11.09.2016, 09:54 Uhr

Gastronomie sucht händeringend Lehrlinge

Der Geschäftsführer der Millstätter See Hotelkooperation (MHK ), Gerhard Winkler (Foto: Winkler)

Mit mehreren Initiativen soll der Not gegen gesteuert werden

BEZIRK. Wer als Gast im Restaurant sein Essen genießt oder die vermeintlich schönste Zeit des Jahres im Hotel nächtigt, weiß nur wenig, wie es hinter den Kulissen aussieht. Nämlich, dass die Gastronomie unter Personalmangel leidet. Besonders beim Nachwuchs hapert's.

So klagt Franz-Josef Sauper, Hotel Post in Großkirchheim: "Wir bekommen schon seit einigen Jahren keine Lehrlinge mehr." Isolde Hinteregger, die mit ihrem Mann Wolfgang auf dem Katschberg acht und in Velden am Wörthersee zwei Häuser mit zusammen 140 Mitarbeitern führt, sucht seit einem Jahr Auszubildende: "Wir könnten leicht zehn junge Menschen ausbilden, aber es meldet sich niemand." Dabei werde nicht nur gewartet, bis sich jemand meldet: "Wir gehen selbst in die Hauptschulen und in die HLW, um für unsere Berufe wie Hotel- und Gastgewerbeassistent, Rezeptionist, Koch, Restaurantfachfrau oder Masseur zu werben."

Immer beliebter: Lehre mit Matura

An der Bezahlung könne es nicht liegen, sind sich Isolde Hinteregger und Michael Berndl einig. Der Döbriacher Seefischer-Eigner aber klagt, dass sich manche Betriebe kaum noch einen Auszubildenden wegen der hohen Sozialleistungen und Lohnnebenkosten leisten können. Ein Anreiz für die Gastronomielehre sei immerhin die um ein Jahr längere Lehre mit Matura, die immer mehr Anklang finde.Zwar seien die wenig attraktiven Arbeitszeiten in der Gastronomie am Abend und an den Wochenenden "nicht wegzudiskutieren", doch müsse mehr am "Image" gearbeitet, die Motivation der Mitarbeiter gestärkt werden.

Hier setzt die Anfang des Jahres ins Leben gerufenen Lehrlingsakademie der
Millstätter See Hotelkooperation (MHK ) an. MHK-Geschäftsführer Gerhard Winkler, der zusammen mit Ehefrau Franziska den "Moserhof" in Seeboden führt, sagt dazu, die 30 Auszubildenden in Küche und Service erhielten über die fachliche auch eine "zwischenmenschliche" Ausbildung in Form gemeinsamer Freizeitgestaltung.

Anreiz; Mitarbeiter-Card

Darüber hinaus verfügen die Auszubildenden, wie alle rund 300 Mitarbeiter der elf MHK-Betriebe eine so genannte Mitarbeiter-Card, die mit zahlreichen Vergünstigungen in diversen Lokalen, Geschäften und Freizeiteinrichtungen (wie Hervis, Moserhof, Milachowski, Brandner, Schuhaus Waltraud , Taxi Paule, Badehaus Millstatt, Hotel Forelle Millstatt) und zusätzlicher Ausbildung verbunden ist.

Gleichwohl, räumt auch der 36-Jährige ein, seien die Arbeitszeiten "gewöhnungsbedürftig": "Wenn man abends und am Wochenende nicht mehr mit Freunden oder in der Familie feiern kann, wird man wehmütig!" Dies sieht Peter Makula genau so. Der Landesausbildungsreferent für Tourismusberufe im Wirtschaftsförderungsinstitut (WIFI) räumt ein, wegen "der zu geringen Bezahlung und der Dienstzeiten, die leider, leider nicht flexibel genug sind", seien die Lehrberufe in der Gastronomie zu wenig attraktiv.

Zum vierten Mal "Glücksstart"

Deshalb hat die Wirtschaftskammer (WK) gemeinsam mit dem WIFI und dem AMS heuer bereits zum vierten Mal das Projekt „Glücksstart“ initiiert. Makula erklärt den Modus: „Unterteilt ist das ‚Glücksstart‘-Programm in drei Module und dauert fünf Wochen: Im Basiskurs lernen die künftigen Lehrlinge das ‚touristische Einmaleins‘. Die Schwerpunkte liegen auf den Bereichen Service, Küche sowie Hotel- und Gastgewerbeassistenz. Danach geht es in die Praxis. Die Jugendlichen dürfen dann eine Woche lang in einem Betrieb mitarbeiten, der nach Projektende zu ihrem Lehrbetrieb werden könnte. Zum Abschluss findet noch ein Gespräch mit dem Unternehmer statt, in dem er über die Fortschritte des Jugendlichen informiert wird.“ Außerdem können die Azubis in spe, ähnlich dem MHK-Angebot, in mehrere Betriebe hineinschnuppern, bevor sie sich definitiv für einen Ausbildungsplatz entscheiden.

„Jugendliche, aber auch Eltern haben ein falsches Bild von der Arbeit im Tourismus“, meint Helmut Hinterleitner, WK-Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft. „Der Tourismus schafft rund 28.000 Beschäftigungsverhältnisse in Kärnten und ist eine Branche mit Zukunft." Wolfgang Dörfler, Geschäftsführer der WK-Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in Kärnten, berichtet der WOCHE ergänzend, der Tourismuszweig sei einer der wenigen, der über mehr Lehrstellen als interessierte Lehrlinge verfüge. Zurzeit bilden 269 Tourismusbetriebe in Kärnten 735 Lehrlinge aus.

Mehr Lehrstellen als Lehrlingsanwärter

Laut aktueller AMS-Statistik sind derzeit 75 Lehrstellensuchende für einen sofortigen Lehrantritt und zwei weitere für einen späteren Zeitpunkt vorgemerkt. Demgegenüber sind 88 sofort zu besetzende Lehrstellen und 75 weitere für einen späteren Zeitpunkt gemeldet, wobei anzumerken sei, dass nicht alle Betriebe ihre offenen Ausbildungsplätze auch dem AMS melden.
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