Nachkriegszeit in Linz
"Unglaublich, wie schnell sich wieder alles erholen kann"

- Als der Krieg endete, war Michaela Lehrner 16 Jahre alt und arbeitete in der Bäckerei ihrer Großmutter.
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Als Jugendliche erlebte Michaela Lehrner das Kriegsende und die russische Besatzungszeit hautnah mit. MeinBezirk hat mit der heute 95-jährigen Zeitzeugin gesprochen.
LINZ. Als der Krieg endete, war Michaela Lehrner 16 Jahre alt. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter schupfte sie damals die Bäckerei Holzinger, zuvor Hochreiter, in Urfahr. Die Bomben verschonten das Gebäude – eine schlug allerdings zu Kriegsende noch im Hinterhof ein. Die 95-Jährige wohnt heute noch im selben Haus in der Leonfeldnerstraße, in dem bis 2015 die Bäckerei samt Café ud Backstube untergebracht war. "Zuerst sind die Amerikaner über den Haselgraben nach Linz gekommen", erinnert sich Lehrner. Später haben dann die russischen Besatzer den Urfahraner Teil von Linz übernommen. "Wir sind mit ihnen gut ausgekommen", berichtet die Zeitzeugin. In einer Villa in der Karlhofstraße, unweit der Bäckerei, war eine Art Kommandantur untergebracht. "Die Soldaten haben bei uns immer Brot geholt. Ein besonders netter Mann war dabei, er hat uns immer Zucker gebracht", erzählt Lehrner.

- Großmutter, Mutter und Enkelin schupften die Bäckerei zu dritt. Michaela Lehrner ist in der Mitte zu sehen – Großmutter Rosa Holzinger sitzt rechts neben ihr.
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Rasch zur Normalität zurückgekehrt
Nach der Befreiung sei alles relativ rasch zur Normalität zurückgekehrt. "Ich habe dann kurz nach Kriegsende meine Prüfung zur Bäckermeisterin abgelegt", erzählt die 95-Jährige stolz. Mit nur 17 Jahren und einer Ausnahmegenehmigung wurde sie damit die jüngste Bäckermeisterin Oberösterreichs. Der Familie ging es in dieser Zeit nicht schlecht. "Durch das Geschäft hatten wir mit Lebensmitteln nicht so viele Probleme. Die Leute haben damals mit Markerln eingekauft. Am Magistrat wurden diese dann wieder für Mehl eingetauscht", berichtet Lehrner. In der Bäckerei hat sie 1947 auch ihren späteren Ehemann Viktor kennengelernt und 1950 geheiratet. "Meine Mutter hat ihm immer ein bisschen mehr Brot für seine Markerl ausgegeben", erinnert sich die 95-Jährige, "so hat man sich halt damals durchgewurschtelt."

- Im Jahr 1950 heiratete Michaela ihren Viktor. Die beiden haben sich in der Bäckerei kennengelernt.
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Bis zum Schluss in der Bäckerei gearbeitet
Vier Jahre nach Kriegsende kam ihr Bruder Reinhard auf die Welt. Auch er wurde Bäckermeister und arbeitete bis zur Pensionierung im eigenen Betrieb. An die Nachkriegsjahre hat er gute Erinnerungen. "Es ist unglaublich, wie schnell sich alles wieder erholen kann", berichtet Reinhard. Gern erinnert er sich an die Auslieferfahrten mit dem neuen Motor-Dreirad rüber ins amerikanische Linz. "Die Kontrollen wurden rasch zur Normalität. Da hat bald keiner mehr so streng geschaut", sagt Reinhard. Damals gab es noch viele kleine Lebensmittelgeschäfte in der Stadt, an die Brot geliefert werden musste. Auch am Markt in der neuen Heimat war die Bäckerei mit einem Stand vertreten. Bis zur endgültigen Schließung der Bäckerei vor zehn Jahren war Michaela Lehrner noch im Büro tätig. Sie und die Bäckerei haben den Krieg um Jahrzehnte überlebt.




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