheuer, Dompfarrer Maximilian Strasser und Ökumene-Referentin Helga Schwarzinger (Römisch-katholische Kirche), Superintendent Gerold Lehner und Pfarrerin Veronika Obermeir (Evangelische Kirche A. B.), Kurator Heinrich Benz (Evangelische Kirche H. B.), Pastor Martin Siegrist (Evangelisch-methodistische Kirche), Erzpriester Dragan Micic und Nemanja Micic (Serbisch-orthodoxe Kirche), Erzpriester Johannes Abousif (Koptisch-orthodoxe Kirche), Pfarrer Sorin Bugner (Rumänisch-orthodoxe Kirche), Pfarrer Hannes Dämon (Altkatholische Kirche) und Rudolf Fürholzer (Baptistengemeinde). Musikalisch gestaltet wurde die Vesper vom Chor „cantus toccare“ aus Hartkirchen mit Instrumentalisten unter der Leitung von Hermine Aichinger und von Domorganist Wolfgang Kreuzhuber.

Sichtbares Zeichen des Miteinanders

In seiner Begrüßung betonte Dompfarrer Maximilian Strasser, die ökumenische Vesper sei ein sichtbares Zeichen des Miteinanders in dieser Langen Nacht der Kirchen. Im Zentrum der Texte, Lieder und Gedanken stand das Tor. Ein Tor-Bogen befand sich auch neben dem Altar und wurde am Beginn der Vesper von den Vertretern der christlichen Kirchen durchschritten. Das Tor nimmt Bezug auf das diesjährige Leitwort der Langen Nacht der Kirche aus der Offenbarung des Johannes: „Ihre Tore werden den ganzen Tag nicht geschlossen, Nacht wird es dort nicht mehr geben“ (Offb 21,25). In diesem neutestamentlichen Text wird die Vision von einem Neuen Jerusalem („himmlisches Jerusalem“) beschrieben, einer Stadt, die die neue Schöpfung Gottes veranschaulicht und in der Not und Leid endgültig besiegt sein werden. Dieser Text wurde auch als Lesung verwendet. Pfarrer Hannes Dämon von der Altkatholischen Kirche formulierte nach der Lesung einige persönliche Gedanken. Im Text sei davon die Rede, dass auf den Toren des neuen Jerusalem die Namen der zwölf Stämme Israels eingeschrieben seien, damit die Menschen nie vergessen, was Gott für das Volk Israel getan habe. „So sollen auch in unseren Herzen die Namen von Menschen eingeschrieben sein, die uns stärken, stützen und halten. Sie sollen eingeschrieben sein in Gottes Gegenwart, seinen Schutz und seinen Segen“, so Dämon.

Kirche voller Lebensfreude

Diözesanbischof Manfred Scheuer, der erstmals die Lange Nacht der Kirchen in Linz erlebte, nahm in seiner Predigt die Atmosphäre von (Kirchen-)Räumen in den Blick. Beim Betreten eines Raums sei wahrnehmbar, „ob ein Raum heimelig ist oder distanziert wirkt, was in der Luft liegt, vielleicht auch, wie die Menschen miteinander umgegangen sind“. Der „Wohlgeruch der liebenden Aufmerksamkeit“ werde dabei ebenso spürbar wie der „Bleigeruch von Spannung, Streit und Aggression“, die Last eines niederdrückenden Schweigens, das Gewicht bedrückender Einsamkeit oder gelöstes, beschwingtes Dasein. Es sei rasch zu erahnen, ob ein Raum „ein Vogelhaus, ein Treibhaus oder ein Bunker“ sei, so Scheuer. Der Bischof wörtlich: „Räume verleiblichen unsere Seele, spiegeln Grundhaltungen dem Leben gegenüber wider. Räume sind gefüllt bzw. entleert von unseren Beziehungen. Sie drücken die Kultur oder auch die Verwahrlosung unseres Miteinanders aus.“ Dies gelte auch für die Kirche und für Kirchenräume. Wer ein Gotteshaus betrete, nehme wahr, ob Anbetung und Sammlung die Atmosphäre prägten oder ob die Kirche ein Museum sei, in dem der „Mief der Vergangenheit“ überwiege. Die Atmosphäre einer Kirche sei „geladen von Lebensfreude, Zuversicht, Trost, Gebet oder auch von Geschäftigkeit, Geld, Formalität, von Moder, Ruß und Feuchtigkeit“, betonte der Diözesanbischof.

Städte und Dörfer des Landes seien durch die Kirchen geprägt. In der Architektur einer Stadt werde deutlich, „wem die Dome der Wellness, die Tempel des Geldes und der Gourmets, die Kathedralen des Nahverkehrs, die Gotteshäuser des Konsums, die Kultorte der Kunst und Kultur geweiht sind“. Es zeige sich klar, wer die „Hohenpriester“ seien, wer bestimme, was wichtig sei, wer festlege, wie Beziehungen zu sein hätten, so Scheuer. Kirchenbauten und deren Schönheit seien wichtig, Kunst und Schönheit stelle keinen Verrat an den Armen dar, denn: „Unsere Kirchen sind Herberge für Flüchtende, Obdach für die Seele, Schonräume, Freiräume und Räume des Aufatmens.“

Abschließend formulierte Superintendent Gerold Lehner von der Evangelischen Kirche A. B. einen Wunsch für die Nacht. Es sei jedes Jahr wieder faszinierend, wie sich im Frühling Knospen bildeten. „Sie sind ganz bei sich, konzentriert auf das Wachstum. Und dann ist zu erleben, wie sie sie sich öffnen, um neu zu empfangen, wie Leben immer wieder neu Leben stärkt. Dass auch Sie in dieser Nacht ganz bei sich sind und dann offen werden, aufgehen, das Erlebte in sich hineinströmen lassen – das wünschen wir Ihnen von Herzen“, so Lehner.


Eine sportliche Nacht

Eine Lange Nacht der Kirchen ohne Fußball – und das zum Auftakt der Fußball-EM in Frankreich? Das geht gar nicht, dachte sich das Team der JugendKircheLinz in der Stadtpfarrkirche Urfahr und verwandelte das Maindeck des Ars Electronica Centers kurzerhand in eine Fußballarena für Menschen-Wuzzler-Turniere. Bei einem Podiumsgespräch diskutierten u. a. Bischofsvikar und Fußball-Fan Willi Vieböck und LASK-Legende Helmut Köglberger über die Ähnlichkeiten zwischen Fußball und Kirche. Und natürlich konnte auch das Eröffnungsspiel der Fußball-EM mitverfolgt werden.

Köstlichkeiten aus dem Kloster

Der Klostermarkt auf dem Linzer Domplatz lud heuer zum siebten Mal zu Stärkung und Begegnung ein. Viele Besucher nutzten schon am Freitagnachmittag die Gelegenheit zum Gustieren, Kosten und Kaufen. Auch am Abend war der Markt eine Begegnungszone, wo Kloster-Köstlichkeiten genossen und angeregte Gespräche geführt wurden. Klöster und Ordensgemeinschaften aus Österreich und Bayern präsentierten hier ihre Produkte. Bio-Backwaren waren genauso zu finden wie Bier, Liköre, Schmuck, Salben und Kunsthandwerk.

Lebendiges Programm

Das beeindruckende Bauwerk des Linzer Mariendoms hielt auch Spannendes für Kinder bereit. Die Dombauhütte in der Linzer Hafnerstraße ist die einzige öffentlich begehbare Dombauhütte Europas. Hier hatten Kinder die Möglichkeit, für einen Abend Steinmetz oder Restaurator zu sein. Sie durften wie die Profis den Original-Sandstein des Domes bearbeiten, Granitblöcke mit traditionellen Federkeilen spalten oder Gipsabdrücke von Zierwerk anfertigen. Schnell wurde deutlich, wie viele Handgriffe nötig sind, um einen Dom zu bauen und zu erhalten.

An der Bibliothek der Katholischen Privat-Universität Linz erwachten hingegen Persönlichkeiten aus alten Büchern zum Leben. Bibliotheksdirektor Ingo Glückler und Theologe Stefan Dorninger nahmen die Besucher in szenischen Darstellungen mit auf eine spannende Reise in die Entstehungszeit des „Nibelungenlieds“. Der Name der Linzer Nibelungenbrücke verweist ja auf den Mythos des Nibelungenwegs, auf dem die germanischen Sagenfiguren Kriemhild und ihre Brüder auf dem Weg zum Hunnenkönig Etzel auch in die Gegend des heutigen Linz gekommen sein sollen.

Musik und Tanz

Dass der Garten der Marienschwestern nicht nur eine grüne Oase mitten in Linz ist, sondern auch eine wunderbare Outdoor-Tanzfläche, zeigte sich ebenfalls bei der Langen Nacht der Kirchen. Sage und schreibe 80 Freunden von Kreistänzen tanzten inmitten von Bäumen und Blumen mit Schwester Huberta Rohrmoser zu Musikstücken aus aller Welt – von beschwingt bis meditativ. Das Motto von Schwester Huberta lautet: „Wer singt, betet doppelt, wer die Orgel schlägt, betet dreifach – und wer tanzt, betet fünffach!“ Auch im Bildungs- und Begegnungszentrum Haus der Frau wurde im wunderschönen Garten zu Musik aus verschiedenen Kulturen getanzt. Tanzpädagogin Claudia Pfeiffer lud Tanzfreudige zu „Balanced Moving“ ein.

Subtile Mehrklanglichkeit erwartete die Besucher der Rudigierhalle im Linzer Mariendom. Peter Androsch (Gitarre, Melodika). Didi Bruckmayr (Stimme) und Bernd Preinfalk (Kontrabass) schufen einen ganz besonderen Raumklang und entführten auch ins Universum der Obertöne. Die „Chor-i-feen“, ein über 50 Stimmen starker Chor aus Rohrbach, begeisterten im Alten Dom (Ignatiuskirche) und in der Minoritenkirche. Unter Chorleiterin Maria Grünbacher präsentierten sie ein anspruchsvolles Repertoire zum Thema „Da sprach Gott: Licht entstehe – und das Licht strahlte auf“. Afrikanische Klänge und Rhythmen erfüllten die evangelische Martin-Luther-Kirche. Die „African Singers & Drummers“ vermittelten den Besuchern einen lebendigen Eindruck davon, wie evangelisch-methodistisch gefeiert wird. Stimmgewaltig präsentierten sich in der Pfarrkirche Christkönig (Friedenskirche) in Urfahr die etwa 100 Sänger des Upper Austrian Gospel Choir, dessen Mitglieder aus ganz Oberösterreich kommen. Mit kleiner, aber feiner Besetzung musizierte das Vokalensemble b.choired. Großchor und Ensemble sangen unter der Leitung von Hans Baumgartner unter dem Motto „Together we will rise“.

Fremdes kennenlernen

Liebe geht durch den Magen – und Kochen verbindet: Das erlebten Besucher der Langen Nacht der Kirchen im Haus der Frau. Vier Flüchtlinge gaben bei einer Fotoausstellung von Nejad Seyed Mojtaba Mousavi Einblick in ihr neues Leben in Oberösterreich. Beim gemeinsamen Kochen syrischer Speisen wurde erfahrbar, dass durch Begegnung mit konkreten Menschen Beziehung und Verbundenheit entsteht – über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg.
Was es heißt, aus der Heimat zu flüchten, hat auch der in Bulgarien geborene Schriftsteller Dimitré Dinev am eigenen Leib erfahren. Er floh mit 22 Jahren aus der hoffnungslosen Situation in seiner Heimat nach Österreich, wo er ein typisches Flüchtlingsschicksal durchlebte. In der Kirche der Barmherzigen Brüder las der Schriftsteller zum Thema Barmherzigkeit, die er als „oppositionelle Kraft schlechthin“ bezeichnet, aus seinem gleichnamigen Buch. Im anschließenden Podiumsgespräch diskutierten Dimitré Dinev, Bischof Manfred Scheuer und Caritas-OÖ-Direktor Franz Kehrer über Barmherzigkeit und Solidarität im Zusammenhang mit Flucht und Asyl.

Eine ganz besondere Lesung erlebten BesucherInnen des Vinzenz-Stüberls. Redakteure der Straßenzeitung „Kupfermuckn“ lasen aus ihren Texten und gaben berührende Einblicke in ihr Leben, ihre Sehnsüchte, Träume und Wünsche. Gefühlvoll untermalt wurde die Lesung von Pfarrer Franz Zeiger (Pfarre Linz-St. Peter), der u. a. für sein Engagement für Flüchtlinge bekannt ist.
Hilfe auf Rädern bietet das „Help-Mobil“ Menschen, die auf der Straße leben. Dieses gemeinsame Angebot von Caritas für Menschen in Not, Arbeitersamariterbund OÖ, Kongregation der Barmherzigen Schwestern Linz, Lazarus-Orden Hilfsdienst Oberösterreich und Rotes Kreuz Linz sorgt für das zum Weiterleben Notwendige: Verletzungen werden erstversorgt, Medikamente ausgegeben, Beratung angeboten, Schlafsäcke, Unterwäsche und Babynahrung mitgegeben und Tee oder Kekse als Stärkung gereicht. Beim Vinzenz-Stüberl konnten Interessierte dieses Angebot genauer kennenlernen und mit Betroffenen ins Gespräch kommen.

In der Krypta der Karmeliten erwartete die Besucher eine ganz besondere Ausstellung. Im Rahmen des kunsttherapeutischen Projekts „Kunst im Gefängnis: Wenn Bilder sprechen könnten“ der Gefangenenseelsorge haben Inhaftierte die Möglichkeit, sich malerisch oder auch lyrisch auszudrücken. Die präsentierten „Seelenräume“ in Bild und Text, untermalt von Musik von P. Werner Hebeisen, berührten und regten zum Nachdenken an.

Die Lebenden bei den Toten

„Erinnern und Loslassen“ lautete das Motto der Langen Nacht der Kirchen auf dem Linzer St.-Barbara-Friedhof. Auf einem mit hunderten Kerzen erhellten Weg durch den dunklen Friedhof begegneten den Besuchern verschiedene Impulse, die die Katholische Jugend OÖ gestaltet hatte. Beim Abschluss in der Verabschiedungshalle des Friedhofs bot eine neu gestaltete, reich bebilderte Ausstellung zum Thema „Der Tod in den Religionen der Welt“ Einblicke in die Vielfalt des Umgangs mit Sterben, Bestattung und Abschied. So war beispielsweise zu erfahren, dass das Sterben für Roma und Sinti endgültige Sesshaftigkeit bedeutet: Eine Tote, ein Toter ist heimgekehrt, angekommen bei Gott. War eine verstorbene Muslima, ein verstorbener Muslim auf der Wallfahrt nach Mekka, so ist das Wallfahrtsgewand auch das Totenhemd. Orthodoxe Christen geben dem Verstorbenen ein Gebet auf Papier in die rechte Hand, welches vorher beim Leichenzug vom Wohnhaus zur Kirche von der Trauergemeinde gebetet wurde. Konzipiert und gestaltet haben die Ausstellung Andrea Mayer-Edoloeyi und Andrea Schlögl. Nach der Langen Nacht der Kirchen kann sie beim St.-Barbara-Friedhof ausgeliehen werden.
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