Humor aus Wien in der Glaubenskirche
Die drei Stadien des „Schwüls“

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Wer mit dem Autor, Ö1-Wissenschaftsjournalisten und Vortragskünstler Martin Haidinger dem „Humor aus Wien“ nachspürt, begibt sich damit zugleich tief in die Geschichte der Bundeshauptstadt.

Es ist ein einzelner Mann, der hier - im Licht einer einfachen Stehlampe - an seinem Lesetisch sitzt. Tatsächlich bringt Martin Haidinger an diesem Abend des 28. Jänner mit seiner beeindruckenden sprachlichen Verwandlungskunst gleich eine Fülle an Figuren in die Simmeringer Glaubenskirche. Da wird „Geböhmakelt“, der jüdische Humor kommt nicht zu kurz, die eigentlich in Budapest kreierte Kunst der Doppelconference erlebt in einer einzelnen Person Höhepunkte. Und zugleich belegt die kulturelle Vielfalt des historisch gewachsenen Wiener Humors, dass dieses Wien schon immer ein Schmelztiegel von Nationalitäten, Religionen und Kulturen war.

Und, dass dieser Humor zeitlos modern ist: Wenn etwa Rudolf Stürzer 1926 anhand eines Herrn Mayerhofer die drei Stadien des „Schwüls“ – also einer Alkoholisierung im fortschreitendem Zustand, in den „jeder geraten kann, der nur acht Viertel Wein verträgt und zehn trinkt“ – beschreibt, tun sich auch vor dem Auge des heutigen Betrachters Figuren auf, die frappant an diesen Mayerhofer erinnern: Denn das erste von Stürzers beschriebenen Stadien „äußert sich in einem freien Bekennermute der Menschheit gegenüber, das zweite in einer sanften Erotik und das dritte in einer kohlhaasischen Rechtsucht, die von Laien gemeinhin für Streitsucht gehalten und demgemäß behandelt wird“. Entsprechend schwer tut sich denn auch der Schaffner der „Elektrischen“ – für jüngere Leserinnen und Leser der Tramway oder, vielleicht verständlicher noch, der Straßenbahn – diesen Herrn Mayerhofer aus dem Waggon zu werfen, als dieser im zweiten Stadium auf plumpe Weise den Flirt mit einem jungen Fräulein zu erzwingen versucht, um schließlich rabiat zu werden, da die Belästigung von anderen Fahrgästen kritisiert wird. Die Versuche des Schaffners, die Amtsperson in Uniform hervorzukehren – wie sang Wolfgang Ambros einst doch: „Vor einer Schaffneruniform hat man früher fast salutiert…“ – bleiben vergeblich.

Königgrätz 1866: Es war der Rockschoß

Mit einem Text von Josef Modl tauchen die Zuhörerinnen und Zuhörer in der Glaubenskirche in die Vielstimmigkeit des Praters um 1900 ein. H.C. Artmanns „med ana schwoazzn dintn“ kommt mit der Geschichte von Rosalind, der „dea schdrenge Hea Onkl“ befiehlt, ein Huhn abzustechen, zu Ehren. Und endlich wird auch das Geheimnis gelüftet, dass Preußen 1866 die Schlacht bei Königgrätz nur gewinnen konnte, weil der kaputte Rockschoß eines österreichischen Soldaten zu einer Kette der Absurdität rund um Bürokratien und Hierarchien geführt hat.

Der „Phäake“ von Josef Weinheber („Ich hab sonst nix, drum hab ich gern
ein gutes Papperl, liebe Herrn“) leitet schließlich zum Buffet über – nach einem Abend höchster Vortragskunst, der zum Lachen, Schmunzeln und Nachdenken gleichermaßen angeregt hat. Oder, wie es Martin Haidinger formuliert: Einfach "Wien süß-sauer".

Autor:

Christian Buchar aus Simmering

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