Sigi Bergmann: "Im nächsten Leben werde ich Opernsänger"

Sigismund "Sigi" Bergmann vor seinen Auszeichnungen, darunter zwei Romys als Publikumsliebling.
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PENZING. Der Name Sigi Bergmann ist auch dem an Sport uninteressiertesten Österreicher bekannt; der Mann, der jede Sportlegende interviewte, ist mittlerweile selbst eine Legende. Im Jänner feierte der Sportjournalist, der 17 Jahre lang jeden Montag zur Hauptprogrammzeit die Sendung "Sport am Montag" moderierte, seinen 80. Geburtstag. "Ich war vergangene Woche viermal in der Oper. Dort haben mir zwanzig Leute gratuliert", erzählt Sigi Bergmann in seinem Wohnzimmer am Wolfersberg, in dem klassische Musik läuft. Überrascht über die große Welle der Sympathiebekundungen ist Bergmann nicht: "Ich war vierzig Jahre lang im ORF zu sehen. Dass mich die Leute auf der Straße erkennen, ist klar. Aber das hat mich nie genervt, warum auch?" Einzig die Fahrt zu seiner großen Geburtstagsfeier im Marchfelderhof barg eine Überraschung. "Ich bin öffentlich hingefahren und dem Bus nachgelaufen. Der blieb noch einmal stehen und als ich eingestiegen bin, hat mir eine junge Dame ihren Sitzplatz angeboten. Als ich sie irritiert fragte, ob ich denn so alt aussehe, hat sie gesagt: `Ich habe in der Zeitung gelesen, dass Sie Achtzig geworden sind.´Da habe ich eine Stunde gebraucht, um das zu verarbeiten!"

Die achtzig Jahre gibt man Bergmann tatsächlich nicht - bis er anfängt zu erzählen. Erlebnisse und Anekdoten, die knapp in achtzig Jahre passen. So aufregend und interessant sein Leben bisher verlief, so tragisch begann es. "Am 17. April 1945 wurde meine Mutter im Krieg erschossen. Ich bin dabei als Siebenjähriger in ihren Armen gelegen - dieses dramatische Erlebnis ist mir lange nachgehangen", erzählt Bergmann mit feuchten Augen. Aufgewachsen ist er dann bei seinem Onkel, einem Kaplan, im erzbischöflichen Palais im ersten Bezirk. "Ich bin zwar Volksschullehrer geworden wie mein Vater und habe auch zwei Jahre unterrichtet, aber der Wunsch, Opernsänger zu werden war sehr, sehr groß. Leider ist daraus nichts geworden - im nächsten Leben werde ich es wieder probieren, vielleicht klappt es dann." 

"Libellen haben keine Wimpern"

Neben einem abgeschlossenen Gesangsstudium kann Bergmann auch einen Doktortitel in Geschichte vorweisen. Dass ein opernliebender Akademiker ausgerechnet im brutalen Boxsport - Bergmann kommendierte über 3.500 Boxkämpfe für den ORF - seine große Leidenschaft fand, mag sonderbar anmuten, ist für Bergmann jedoch kein Widerspruch: "Der Boxsport ist über sechstausend Jahre alt, er gehörte zu den antiken Spielen. Neben der Tradition fasziniert er mich, weil alles mit dem ersten Gong auf den Punkt gebracht werden muss. Es gibt viel brutalere Sportarten, American Football zum Beispiel. Dort gibt es jedes Jahr einige Tote. Ich habe selbst als Student geboxt, mich aber als Erwachsener auf´s verbale Boxen - dem Moderieren - verlegt." Und dort war Bergmann zweifelsohne der Champ. Legendär seine Sprüche wie die Zeitbeschreibung "der Wimpernschlag einer Libelle", mit dem der Rodler Markus Prock um 13 Tausendstel die Goldmedaille verpasst hat. "Na, da war was los! Ich habe Briefe von Naturwissenschaftlern bekommen mit `der Trottel weiß nicht, dass Libellen keine Wimpern haben´", erinnert sich Bergmann, während sein Handy wiederholt läutet.

Auch seine Aussage, er stünde stets auf der Seite der Verlierer, ist wohlbekannt. Bestätigt wird diese soziale Ader mit einer mittlerweile fünfzig Jahre währenden Freundschaft zum Boxer Hans Orsolics. "Es geht ihm nicht so gut. Andererseits hätte kein Mensch gedacht, dass er siebzig wird, so wie er gelebt hat", sinniert Bergmann über die berühmten Ausreißer und die Alkoholkrankheit seines Freundes, über den er das Buch "Orsolics Hansi k. o" geschrieben hat. "Er hatte seine Ausraster und war 14 Mal im Gefängnis, aber er war nie kriminell. Vielleicht ein Strizzi, aber wenn er an einem Tisch voller Tausender sitzen würde, würde er nicht einen nehmen." An jedem Tiefpunkt konnte Orsolics auf seinen alten Freund zählen. "Mir war das nie zuviel, aber für meine Frau war es mega anstrengend", gibt Bergmann zu, der nach wie vor nichts über Orsolics kommen lässt. "Wer in Österreich kann von sich behaupten, dass er Erster der Weltrangliste im Boxen und Erster der Ö3 Hitparade war? Er hat Falcos Jeanny weggeschossen und das war wirklich ein Hit. Dass für ihn ein Oratorium geschrieben wurde und er 17 ausverkaufte Vorstellungen im Burgtheater vorweisen kann? Und dann bezeichnen die Leute ihn als kleines Dummerl! Bei einer Verhandlung hat er einmal gesagt: `Machen´s net so a Theater, Herr Rat´", lacht Bergmann ein paar Sekunden lang. " Das war so bezeichnend für ihn."

Der Blitz von Kitz als Botschafter

Auch über einen weiteren Freund lässt Bergmann nichts kommen, nämlich den Skifahrer Toni Sailer, dessen Begräbnis 2009 Bergmann zwei Stunden lang moderierte. Der Vorwurf, Sailer hätte 1974 eine Prostitutierte vergewaltigt, der im Zuge der aktuellen metoo-Debatte wieder aufgewärmt wurde, tut dem Moderator weh. "Ich habe Sailer als großartigen Menschen kennen gelernt. Er war Österreichs  Jahrhundertsportler, der dreimal die Olympischen Spiele und sieben Mal die Weltmeisterschaft gewann. Sein Erfolg war unglaublich wichtig für Österreich. Durch die großen Sportler konnte man nach dem Krieg wieder stolz auf sein Land sein, ohne als Nazi zu gelten. Das hat das Land nach den Schuldzuweisungen aus der Depression befreit. Wobei: In Amerika glaubt man immer noch, dass Hitler Deutscher und Beethoven Österreicher war", lacht Bergmann spitzbübisch.

"Toni Sailer hat für Österreich mehr getan als jeder Außenminister. Besonders in Japan war er extrem beliebt. Als Marilyn Monroe in Tokio landete, waren 15.000 Menschen am Flughafen. Einen Monat später kam Sailer und 200.000 Japaner hießen ihn am Flughafen willkommen. `Der schwarze Blitz´ lief jahrelang in Tokio in den Kinos und spielte mehr ein als `Vom Winde verweht´. Bei jedem Geschäft, das Österreich in Japan gemacht hat, musste Toni Sailer mitfahren. Er wurde sogar vom Kaiser empfangen. Und dann haben sich Ministerialräte und Hofräte aufgeregt, dass jemand ohne Matura das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich bekommt."

Muhammad Alis Segen

Seine größte Auszeichnung bekam Bergmann übrigens von keinem Geringerem als Muhammad Ali, den Bergmann etliche Male interviewte. "Ich habe mich 1999 nach seiner Wahl zum Weltsportler des Jahrhunderts in der Staatsoper beim Dinner an ihn herangeschlichen, als seine Securities gerade Essen gegangen sind, und gratuliert. Es war unendlich traurig, wie er gezittert hat und gefüttert werden musste! Er hat mich am Nacken gepackt, sich hochgezogen, seinen schweißnassen Kopf an mein Gesicht gelegt und `Allah bless you!´gesagt. Das war für mich die Bestätigung, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe!"

Trotz seiner engen Freundschaften zu den Spitzensportlern des vergangenen Jahrhunderts, sind keine Erinnerungsfotos mit Toni Sailer oder Muhammad Ali an den Wänden zu finden. Stattdessen lachen die Töchter Elisabeth und Eva samt ihren Kindern von nahezu jeder Wand. "Ich bin auf meine Familie stolz. Das größte Erlebnis für mich in meiner beruflichen Laufbahn war, als ich 1988 von Olympia in Seoul berichtete und meine Tochter im Turnen startete. Zwei Bergmanns bei Olympia! Einer moderiert, eine nimmt teil. Etwas Größeres als bei den Olympischen Spielen teilzunehmen gibt es nicht." Ebenfalls stolz ist Bergmann auf seine geglückte Verbindung von Sport und Kultur. "Wir hatten in Sport am Montag Placido Domingo, José Carreras, Peter Ustinov, Helmut Lohner, Otto Schenk und Falco zu Gast. Fendrich hat live Ès lebe der Sport´gesungen. Das war großartig!"

Wie beliebt Bergmann stets war sieht man an den zahlreichen Auszeichnungen sowie dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, die im Wohnzimmerregal aufgestellt sind. "Bei meiner 80er Feier habe ich noch das Goldene Herz für Sport erhalten. Das habe ich aber im Marchfelderhof vergessen!"

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