16.11.2016, 16:39 Uhr

Währinger Arzt rettet Flüchtlinge im Mittelmeer: "Die Leute krepieren zu lassen, ist keine Lösung"

Michael Kühnel (41) an Bord der "Responder" mit einem Säugling, der soeben von einem Boot gerettet wurde. (Foto: Rotes Kreuz)

Im Auftrag des Roten Kreuzes ist Michael Kühnel seit Freitag an Bord des Rettungsschiffes "Responder" im Mittelmeer unterwegs.

ITALIEN/WÄHRING. Den Anruf nimmt Michael Kühnel, der in Währing eine Praxis betreibt, auf hoher See - irgendwo zwischen Libyen und Italien - entgegen. Beim heutigen Einsatz vor der libyschen Küste sind über 430 Flüchtlinge aus Seenot gerettet worden, vor einer Viertelstunde ist die "Responder" auf das letzte Boot getroffen. Nun sind sie am Rückweg nach Italien und Kühnel hat Zeit für ein kurzes Gespräch.

In welchen Schiffen kommen die Flüchtlinge, die sie retten, über das Meer?
"Die meisten in kleinen Gummibooten, die so etwa sieben Meter lang sind und eine Breite von drei Metern haben. Die sind auf höchstens 60 Menschen ausgelegt, aber es sind sehr viel mehr darauf. Wir haben bereits 170 Menschen von so einem Boot gerettet.

Sind die Menschen in Seenot?
Heute waren sie es glücklicherweise nicht. Aber wir haben auch schon Menschen von einem Boot gerettet, das bereits gesunken ist.

Wie sind die Bedingungen, ist es kalt?
Eigentlich noch nicht. Das Wasser hat etwa 20 Grad, in der Luft sind es um die 17 Grad. Aber die Menschen sind beinahe nackt und den ganzen Tag draußen. Unterkühlung ist einer der häufigsten Gründe für medizinische Behandlung.

Was ist noch vorgekommen?
Häufig kommen Verätzungen durch die Chemikalien vor, die dem Benzin beigemischt werden, damit der Motor leistungsfähiger ist. Die sind bei uns mittlerweile verboten, weil sie giftig sind. Manchmal werden diese Dämpfe auch eingeatmet, das ist sehr gefährlich. Daran kann man sogar sterben.

Wie versorgen sie die Menschen an Bord und was passiert weiter mit ihnen?
Wir haben Kekse, weil die gut zu lagern sind, warme Kleidung und Rettungsdecken. Wir bringen die Flüchtlinge nach Sizilien oder Kalabrien, je nachdem in welchen Lagern mehr Platz ist. Es sind Frauen, Männer und Kinder. Das jüngste Kind, das wir gerettet haben, war erst ein Monat alt.

Wissen die Leute vor der Überfahrt, wie gefährlich es sein wird?
Nein. Die Schlepper erzählen ihnen in LIbyen, es würde sich um etwa 100 Seemeilen bis Italien handeln, tatsächlich sind es aber 300. So weit schafft es der Motor einfach nicht. Die Menschen sterben, wenn sie nicht gerettet werden. Viele haben noch nie zuvor das Meer gesehen.

Woher wissen Sie, wo ein Schiff in Seenot ist?
Die italienische Küstenwache verständigt uns, und wir fahren dann hin. Momentan ist aber sehr hoher Seegang, weshalb viele Schiffe am Radar nicht auszumachen sind. Das Wetter verschlechtert sich zusehends. Auch unser Schiff wird spätestens am 30. November wieder in den Heimathafen in Malta einlaufen. Das heißt, dass wieder ein Rettungsschiff weniger unterwegs ist. Die Menschen kommen aber trotzdem. Es wird viel mehr Tote geben, die aber unentdeckt bleiben werden.

Wieso sind Sie hier im Einsatz, was ist Ihre Motivation?
Ich denke mir, es gibt zwar viele Ärzte, aber nicht viele mit meiner Zusatzausbildung. Ich arbeite seit vielen Jahren für das Rote Kreuz und habe mich in diesem Rahmen immer weitergebildet. Das heißt hier kann ich etwas bewirken, in Österreich gehe ich niemandem ab.

Wie ist der Einsatz für Sie?
Es ist anstrengend, aber zweimal im Jahr unterwegs zu sein, ist für mich in Ordnung. Wir sind ein internationales Ärzteteam und das hat auch seine schönen Seiten. Aber ich kann mich ja dann auch wieder ausruhen, und das genieße ich auch.

Was wünschen Sie sich angesichts Ihrer Erfahrungen von der europäischen Flüchtlingspolitik?
Das Rote Kreuz ist keine politische Organisation, aber ich finde es muss eine Lösung her. Die Leute im wahrsten Sinne des Wortes krepieren zu lassen, ist keine Lösung.

Zur Sache:

Der Einsatz auf der "Responder" hat für Michael Kühnel am 12. November begonnen. Das Schiff wird vom Roten Kreuz gemeinsam mit der maltesischen Rettungsorganisation MOAS betrieben. Michael Kühnel war für das Rote Kreuz schon auf anderen Auslandseinsätzen, etwa 2014 im Ebola-Gebiet.
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