Tipps vom Schuldenberater
Wenn es sich nicht mehr ausgeht, Hilfe suchen

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Wie man zu Weihnachten nicht in die Schuldenfalle tappt, und welche Auswirkungen Corona, Lockdown und Co auf die Lage von Schuldnern hat, verrät Ferdinand Herndler von der Schuldnerberatung OÖ im Gespräch.

Wie hat sich das Corona-Krisenjahr 2021 bisher auf die Arbeit der Schuldnerhilfe OÖ ausgewirkt?
Herndler:
Beratung war bei uns durchgehend möglich – unter Einhaltung der jeweils geltenden Bestimmungen auch persönlich. Darüber hinaus fanden viele Gespräche auch telefonisch statt. Die steigende Zahl an Arbeitslosen und jener Menschen in Kurzarbeit verschärft die Situation für viele. Ein regelmäßiges Einkommen bzw. der Nachweis sich um Arbeit zu bemühen, ist eine Grundvoraussetzung für einen Konkurs.
Leider kommen die meisten Menschen zu spät zu uns, also erst, wenn der Schmerz zu groß ist und sie den Überblick verloren haben. Das war auch im Corona-Krisenjahr 2021 nicht anders. Wer Schulden hat, will nach außen oft die Fassade aufrechterhalten, hier verhindert Scham oft professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wie werden sich, Ihrer Meinung nach, die Überschuldungs- und Verschuldungslage der Menschen in den kommenden Monaten entwickeln?
Der wiederholte Lockdown trifft vor allem Menschen hart, die durch diesen unmittelbare Einkommensausfälle erfahren, weil sie in Kurzarbeit müssen, ihre Arbeit verlieren oder als Selbstständige Umsatzeinbußen haben. Es wird davon abhängen, wie die begleitenden Unterstützungsleistungen ausschauen. Natürlich fallen parallel dazu auch Möglichkeiten zum Geldausgeben weg, die einen Teil der Einbußen kompensieren können, aber wir gehen davon aus, dass bei vielen Menschen die finanziellen Reserven bald aufgebraucht sind und es zu Zahlungsschwierigkeiten kommt zumal dies ja nicht der erste Lockdown ist.

Heuer werden wohl viele Weihnachtseinkäufe per online-Bestellung erledigt: Wie kann ich den Überblick über meine Finanzen behalten?
Wichtig ist, dass man sich vorher ein Budget zurechtlegt, dass der Einkommenssituation entspricht. Also: Wie viel Geld möchte ich in diesem Jahr für Geschenke ausgeben und was kann ich mir überhaupt leisten? Als weiteren Schritt empfehlen wir, eine Liste zu erstellen, wem man was schenken möchte und was das ungefähr kostet. Das unterbindet Spontankäufe. Dabei kann es auch unterschiedliche Limits je Person geben. Und häufig hilft es auch, wenn in Gesprächen klar kommuniziert, wieviel man füreinander ausgeben möchte. So reduziert man den Druck auf die Geldbörse. Auf keinen Fall sollen Weihnachtsgeschenke über Kontoüberziehungen, Ratenkäufe oder mit Geld finanziert werden, das man für Notfälle angespart hat.

Was sind die größte Preistreiber in der Corona-Krise?
Für Personen mit geringem Einkommen – die auch den größten Teil unserer Kund:innen ausmachen - sind es die Lebenskosten. Jede Steigerung bei Wohnen, Lebensmitteln, Mobilität und Gesundheit reduziert den ohnehin schon sehr geringen Spielraum. Das Anziehen der Inflation, das sich in diesem Jahr beobachten lässt, findet genau in diesen Bereichen statt. Die Rückzahlung von offenen Schulden wird dadurch schwieriger und unvorhergesehene Ausgaben können zu einem großen Problem werden.

Welche Maßnahmen hat die Politik in den letzten Jahren ergriffen, um private Überschuldungen zu vermeiden oder zu mindern?
In Oberösterreich konnten wir in den vergangenen Jahren die Finanzbildungsangebote stetig ausbauen und erreichen mit den diversen Workshops und dem OÖ Finanzführerschein jährlich etwa 9.000 Jugendliche und Erwachsene in verschiedensten Altersstufen in Kursmaßnahmen des AMS. Dazu noch zahlreiche E-Learning-Angebote über unsere Website. Seit 2008 erstellen wir für das Sozialministerium Unterrichtsmaterialien zur Verbraucherbildung für Kindergarten, Volksschule, Unter- und Oberstufe. All diese präventiven Maßnahmen leisten einen wichtigen Beitrag, dass Menschen erst gar nicht in die Schuldenfalle tappen.
Durch diese Basis-Finanzbildungsmaßnahmen konnte die Zahl von jungen Menschen (bis 25 Jahre) die in Oberösterreich Schuldnerberatung aufsuchen von 20,5 % (2008) auf 15,1 % (2020) gesenkt werden. Was uns sehr freut, zeigt dies die Wirkung von der Finanzbildungsmaßnahmen die von uns angeboten werden und bestätigt den Weg der vor mehr als 10 Jahren in der Prävention eingeschlagen wurde. Hier ist der Finanzführerschein sicherlich eine Erfolgsstory. Dies Zeigt sich auch darin, dass es diesen inzwischen auch in den Bundesländern Salzburg, Vorarlberg seit kurzem auch in Wien gibt. Für Frühjahr 2022 ist die Einführung in Niederösterreich geplant.

Eine weitere Erfolgsgeschichte ist auch das "Betreute Konto".
Dieses gibt es bei der SCHULDNERHILFE OÖ seit 2014. Damit greifen wir Menschen unter die Arme, die immer wieder von drohender Delogierung bedroht oder betroffen sind. Es freut uns sehr, dass wir dadurch bei etwa 80 Prozent dieser Personen durch dieses Unterstützungsangebot eine Stabilisierung und Sicherung ihrer Wohnungssituation erreichen konnten - die Gefahr von Delogierung wurde hier gebannt.

Wann sollte man ein Beratungsgespräch in Anspruch nehmen?
Ein Beratungsgespräch bietet sich immer dann an, wenn Zahlungsschwierigkeiten bestehen oder man das Gefühl hat, dass es sich nicht mehr ausgeht. Dabei sollte man am besten nicht lange warten. Je früher man das Problem in Angriff nimmt, desto weniger Kosten fallen an. Darüber hinaus spart man auch Frust und Zeit und häufig sind vergleichsweise rasche Lösungen möglich.
Wenn man ständig durch „Loch-auf-Loch-zu“-Taktiken tricksen muss, um durch ein Monat zu kommen, dann ist das eine Alarmsignal für eine nicht mehr zu stemmende Schuldenlast.
Wenn die Mahnungen der Gläubiger mehr werden oder gar schon Schreiben von Inkassobüros und Gericht eintrudeln, dann wird es höchste Zeit, sich die finanzielle Situation genau anzuschauen und mit der SCHULDNERHILFE OÖ Kontakt aufnehmen.
Wird hier zu lange zugewartet, steigen vormals bewältigbare Schulden durch den Effekt von Zins, Zinseszins, Verzugszins und Kosten in Höhen, die mit dem ursprünglich geliehenen Betrag kaum mehr etwas zu tun haben. Es ist unverständlich, dass die Rechtsordnung zulässt, dass in wenigen Jahren völlig legal aus 2.500 Euro schließlich 25.000 Euro Schulden werden (aus Beispielen der SCHULDNERHILFE OÖ). Eine österreichweite Erhebung der Schuldenberatungen hat ergeben, dass sich Schulden durchschnittlich nach acht Jahren verdreifacht haben.
Wir fordern hier seit langem, dass die Verrechnung von Zinsen und Kosten gedeckelt werden sollte. Eine Schuld inklusive aller Kosten und Zinsen sollte sich maximal verdoppeln dürfen.
Im Sommer 2021 trat eine Privatkonkurs-Reform in Kraft. Unter bestimmten Voraussetzungen ist es nun möglich, bereits nach 3 Jahren eine Restschuldbefreiung zu erzielen und somit finanziell wieder auf die Beine zu kommen.

Zahlen und Fakten zur Schuldnerhilfe OÖ
• Jährlich rund 12.300 persönliche Beratungsgespräche i
• 3.200 Neuzugänge im Jahr
• Die Durchschnittsverschuldung bei den KlientInnen liegt bei rund 68.000,00.
• Die Experten gehen davon aus, dass 2021 in Oberösterreich in etwa 1.100 Privatkonkurse beantragt werden. Die Mehrheit davon wird von den staatlich anerkannten Schuldnerberatungsstellen vorbereitet oder nachbetreut.

Tipps für den Weihnachtseinkauf

• Vorab ein Budget zurechtlegen und sich an dieses halten.

• Ausgaben den finanziellen Möglichkeiten anpassen.

• Gute Vorausplanung, Spontaneinkäufe vermeiden.

• Entspannt und nicht an starken Einkaufstagen einkaufen gehen.

• Keine Ratenzahlungen.

• Bar zahlen und Überblick behalten.

• Die besten Geschenke gibt es oft nicht im Geschäft und müssen nicht viel kosten.

• Gemeinsam ausmachen, ob etwas geschenkt wird und einen finanziellen Rahmen festlegen.

• Kein Kontoüberzug für Geschenke.

• Rechnungen und Kassazetteln aufheben, um Waren, wenn nötig, wieder zurückgeben oder umtauschen zu können.

Ferdinand Herndler von der Schuldnerhilfe OÖ.

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