01.11.2016, 19:21 Uhr

Blaugefrorener Himmel

"Aufschrei 17:03 Uhr", 2016, Tusche auf Papier, 48 x 36cm; ©: Konstanze Sailer
Wien: Blue Danube Contemporary Art |

Kunstinitiative „Memory Gaps ::: Erinnerungslücken“ von Konstanze Sailer gedenkt NS-Opfern mit Ausstellungen in Wiener Straßen, die es geben sollte.

Ich, Ruth Maier, 18 Jahre alt, frage nun als Mensch, als Mensch, frage die Welt, ob dies sein darf ...“, lautet ein Tagebucheintrag, aufgezeichnet am 5. Oktober 1938, in Wien.

Ruth Maier (* 10. Nov. 1920 in Wien; † 1. Dez. 1942 im KZ Auschwitz) war eine österreichische jüdische Schriftstellerin. In Wien geboren, flüchtet sie im Januar 1939 zu Bekannten der Familie nach Lillestrøm, einer Kleinstadt nahe Oslo. Als Norwegen 1940 von der deutschen Wehrmacht besetzt wurde und Ruth Maiers Visum nach England abgelaufen war, jedoch nicht erneuert wurde, blieb sie in Norwegen, wurde 1942 verhaftet und am 26. November 1942 von Oslo in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo sie unmittelbar nach der Ankunft ermordet wurde. Ruth Maier wurde primär durch ihre erst 2007 veröffentlichten Tagebücher bekannt, die einen Zeitraum von 1933 bis 1942 umfassen, weshalb sie auch „Anne Frank Norwegens“ genannt wird.

Bis zum heutigen Tag existiert in Wien keine Straße, die ihren Namen trägt. Hingegen ist nach Carl Auböck seit 2002 (!) eine Promenade in Wien-Donaustadt benannt. Auböck war Maler, renommierter Designer und Gründungsmitglied der Wiener Werkstätten, seit 1933 NSDAP Mitglied, später auch SA-Mitglied. Aufgrund seiner sehr frühen NS-Zugehörigkeiten war Auböck als sog. „Alter Kämpfer“ eingestuft und von Mai bis November 1945 in Wien in Haft. Anstelle von Carl Auböck sollte künftig in Wien-Donaustadt an Ruth Maier erinnert werden.

Die Kunstinitiative der Malerin Konstanze Sailer wird mit einer weiteren Ausstellung von Tuschen auf Papier in virtuellen Räumen eröffnet. Die Galerien befinden sich ausnahmslos in Straßen oder an Plätzen, die es nicht gibt, die es jedoch geben sollte: Solche mit Namen von Opfern der NS-Diktatur. Monat für Monat wird so das kollektive Gedächtnis erweitert. Monat für Monat werden damit Erinnerungslücken geschlossen.

Memory Gaps ::: Erinnerungslücken zeigen eine Auswahl aus tausenden Tuschen auf Papier aus zehn Jahren. Sie stellen Schreie und Aufschreie von Opfern dar. Zum schmerzerfüllten Aufschrei geöffnete Münder und Kiefer. Abstrakte Darstellungen von Schreien in Ghettos, Konzentrationslagern und NS-Tötungsanstalten – gemalte Erinnerungskultur. Seit drei Jahrzehnten arbeitet die aus Heidelberg stammende und in Wien lebende Künstlerin zu den Themen Antlitz, Schädel und Tod. Tusche auf Papier wurde als Technik gewählt, um der "Filigranität" jener „Papierfetzen“ nachzuempfinden, auf denen in Konzentrationslagern inhaftierte Künstler – zumeist im Geheimen – ihre Kunstwerke herstellten.

Zur Ausstellung "Blaugefrorener Himmel"
von 02.-30. November 2016, 11:00-21:00 Uhr
Eintritt frei
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