Befreiungsfeier 2024 KZ-Gusen
Im verdrängten Lager erwacht die Erinnerung
- Erstmals am freigelegten Appellplatz, in Sichtweite des Schotterbrechers, fand heuer die Befreiungsfeier des KZ Gusen statt.
- Foto: Eckhart Herbe
- hochgeladen von Eckhart Herbe
Zu Beginn waren es nur seine Opfer, die einen Ort des Terrors nicht vergessen ließen. Lange waren es nur wenige, die auch hierzulande neben Mauthausen den Namen Gusen kannten. Das Aufeinanderprallen von Verdrängen und Fordern nach Verantwortungsübernahme war über Jahrzehnte Nährboden vieler Konflikte. 2024 verbindet nun eine würdige, internationale Befreiungsfeier die Nationen; erstmal abgehalten am freigelegten Appellplatz. Gusen hat sich eindrucksvoll gewandelt.
GUSEN, ST. GEORGEN. Über Jahrzehnte waren Namen wie Gusen oder Bergkristall im Gedächtnis der meisten im Land nicht vorhanden, marginal selbst das Wissen der Einheimischen. Das Krematorium als Relikt bewahrt durch die Beharrlichkeit Überlebender. Über viele Jahre vom offiziellen Österreich ignoriert und in den ersten Maitagen jährliche, unverstandene Konfliktzone in der Region. Ein Erwachen und erste, oft emotional diskutierte Bewusstseinsarbeit ab Anfang der 1990er.
Der Kauf wichtiger Areale nach 76 Jahre im Jahr 2021 durch die Republik Österreich und nun ein mustergültiger Beteiligungsprozess, der alle Betroffenen mit einbezieht: Ein zentrales wenn auch schmerzhaftes Puzzleteil heimischer Geschichte bekommt sukzessive wieder Identität. Aus verblassenden Erinnerungen schälen sich nun die Konturen einer breiten wissenschaftlichen Geschichtsaufarbeitung, zeitgemäßer Gedenkkultur und vorwärts gerichteter Aufklärungs- und Präventionsarbeit, die sich moderner Kommunikationskanäle bedient. Die rapide wachsende Zahl der Besucher der Befreiungsfeier, heuer erstmals auf dem freigelegten Appellplatz mitten im Lagergelände, welche dieses neue Denken gutheißen, gibt dem Konzept recht.
"Wir sind auf einem guten Weg"
"Im Jahr 79 nach der Befreiung geht vieles an der Gedenkstätte Gusen nun einen guten Weg. Gehen wir ihn gemeinsam weiter!" Das war der einhellige Tenor und gleichzeitig beschwörende Appell der Besucher aus vielen europäischen Ländern, der Veranstalter und Gedenkorganisationen sowie heimischer wie internationaler Vertreter aus der Politik. Aus dem Schmerz und den Gegensätzen von einst seien hier Freundschaft, gemeinsame Zukunftsperspektiven und völkerverbindendes Miteinander entstanden. Wo die Opfer und Zeitzeugen mehr und mehr verschwinden, könne ihr Vermächtnis nun so weitergetragen, wie die meisten von ihnen es sich wohl gewünscht hätten. Das "Nie wieder" leben, ohne dabei mit den Fingern späterer Generationen aufeinander zu zeigen.
Licht und Schatten auch anno 2024
Dass sich würdiges Gedenken mit einem Fest des Miteinander der Nationen ausgezeichnet kombinieren lassen, illustriert auch der von Musik begleitete Auszug aller Besucher aus dem ehemaligen Lagergelände. Ein von allen Teilnehmern als sehr positiv und verbindend empfundener Programmpunkt. Ebenso wie das von einem jungen Geiger angestimmte und spontan von hunderten Stimmen mitgesungene "Bella Ciao", vor allem für die italienischen Besucher die Hymne des Widerstands und der Freiheit
"Es ist so schön, wenn jetzt Menschen, besonders so viele junge aus halb Europa, hier in Gusen, in den Ruinen eines KZ, eine neue positive Gemeinsamkeit fühlen können. Und es ist gleichzeitig so tragisch, wenn ich später im Fernsehen in den Nachrichten die Grausamkeit der aktuellen Kriege sehe. Oder den Hass, das Auseinanderdividieren und die Menschenverachtung. Immer noch oder schon wieder, gerade jetzt auf EU-Wahlplakaten wie dem da vorne neben der Straße. Da ist soviel Gewalt in der Sprache und den Bildern. Haben denn diese Leute gar nichts gelernt? Ich verstehe das einfach nicht. Das macht mir als altem Menschen, der als kleines Kind all das hier erlebt hat, ohne es noch einordnen zu können, wieder Angst! Das können´s ruhig schrieben!"
Täglich neue Courage gefordert
Dieses emotionale Zitat eines 82-Jährigen ehemaligen Lehrers aus der Region, mit dem der Autor dieses Beitrags nach Ende der Feier ein Stück des Weges ging, hat, zugeben, ziemlichen Eindruck hinterlassen. Und Bewusstsein, dass es mit bloßem Erinnern an Gusen, Mauthausen, Bergkristall und wie all diese Schandorte unserer Geschichte heißen, noch lange nicht getan ist. Es braucht - leider - jeden Tag aufs Neue die gemeinsame Zivilcourage, die zerbrechliche Pflänzchen namens Freiheit, Demokratie und Menschenrechten zu schützen und wachsen zu lassen.
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