29.08.2016, 16:22 Uhr

Nach der Nothilfe folgt jetzt die Knochenarbeit der Integration

Einer von hunderten freiwilligen Helfern: Karl Heinz Müller mit einer Flüchtlingsfamilie. (Foto: BB Archiv/Lisa Gold)

Was ist ein Jahr nach dem der großen Flüchtlingsbewegung nach und durch Salzburg geblieben? Die Bezirksblätter haben nachgefragt.

Es war die Nacht vom 31. August auf den 1. September im Vorjahr, die einen monatelangen Einsatz von Salzburgs Hilfs- und Einsatzorganisationen sowie unzähligen Freiwilligen nach sich zog: An jenem Montagabend erreichte die erste Welle von Flüchtlingen über Budapest und Wien den Salzburger Hauptbahnhof.

Doraja Eberle: "Es ging nie um das Beklatschen der ankommenden Menschen"

"Ja, ich würde es genauso wieder tun", sagt Doraja Eberle – die sich neben ihrem "Bauern helfen Bauern"-Engagement in Bosnien in der Flüchtlingshilfe in Salzburg intensiv engagiert hat. Dass es dabei nie um das "Beklatschen der Ankommenden ging", stellt sie auch klar: "Wir hatten ohnehin alle Hände voll zu tun, um diese Herausforderung zu meistern. Mir ist es wichtig, die Würde des Menschen zu bewahren, auch in so einer Situation."

Rückblick in Zahlen

Von September bis März haben weit mehr als 350.000 Menschen auf der Flucht ihre Route über die Salzburger Landeshauptstadt und die drei „Hotspots“ Bahnhof, Asfinag und Grenze Saalbrücke genommen. An Spitzentagen wurden mehr als 10.000 Flüchtlinge gezählt. Der überwiegende Teil dieser Menschen wurde mit Verpflegung, mit einem Schlafplatz, einer Decke sowie Bekleidung und Waschgelegenheit grundversorgt. Mehr als 600.000 Mahlzeiten wurden ausgegeben. 150 Tonnen an Kleidung, Hygieneartikel und Lebensmittel wurden verteilt.

Bgm. Heinz Schaden: "So etwas kann man nicht üben"

"Wir waren nicht darauf vorbereitet, das war eine Situation, die man nicht im Vorhinein üben konnte – und trotzdem hat das Zusammenspiel aller Einsatzkräfte, Hilfsorganisationen, Freiwilligen, der Parkgaragen-Gesellschaft und der ÖBB funktioniert", erinnert sich Salzburgs Bgm. Heinz Schaden an die Ausnahmesituation zurück. "Bemerkenswert war auch, dass man von der dramatischen Situation am Hauptbahnhof in 100 Metern Entfernung schon nichts mehr gespürt hat", so das Stadtoberhaupt.


Caritas-Direktor Dines: "Jetzt geht es um die Knochenarbeit der Integration"

Jetzt gehe es darum, alle Maßnahmen zu setzen, die den Weg in Richtung Integration verstärken. "Das heißt auch, Klarheit zu schaffen, wer hier bleiben darf und wer nicht", sagt Caritas-Direktor Johannes Dines. "Als Caritas haben wir viel Erfahrung mit Langzeitarbeitslosen und wissen daher: Nach monatelangem Herumsitzen und Warten ist es fast unmöglich wieder in eine geregelte Tagesstruktur zu finden. Daher: Wir brauchen mehr Chancen beim Zugang zu gemeinnütziger Arbeit während des Asylverfahrens und – wenn es schon keine Arbeit gibt, dann brauchen wir Deutsch, Deutsch, Deutsch – und das alles in Kombination mit einer Tagesstruktur." Seiner Meinung nach sind auch Übergangsquartiere für jene Menschen notwendig, die bereits einen positiven Asylbescheid haben, aber noch nicht am Arbeitsmarkt Fuß fassen können. "Diese Quartiere müssen eine Betreuung bieten – denn durch diese Art der Begleitung werden die Menschen sehr viel schneller im Arbeitsmarkt integriert werden können."

Schaden: "Das wird noch 'zach'"

Das Krisenmanagement des Vorjahres sei vergleichsweise "leicht gewesen", betont Schaden. "Jetzt kommt der schwierigste Part. Die Voraussetzungen sind nicht rosig – wenn wir an die Sprache denken, aber auch an die Ausbildung, die oft fehlt; an die Erwartungen an den 'Goldenen Westen', die systematisch enttäuscht werden; Den gibt es nicht, auch nicht für diejenigen, die hier geboren wurden." Wenn er etwas fürchte, dann am ehesten, dass Einheimische und hier bleibende Flüchtlinge "keine Freunde" werden. "Das wird noch 'zach', und es wird möglicherweise eine Frage von zwei Generationen werden."

Der diffusen Angst begegnen

Die Politik könne nur die Grundlagen für eine funktionierende Integration beisteuern, ist Eberle überzeugt. "Wir alle – ohne Ausnahme – tragen eine Mitverantwortung dafür, dass Integration gelingt", so Eberle. Ihr Tipp – auch gegen die Angst vor Fremden: "Finden Sie eine Gelegenheit, um Flüchtlinge persönlich kennenzulernen und erfahren Sie dabei deren Geschichte!"


"Keine Heiligen, sondern Menschen wie du und ich"

"Menschen, die direkt mit Flüchtlingen zu tun haben, haben keine Angst", sagt auch Heinz Schaden. Ins gleiche Horn stößt Dines: "Das sind Menschen wie du und ich, keine Heiligen, aber im persönlichen Gespräch verliert sich die diffuse Angst. Und wir sollten auch ein Stück Dankbarkeit dafür aufbringen, wie gut es uns hier in Österreich geht – davon könnten wir auch ein Stück an andere abgeben."


Zeitbombe Lost Generation ohne Schulbildung

Von der Politik wünscht sich Dines mehr Unterstützung für die Freiwilligen-Arbeit, denn "das ist die beste Integration; durch den direkten Kontakt mit Österreichern lernen Flüchtlinge, wie es bei uns zugeht." Und: Angesichts von 600.000 Flüchtlings-Kindern im Libanon, die keinen Zugang zu Schulbildung haben, mache er sich sehr viel weniger Sorgen um "ein paar, die sich hier bei uns radikalisieren als diese Lost Generation, die dort unter unseren Augen aufwächst. Dort müssten auch wir als Österreich sehr viel mehr vor Ort helfen", so der Direktor der Caritas, die dort mehrere Hilfsprojekte betreut.

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ASYL-FAKTEN

Mit Ende Juli befinden sich 4.640 Asylwerber im Bundesland Salzburg.
Asylbescheide: Monatlich werden in Salzburg rund 160 Asylverfahren positiv entschieden. Die durchschnittliche Verfahrensdauer beträgt 7,8 Monate, Tendenz steigend.
Unterbringung: Insgesamt gibt es 170 Asylquartiere in Salzburgs Gemeinden – die meisten davon (140 Quartiere) verfügen über 25 (oder weniger) Plätze. Derzeit gibt es 421 freie Plätze. 957 Asylwerber sind privat untergebracht. 28 der 119 Gemeinden haben bisher keinen einzigen Asylwerber aufgenommen.
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