30.03.2016, 20:00 Uhr

Linzer Hafen als „geilster Spielplatz in der Stadt“

Zuerst vom Schiff aus die Kunstwerke entdecken ... (Foto: flap.at)

"Mural Harbor" lockt als Outdoor-Galerie für Streetart Künstler und Besucher aus aller Welt an.

„Zwei Jahre lang habe ich von meinem Schreibtisch im Boxxoffice auf diese grauen Wände gestarrt“, sagt Leonhard Gruber. Aus einer eher spaßeshalber gestellten Frage, ob man da nicht „etwas draufmalen“ könne, entstand innerhalb von drei Jahren der Mural Harbor – eine Galerie für Streetart und Graffiti im Linzer Hafen.

„Rund 100 Wandbilder mit bis zu 30 Metern Höhe findet man hier inzwischen“, so Gruber. Ein paar ganz große Kaliber der weltweiten Szene haben hier bereits gemalt: Roa, Aryz, Loomit oder Stohead. Dass sich Künstler der früher oft verpönten Graffiti mit Hausbesitzern arrangieren, kommt inzwischen immer öfter vor, selten jedoch in solchen Dimensionen wie im Linzer Hafen. Der Kulturverein lässt den Malern völlig freie Hand, auch wenn das besonders anfangs oft zu spannenden Momenten geführt hat. „Roa fragte ,Can I go bloody?’. Nachdem er fertig war, waren alle ziemlich nervös, bis der damalige Hafendirektor Alois Froschauer wieder einmal in den Hafen kam und den zerlegten Bock sah. Zum Glück ist er Jäger und hatte kein Problem damit.“


Begeisterte Hafen-Besucher

Nicht nur die Reaktion des ehemaligen Linz AG-Chefs hat Gruber überrascht: „Alle waren von Anfang an begeistert, vom Lagerarbeiter bis zur 70-jährigen Oma. Ich hatte schon Angst, dass wir das subversive Element verlieren und auf dem Weg Richtung Verschönerungsverein sind.“ Ziel des Kulturvereins ist es jedoch, die ganze Bandbreite der Graffiti-Kunst zu zeigen und möglichst unterschiedliche Stile abzubilden. Viele Künstler aus der ganzen Welt kommen inzwischen auf die Betreiber der Hafengalerie zu. „Wir haben eine Wunschliste unserer Helden“, sagt Gruber, dem es aber auch ein großes Anliegen ist, den Nachwuchs zu fördern.

Szene entwickelt sich

Vor 20 Jahren war Linz eine Hochburg der Graffiti-Kunst. „In den 90ern erschien kaum ein deutsches HipHop-Magazin ohne einen gesprayten Zug aus Linz.“ In den vergangenen Jahren ist die Kunstform jedoch verkümmert. „Es gibt zu wenige legale Flächen in der Stadt. Unterführungen sind unattraktive Orte, wo man keine Sekunde länger bleiben mag, als unbedingt nötig.“ Als Gruber mit dem Mural Harbor begann, gab es in Linz gerade mal eine Handvoll Sprayer. „Roa war damals schon optimis-
tisch, dass ein Bild viel beeinflussen kann.“ Dank der Arbeit des Mural Harbor-Teams entwickelt sich auch die Graffiti-Szene in der Stadt langsam wieder. Für viele Nachwuchskünstler ist es ein Ziel, mit einem Bild im Linzer Hafen vertreten zu sein. Ein Österreicher hat bereits einen Fixplatz, wenn es nach Gruber geht: „Nychos ist der einzige österreichische Streetart-Künstler, der auch international in der Oberliga spielt und etwa auf der großen Kunstmesse Art Basel in Miami hofiert wird.“

Freizeit statt Wohnen

Abgesehen von dem fehlenden Dach verfügt die ungewöhnliche Galerie über ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Nur vom Wasser aus können die Bilder umfassend besichtigt werden. Dank Bootstouren und weiteren Programmpunkten entdecken immer mehr Linzer den Hafen für sich. Den Plänen der Stadtpolitik, hier neben Freizeit- nun auch Wohnflächen zu schaffen, steht Gruber jedoch kritisch gegenüber: „Der Hafen ist der geilste Spielplatz der Stadt. Es gibt viele ungenützte Flächen, die man etwa für Skate- und BMX-Parks, Kletterwände oder Ähnliches nutzen könnte. Auch eine Restaurant-, Club- und Café-Szene wäre wünschenswert. Wohnprojekte hingegen würden die Freiheit im Hafen verhindern. Das kann ich auch aus Veranstalter-Sicht der ,Bubble Days’ sagen. Mieter wollen ja verständlicherweise ihre Ruhe haben. Solange es aber Industrie und Logistik-Hallen im Hafen gibt, die nun mal laut sind, wird der Hafen sowieso nicht zum Wohngebiet.“ Bis dahin können sich die internationalen Streetartists noch getrost im Linzer Hafen austoben.


Graffiti entdecken

Von Bord der „MS Eduard“, die durch alle drei Hafenbecken tuckert, hat man den besten Blick auf die Graffiti. Der Spaziergang „Mural Walk“ führt hingegen direkt zu den schönsten Lagerhallen. In beiden Fällen erzählt ein fachkundiger Guide von den Künstlern, den Bildern und ihrer Entstehung. Zum Abschluss werden die Teilnehmer selbst zu Sprayern. „Ziel ist, dass jeder mit schmutzigen Fingern nach Hause geht und so einen Einblick bekommt, wie schwierig es ist, mit der Spraydose einen geraden Strich zu ziehen“, sagt Leonhard Gruber. Wer einen intensiveren Einblick möchte, kann einen sechstündigen Graffiti-Workshop besuchen.

Die nächste Bootstour findet am 2. April ab 15 Uhr statt. Am 16. April gibt es einen Mural Walk (15 Uhr) und einen Workshop (ab 9 Uhr): muralharbor.at
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