09.01.2018, 17:05 Uhr

Die Pfarrerspraktikantin von Mistelbach

Rotraud Perner gibt ihre Eindrücke ihrer Pfarrerslehrzeit in Tagebuchform wieder.

Wie aus dem Kind aus atheistischen Haus eine evangelische Pfarrerin wird.

MATZEN/MISTELBACH. Aufgewachsen in einem intellektuell-geprägten Haushalt – der Vater sprach 27 Sprachen, die Künstler-Mutter zog das Klavierspiel der Hausarbeit vor – war Religion kein Thema. 

Die Suche nach Gott

Dennoch erkennt Rotraud Perner in der Suche nach Gott, das was ihr immer gefehlt hat. Die Juristin und bekannte Psychotherapeutin, schlug mit 73 Jahren einen weiteren Bildungsweg ein: Sie wird evangelische Pfarrerin. Ihre "Lehre" absolviert die Pfarrerspraktikantin in Mistelbach bei Pfarrer Hans Spiegl. Die Erlebnisse, Eindrücke und Gedanken aus dieser Zeit fasste sie im eben erschienen Buch "Als Pfarrerlehrling in Mistelbach – ein multidisziplinäres Tagebuch" zusammen.

Der Kampf für Gerechtigkeit

Sieht man sich ihre Bildungsbiographie an, sind es nur am ersten Blick sehr konträre Richtungen.

Gemeinsam ist ihnen, dass Bestreben gegen die Ungerechtigkeit in der Welt aufzutreten, sei es als Juristin, Therapeutin oder nun als Pfarrerin. In ihrer politischen Laufbahn brachte sie es zwischen 1973 und 87 bis zur SPÖ-Bezirksrätin von Favoriten. "Ich hatte in meinem Leben immer jene Menschen zum richtigen Zeitpunkt getroffen, die mich auf meiner Suche weitergebracht haben", blickt Rotraud Perner zurück. Heute erkennt sie aus den vermeintlichen Zufällen einen göttlichen Plan: "Es ist als wenn bei einem Stummfilm plötzlich der Ton mitläuft." 

Das Erweckungserlebnis kam dann doch überraschend. Die Zeile aus dem Friedensgebet von Franz von Assisi "Mach mich zu einem Werkzeug deines Frieden" bewegen Rotraud Perner noch heute tief. Über ihren Mann kam sie zu evangelischen Kirche. Nach einem Autounfall beschloss sie das Studium zu beginnen.


Feministische Interpretation

Ein wesentlicher Teil des Studiums beziehungsweise der Arbeit einer evangelischen Pfarrerin besteht im Lesen der Originaltexte und deren Interpretation. Die Psychotherapeutin lernte dafür extra hebräisch und übersetzt das alte und das neue Testament mit den Augen der "68erin".

Ihre Masterarbeit, die in der Kurzform auch als Buch erhältlich ist, ist eine feministische Deutung: "Man kann den Satz "Seid fruchtbar und vermehret euch" auch mit "Seid kreativ und fördert euch" übersetzen", so Perner.

Heute braucht sie Zeit um ihre Religiosität zu leben: "Ich muss mich verlangsamen um vom Kopf weg mit dem Herzen zu denken. Das ist eine neue Dimension. Denn Geschwindigkeit bringt vieles zum Verschwinden."
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abcde abcde aus Linz-Land | 11.01.2018 | 20:03   Melden
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