Kommentar
Die Macht der Gewohnheit

Christian Marold
RZ-Chefredakteur

„Warum steht auf dem Zeugnis meiner Tochter eine Drei in Deutsch? Sie ist doch so gut! Wollen sie meiner Tochter wirklich die Zukunft verbauen? Sie muss auf das Gymnasium! Kann man da nichts mehr machen?“

Diese Woche bekommen wieder Tausende Vorarlberger Schüler das Halbjahreszeugnis und die oben gestellten Fragen kommen kurz vor der Notenvergabe so sicher wie das Amen im Gebet. Für manche Eltern ist es aber schon extrem schwierig, ihre Kinder nicht mindestens gleichwertig oder gar besser zu sehen, als sich selbst zur eigenen Schulzeit. Der Druck auf die Kinder hat in den letzten Jahren um nichts abgenommen. Lernstoff muss in kürzerer Zeit kompensiert werden, denn den Samstagsunterricht gibt es schon lange nicht mehr. Das heißt, derselbe Umfang an Lernstoff muss während der Woche reingequetscht werden. Zieht man noch alle Wandertage, schulautonome Tage, Feiertage, krankheitsbedingte Ausfälle der Lehrer ab, dann bleibt wirklich nicht viel Zeit, um zu lernen. Das Kind sein bleibt da in manchen Schulen etwas auf der Strecke. Leistung, Leistung und noch einmal Leistung. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die Kinder von den Eltern außerhalb des Schulbetriebs noch gut eingespannt werden - all die Supertalente der Kinder sollen ja gefördert werden. Musikschule, Sportverein und – darf es noch etwas mehr sein - vielleicht noch eine Aktivität als kleiner ehrenamtlicher Helfer. Macht das unsere Kinder zu kleinen Super-Managern? Am Ende des Tages muss noch genügend Zeit bleiben, die Spielkonsole oder der Chat am Smartphone darf ja auch nicht zu kurz kommen. Da passt ein Befriedigend in einem Fach überhaupt nicht in die Zukunftsplanung mancher Eltern. Schließlich sollten es die zukünftigen Akademiker einmal besser haben als die eigenen Eltern. Das Messen mit anderen funktioniert nun einmal nur über Noten und Zahlen. Egal, in welchem Wettbewerb die Kinder stecken. Wie sollte man sonst objektiv Vergleiche ziehen können? Über eine Bewertung ohne Noten? Was sagt eine solche alternative Bewertung denn schon über mein Kind aus und wie und wo sehe ich mein Kind im Vergleich zu den anderen Einsteins?

Die Macht der Gewohnheit zeigt uns wieder einmal, dass wir alles und jeden kategorisieren müssen. Noten und Zahlen bestimmen unseren Alltag. Nur, was sagen die Noten über die Kompetenzen unserer Kinder aus? Was haben sie am Ende in jedem einzelnen Fach gelernt, was sind Schwächen was Stärken, was muss verbessert, was gefördert werden. Sagt zum Beispiel eine Zwei in Mathematik aus, dass mein Kind nicht sinnerfassend lesen kann, es gut mit Zahlen umgehen kann, an Textaufgaben aber immer wieder scheitert? Am Ende steht die Note Zwei im Zeugnis und alle sind zufrieden. Eine alternative Beurteilung würde das durchaus genau erklären. Übrigens wäre das durchaus sinnvoll für alle Schulstufen. Warum? Weil in der Arbeitswelt mit Gehältern und nicht mit Noten bewertet wird. Ja, auch das sind Zahlen, aber das System ist völlig anders. Es wird gezahlt nach Kollektivvertrag, aber auch über Bonussysteme, Überstundenzuschüsse und letztlich entscheiden auch Gehaltsverhandlungen darüber, was am Ende des Monats auf dem Lohnzettel steht. Das System ändert sich, wird flexibler, transparenter und nachvollziehbar. So werden Anreize geschaffen, „ohne Moos nix los“, sagt der Volksmund.

Der extreme Gegensatz ist nach wie vor das Schulnotensystem. Es sagt nichts über das Erlernte aus. Es sagt nichts über den Lehrer aus und schon gar nicht über die Kinder und Jugendlichen, die jeden Tag die Bildungseinrichtungen besuchen und wieder verlassen. Trichter auf, Wissen rein, Trichter zu. Schöne Ferien!

Autor:

Christian Marold aus Feldkirch

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