"Der Abschluss alleine ist nichts"

Rektor Oliver Vitouch zieht seine erste Bilanz nach fast 100 Tagen an der Spitze der Uni
  • Rektor Oliver Vitouch zieht seine erste Bilanz nach fast 100 Tagen an der Spitze der Uni
  • Foto: G. Maurer/KK
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WOCHE: Seit noch nicht ganz 100 Tagen sind Sie offiziell Rektor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Wie empfanden Sie die ersten Wochen?
VITOUCH: Spannend, intensiv, vielseitig, reich an Begegnungen und Neuerungen. Typischerweise hört man in so einer Anfangsphase aber auch viele alte und neue Wünsche, die nicht allseits befriedigt werden können, ohne das Budget aus dem Ruder laufen zu lassen.

Wie hoch ist Ihr derzeitiges Arbeitspensum?
Derzeit sind 12-Stunden-Arbeitstage die Regel. Das sollte sich etwas bessern, wenn das Rektorat vollständig besetzt ist - eine Vizerektorin für Lehre könnte im Februar einsteigen - und die Prozesse sich entsprechend eingependelt haben. Maximales Pensum bedeutet ja nicht optimale Qualität; es braucht Zeit zum Nachdenken und Planen, nicht nur zum ,Erledigen'. William Bowen, Langzeit-Rektor von Princeton, hat es auf den Punkt gebracht: "One of the most frustrating aspects of life in a president's office is the recurring sense that there is just too much to do - and never enough time to do all that clearly needs to be done."

Wie soll die Uni Klagenfurt in Zukunft unter Ihrer Führung wahrgenommen werden?
Als kleine, feine Universität unter gemeinschaftlicher Führung, die ihre Stärken weiter entwickelt, durch international orientierte Leistungen in Forschung und Lehre punktet, kompetente und kritikfähige Absolventen hervorbringt und sich immer wieder einmal in gesellschaftlich relevanten Fragen zu Wort meldet. 

Einer Ihrer ersten Amtsakte war die Verleihung der Ehrenpromotion an Maja Haderlap und eine Sub auspiciis-Promotion. Ist man da als Neu-Rektor nervös?
Es war eine wirklich schöne Doppelfeier. Nervös ist man, nach über sechs Jahren als Senatsvorsitzender, nicht mehr. Aber es ist jedes Mal neu und besonders.

Rektor Heinrich Mayr wollte die Uni Klagenfurt stärker im technischen Bereich ausbauen. Werden Sie als Psychologe den Geisteswissenschaften einen neuen Fokus schenken?
Grundsätzlich sind mir alle Bereiche der Universität gleich wichtig. Auch das Rektorat ist ausgewogen besetzt. Mein eigenes Fach, die Psychologie, schlägt eine breite Brücke von den Geistes-, Human- und Sozialwissenschaften bis zu den Naturwissenschaften. Ich meine also, über ein ganz gutes Rüstzeug zu verfügen, um die Bedürfnisse und Ziele der verschiedenen Fachbereiche zu verstehen. 

Wie kann man Bildungshunger der Jugendlichen anstacheln?
Der Bildungshunger ist da. Wesentlich ist es, von der Logik des "Absolvierens" wegzukommen: Zu Neugier, Kompetenz, Kreativität und Sich-selbst-Übertreffen. Es ist wichtig, abzuschließen; aber der Abschluss alleine ist nichts.      
 
Der Sparstift trifft auch die Universitäten hart. Wie wollen Sie dieser Herausforderung begegenen?
Die österreichischen Universitäten sind relativ zu Deutschland, der Schweiz oder Skandinavien deutlich unterbudgetiert. Einiges lässt sich durch besonderen Einsatz wettmachen - aber nicht auf Dauer. Aufgabe des Rektorats ist es, sparsam zu haushalten, Prioritäten zu setzen und Gewohntes neu zu überdenken.

Sie sprechen sich für Zugangsbeschränkungen aus und sagen, dass Ihnen das Studienfach Pädagogik Sorge bereitet. Wie schätzen Sie die Zukunft des Faches ein?
Angesichts endlicher Budgets ist es wesentlich, und in ganz Europa üblich, dass sich eine Universität ihre Studierenden in stark nachgefragten Fächern ein Stück weit aussuchen kann. Dabei muss man darauf achten, keine sozialen Hürden zu erzeugen, sondern gute Durchlässigkeit zu ermöglichen. Das ginge auf Basis vernünftiger Zugangsregelungen besser, als es jetzt der Fall ist - bei einem angeblich "freien Hochschulzugang", der als Floskel gut klingt, aber in Wirklichkeit keiner ist. -- Die Institutsvorständin der Pädagogik hat mir versichert, dass die derzeitige Situation stabil ist, und dass trotz sehr hoher AnfängerInnenzahlen ein qualitätsvolles Studium möglich ist.

Sie sind mit der Universitätsprofessorin Judith Glück verheiratet, die an der Uni als Weisheitsforscherin arbeitet. Wer ist bei Ihnen zu Hause weiser?
Meine Frau. Ihr Fach ist die Entwicklungspsychologie, auch die lebenslange Entwicklung bis ins hohe Alter. Die Weisheitsforschung ist ein Teil davon. Ein wesentliches Kriterium von Weisheit ist es, um die eigenen Grenzen zu wissen.

Zwei Psychologen in der Familie – wird zu Hause auch noch über das Fach diskutiert?
Gelegentlich. Aber ganz anders, als man sich das Fach von außen vorstellt: Wenig Deutungen und Röntgenblicke; viel über Experimente, Methoden, Untersuchungsdesigns, evolutionäre und neurowissenschaftliche Erkenntnisse.

Was lesen Sie außer der Fachliteratur?
Viel Halbfachliches (alles von Malcolm Gladwell, "Trick or Treatment" von Singh & Ernst, "The Emperor of All Maladies" von Mukherjee), Biographisches (zuletzt Churchill, Kennedy), Cartoons ("Dilbert", "Calvin", alles von Gary Larson), gelegentlich Kriminelles (am liebsten "Richter Di"), bisweilen Lyrik (Heine, Zwetajewa), und immer wieder Bernhard, Kofler, Menasse, Turrini, Schindel, Fian, Haslinger, Haderlap.

Autor:

Katja Kogler aus St. Veit

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