11.10.2016, 10:18 Uhr

Kennst du das Land, wo die Schneekanonen glühn?

„Der Schi-Tourismus wird schrumpfen“, prognostiziert Kurt Luger, Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für „Kulturelles Erbe und Tourismus“ an der Universität Salzburg.

Dank des Einsatzes einer regelrechten Heerschar von Schneekanonen merkt man den Salzburger Skigebieten noch nicht allzu viel an, aber wer genauer hinschaut, erkennt: der Branche schmilzt ihre Lebensgrundlage, der Schnee, auf der Piste weg. „Die Alpen werden sich mehr erwärmen als alle anderen Regionen der Welt. Diese Prognose ist unter Klimaforschern unbestritten“, sagt Kurt Luger, Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für „Kulturelles Erbe und Tourismus“ an der Universität Salzburg. Bedingt durch den weltweiten Klimawandel und den einhergehenden Temperaturanstieg werde die Schneesicherheit bis in die mittleren Lagen hinauf nach und nach sinken.

SALZBURG. „Der Tourismus wird zu den Verlierern gehören, denn gegen den Klimawandel werden derzeit weltweit keine wirksamen Schritte gesetzt“, sagt Luger. Die Branche fühle sich seiner Einschätzung nach auch überfordert und würde zu sehr auf richtige kalte Winter setzen. Diese würden aber immer wärmer und regnerisch, durchgehende Schneedecken wird es nur noch in Höhenlagen geben. „Der Wintertourismus wird langfristig betrachtet schrumpfen“, prognostiziert der Tourismusforscher. „Nirgendwo auf der Welt wird so sehr auf den Skitourismus gesetzt wie bei uns in Österreich. Das Produkt hat bislang exzellent funktioniert, muss jetzt aber überdacht werden. Ich sehe keine Chance dafür, in allen Wintersportorten so weiterzumachen, als gäbe es keinen globalen Klimawandel. Die Wintersaison wird sich klimatisch bedingt erheblich verändern. Es wird auch die Zahl der Skisportler zurückgehen, demoskopisch bedingt, weil immer weniger junge Skifahrer nachkommen, aber auch aus anderen Gründen. Der Skisport wird sich in Richtung Elitesport entwickeln, den sich immer weniger Familien leisten können werden. Was passiert dann? Weiter investieren? Mit noch mehr Schneekanonen auf die Touristen schießen?“

Neue Ideen sind gefragt

Luger gibt zu bedenken: „Längerfristig wird sich der weitere Ausbau von Skipisten in den unteren und mittleren Höhenlagen – also unter 1.200 oder 1.500 Metern Seehöhe – nicht rechnen, nicht ökonomisch und auch nicht ökologisch. Für einzelne Skigebiete mag das zwar eine kurzfristige Rettungsmaßnahme sein. Aber der Winter wird Problemkind, wenn nicht durch gemeinsame Anstrengung, gute Ideen und kreative Innovationen, d.h. wirksame Anpassungsstrategien entwickelt werden.“ Es gehe daher weniger um mehr Wachstum, sondern darum, den Bestand zu wahren angesichts der Veränderungen, die auch den Sommertourismus betreffen werden. „Selbst wenn es gelänge, den Sommertourismus weiter zu forcieren, so scheint es mir unmöglich, den drohenden Einbruch der Wintersaison dadurch zu kompensieren.“ Luger rechnet mit Rückgängen im Wintertourismus bis zu 20 Prozent in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren. Auch der Sommertourismus werde seiner Einschätzung nach nicht so weiterwachsen wie die letzten Jahre. „Klimatische Veränderungen bedeuten mehr Unwetter, Muren, Felsbrüche, Stürme, etc.“, fährt Luger fort und konkretisiert: „Die Gefahren im Alpenraum werden steigen. Wer sich in der Natur bewegt, bedarf gewisser Voraussetzungen, muss Kompetenz haben, körperliche Fitness sowieso.“

Druck auf hohe Lagen wächst

„Hochgelegene Skistationen im Salzburger Land werden von der Schneeunsicherheit in tieferen Lagen profitieren, doch auch das kann langfristig zu Problemen führen. In diesen Gebieten muss zum Beispiel mit einem Druck auf den Zweitwohnungsmarkt gerechnet werden. Es wird sich der Verkehr noch mehr konzentrieren, der Stromverbrauch rapide steigen“, blickt Kurt Luger in die Zukunft und stützt sich hier auf die rezenten Klimaberichte der österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie des Schweizer Forums für Klima und Global Change.

Ausweg auf sanften Pfaden

„Mir geht es darum, den Herausforderungen ins Auge zu sehen, sie ernst zu nehmen und nicht sich wegducken, hoffen, dass es so schlimm schon nicht kommen werde.“ Luger empfiehlt der Branche, sich mit diesen Fragen intensiv auseinanderzusetzen. „Investitionen in Angebote wie Wellness/Gesundheit, Spa oder auch volkstümelnde Unterhaltung machen die meisten. Höheren Komfort zu bieten, ist sicher nicht falsch. Allerdings bewegen sich viele auf einer dünnen Eigenkapitaldecke.“ Enkeltauglichkeit, also langfristig nützlich, wird der Tourismus durch diese Angebote nicht notwendigerweise. Gefragt sei ein die gesamte Region betreffender Schulterschluss. „Die Umsetzung von Konzepten sozialer und kultureller Verantwortung gegenüber Ökonomie und Ökologie werden zusehends notwendiger“, ist Luger überzeugt. Der beste Tourismus sei der, der sich integriert in eine florierende Gesellschafts- und Regionalstruktur. Mit dem Nationalpark Hohe Tauern und dem UNESCO-Biosphärenpark Lungau habe das Bundesland zwei Modellregionen für naturnahen Tourismus mit nachhaltiger Entwicklungsmöglichkeit. „Tourismus wird heutzutage weitaus stärker von Marketingmaßnahmen geprägt, als von der Tourismuspolitik und Konzepten mit integrativen Planungsüberlegungen. Alleine beim Marketing darf es nicht bleiben, denn es geht nicht nur ums Verkaufen“, betont Luger und erklärt: „Gelebte Nachhaltigkeit bedeutet, dass sich die Einheimischen in den Tourismusgebieten mit der Branche und ihrem Output identifizieren können müssen. ‚Begegnung statt Inszenierung‘ muss die Devise lauten! Die Einheimischen sind die Vertreter ihrer Interessen in der Region. Dem Tourismus kommt in diesem Kontext weitaus mehr Bedeutsamkeit zu, als in Auslastungsziffern oder Umsatzzahlen ausgedrückt werden kann. Die Gemengelage von Bereichen wie Gesundheit, Erholung, traditionelle Heilmethoden, Nahrungsmittel, Landwirtschaft, lokales Handwerk und bodenständigem bzw. naturnahem Lebensstil kennzeichnen die Salzburger Regionen als hochwertigen Wohn- und Arbeitsraum. Deren behutsame Inwertsetzung durch qualitätsvolle Tourismusdienstleistungen können dem Sommer- wie dem Wintertourismus eine ganz eigenständige Signatur mit Alleinstellungscharakter geben“, ist Luger überzeugt.

Kontrollierte Mobilität

Die Umweltbelastung durch den touristischen Verkehr zu reduzieren, sieht Luger als eine Aufgabe der Branche. „Das Potenzial umweltfreundlicher An- und Abreiseformen ist noch nicht annähernd ausgeschöpft“, unterstreicht Kurt Luger und konkretisiert: „Den öffentlichen Verkehr ausbauen und fördern, All-Inklusiv-Packages (mit An- und Abreise) anbieten, die Täler der Regionen nach dem Vorbild der Tälerbusse erschließen – wenn möglich mit sauberen Antriebsenergien! Hier sind nicht nur die regionale Politik, sondern auch die Touristiker selbst gefordert!“, meint Luger. „Das aufrichtige Bekenntnis dazu müsste zuerst einmal formuliert werden.“

„Das Erbe bewahren!“

„Die Idee eines weltumfassenden Erbes der Menschheit und die Bewahrung des von den Vorfahren empfangenen Vermächtnisses für nachfolgende Generationen ist das Grundprinzip von nachhaltiger Entwicklung. Der Tourismus ist Nutznießer des kulturellen Erbes, aber er muss auch Verantwortung für die Bewahrung dieses Erbes übernehmen beziehungsweise sich zu einem achtsamen und behutsamen Umgang mit den Ressourcen verpflichten“, mahnt Luger, der in der Entwicklung und Realisierung zukunftsfähiger, d.h. nachhaltiger Alternativen zum bislang gewohnten Wintertourismus in Salzburg die vermutlich einzige langfristige Lösung für das Problem des drohenden Verlustes der Zielgruppe „Skiurlauber“ sieht.
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