Auszug aus "Unglaubliche Luftfahrtgeschichten"
Die infiltrierte Demonstration
- hochgeladen von Gerhard Gruber
Ein Flughafen ist bestens geeignet, um mit einer Demonstration Aufsehen zu erregen. Es sind ständig viele Personen präsent und schon eine geringe Störaktion führt zu einer Beeinträchtigung des Betriebsablaufes. Je nach Art der Demonstration werden dabei auch Verspätungen der Abflüge verursacht, was auf jeden Fall eine Medienberichterstattung garantiert.
Es war Anfang der 90er Jahre als eine Demonstration von etwa 100 Personen am Flughafen Wien angekündigt wurde. Ich weiß nicht mehr, warum demonstriert wurde, es musste aber eine Störung des Betriebsablaufes angenommen werden. Bei einer Vorbesprechung mit der Polizei teilte diese mit, dass sie keinesfalls die Demonstration verhindern werden. Ein Eingreifen war nur im Falle von kriminellen Handlungen wie Sachbeschädigung und Körperverletzung vorgesehen.
Diese Aussage war unter anderem mit den schlechten Erfahrungen vom 26.2.1987 begründet. An diesem Tag war die erste Opernball-Demonstration. Der Protest richtete sich gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage für atomare Brennstoffe im bayerischen Wackersdorf. Als Gast des Wiener Opernballs wurde der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß erwartet. Die Situation eskalierte und die Polizei musste wegen ihres Einsatzes von Schlagstöcken herbe Kritik einstecken.
Die polizeiliche Zurückhaltung war nicht sehr hilfreich und bedeutete, dass die Demonstration mit ihrer Störaktion ungehindert stattfinden wird. Auch bei einer längeren Dauer konnte der Flughafen nur tatenlos zusehen, ohne etwas dagegen machen zu können.
Gespannt warteten wir auf das Eintreffen der Demonstranten. Sie kamen mit der Bahn und marschierten in einer geschlossenen Gruppe nach oben in die Abflughalle. In dieser gingen sie ständig von einem Ende zum anderen. Das wäre an sich noch kein Problem gewesen, wären da nicht ihre Ausrüstung gewesen. Mit dieser machten sie einen ohrenbetäubenden Lärm und schrien zusätzlich dabei in Sprechchören ihre Parolen.
Offensichtlich war es der Polizei nicht laut genug, um den Lärmpegel als Körperverletzung zu werten. Sie standen auf der Seite und beobachteten das Geschehen. Anfänglich dachten wir, dass nach ein paarmal auf- und abgehen der Fall erledigt sei und die Demonstranten wieder abziehen werden. Das taten sie aber auch nach einer halben Stunde nicht, und es schien, als ob sie mit der Zeit noch mehr Energien bekämen. Der Lärm war fürchterlich, und viele Passagiere flüchteten mit zugehaltenen Ohren.
Auch wenn die Polizei keine gesetzliche Verpflichtung zum Eingreifen hatte, ich hatte sie schon. Es steht im Gesetz klar, dass der Flugplatzbetriebsleiter für einen reibungslosen Flugplatzbetrieb zu sorgen hat. Aufgrund gesetzlicher Änderungen gilt dies heute nur mehr für die sogenannte Airside, damals gab es diese Unterteilung aber nicht und betraf auch die Landside, also auch die Abflughalle.
Mir kam eine Idee, und ich begann, von hinten kommend, mich der marschierenden Gruppe anzuschließen. Ein „Wir-Gefühl“ simulierend, war ich schon bald Teil der Demonstranten und diskutierte eifrig mit. Offensichtlich kannten sie sich untereinander nicht so gut. Es fiel daher nicht auf, dass ich gar nicht dazu gehörte.
Während des Marschierens arbeitete ich mich nach vorn bis fast an die Spitze des Demonstrationszuges. Dort angekommen, fragte ich einen der Demonstranten, wer heute der Verantwortliche der Demo ist. Bereitwillig gab man mir den Namen und zeigte auf den Leiter der Aktion. Ohne zu zögern, ging ich zu ihm und sagte: „Du, ich glaube, unsere Aktion wird langsam ein Schuss nach hinten.“ Als er mich fragend anschaute, führte ich aus: „Unsere Message haben wir ja schon angebracht und alle hier haben verstanden, worum es uns geht.“ Es dauert aber nun schon zu lange, und von einigen Passagieren hörte ich, wie sie uns verfluchen und zu hassen beginnen.“
Meine Nachricht traf ins Schwarze und er sagte, ja, du hast recht. Unmittelbar darauf wandte er sich an seine Gruppe und schrie „Aktion beendet“. Das Ende der Lärmaktion war sehr angenehm. So wie die Demonstranten gekommen sind, verschwanden sie auch wieder. In einem günstigen Augenblick bog ich vom Rückzug ab und ging mit einem Lächeln im Gesicht wieder in mein Büro.
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Zu den Fotos:
Die Abflughalle im Jahr 2005.
Die Abflughalle mit Bordkartenkontrolle West im Jahr 2008.
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