Harry Gatterer und Monika Langthaler über Landflucht
"Geld ist da. Baue ich damit einen Parkplatz oder Kindergarten?"

Unternehmerin und Ex-Politikerin Monika Langthaler und Trendforscher Harry Gatterer über Zukunftsperspektiven ländlicher Regionen.
  • Unternehmerin und Ex-Politikerin Monika Langthaler und Trendforscher Harry Gatterer über Zukunftsperspektiven ländlicher Regionen.
  • Foto: Jürg Christandl
  • hochgeladen von Linda Osusky

Laut Gemeindebund verliert der ländliche Raum jährlich 5.000 gut ausgebildete Personen an die urbanen Großräume. Lässt sich dieser Trend aufhalten? Braucht das Land mehr Urbanität? Darüber sprachen wir mit der Unternehmerin und Ex-Politikerin Monika Langthaler sowie mit dem Zukunfts- und Trendforscher Harry Gatterer.

Ist das Land eine Idylle?
Langthaler:
Wenn ich das Land mit der Natur verbinde, mit dem haptischen Bezug zu Boden, Gras, Erde, Holz, dann ist das für mich persönlich ein herrlicher Ausgleich zu meinem Beruf, in dem ich ständig Kopfarbeit leisten muss. Da ist das Land für mich schon ein Ort der Idylle, an dem man zur Ruhe kommen kann.

Gatterer: In der Ästhetik und in der Wahrnehmung ist das Land unweigerlich mit Erdung und Runterkommen verbunden. Im Gegensatz zum Urbanen mit seiner Hektik und dem Stress. Ob das tatsächlich am Ende auch so ist, das ist die andere Frage.

Warum wandern die jungen Leute in die Stadt ab?
Gatterer:
Man geht in eine Stadt, weil natürlich der Möglichkeitsraum da größer ist. Die vermeintliche Idylle, das Häuschen mit Garten irgendwo am Land, ist vielleicht dann doch nicht so idyllisch, weil damit Möglichkeiten eingeschränkt sind. Möglichkeiten im Sinne von Menschen treffen, einen Job haben, kulturelle Vielfalt erleben.

Ist das dann Urbanität?
Langthaler:
Urbanität ist ein offener Raum. Ein Raum, in dem man neue Chancen entwickeln kann, weil es die entsprechenden Möglichkeiten gibt.

Gatterer: Die Verdichtung von Möglichkeiten, das ist Urbanität. Städte greifen dabei heute oft auf die Mechanik des Dorfes zurück. Die Idee des Dörflichen mit den Märkten und Kulturzentren wird in die Stadt geholt. Weil die Stadtmenschen Entspannung brauchen, um die urbane Verdichtung von Möglichkeiten ausleben zu können. Umgekehrt kann das Land aber genau davon profitieren, indem diese Verdichtung von Möglichkeiten imitiert wird.

Wie viel Urbanität braucht also das Land, damit die Jungen dort bleiben?
Langthaler:
Wenn die Politik will, dass die jungen Leute im ländlichen Raum bleiben, dann muss sie diesen Raum attraktiv gestalten. Dazu gehört beispielsweise das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie für junge Frauen. Dazu braucht es Kinderbetreuungseinheiten, die länger als bis 13 Uhr offen haben, und zwar flächendeckend. Darüber diskutieren wir ja schon seit mehr als 30 Jahren.
Gatterer: Es muss nicht ein Hochhaus gebaut werden, um urban zu sein. Es geht um eine Geisteshaltung. Es geht um eine Idee, voranzuschreiten und Urbanität als eine Verdichtung von Möglichkeiten zu verstehen, aus der etwas entsteht.

Wie sehr hängt die Zukunft des ländlichen Raums von den Bürgermeistern ab?
Gatterer:
Total. Von wem sonst? Nur die Bürgermeister und ihre Teams können Tradition in Transformation umwandeln. Dazu haben sie einen entsprechenden Gestaltungsspielraum.

Ich kenne ein paar Bürgermeister, die jetzt sagen würden, dass da ein paar Ahnungslose diskutieren. Denn in Wahrheit sei für all das kein Geld da.
Langthaler:
Ich kann als Ahnungslose (lacht) nur sagen, dass das Geld da ist. Es kommt nur darauf an, wofür ich es verwende. Für einen neuen Parkplatz um 200.000 Euro, der 20 Autos fasst, oder für eine Ganztagskinderbetreuung.

Gatterer: Ich würde als Besserwisser (lacht) zum Geld Folgendes sagen: In Österreich ist Geld grundsätzlich vorhanden. Es geht nur darum, wie wir es einsetzen. Das angeblich fehlende Geld ist das typisch gelernte Argument, wenn man Transformation nicht stattfinden lassen will. Denn es gibt immer kreative neue Lösungen.

Wie wichtig ist denn eigentlich die Digitalisierung für das Land?
Langthaler:
Ich glaube, dass Digitalisierung wichtig ist. Aber die Zukunft des ländlichen Raumes nur an der Digitalisierung festzumachen, halte ich auch für falsch. Es ist ein wichtiges Tool, aber nicht das ausschließliche.

Wie sehr braucht der ländliche Raum flexible Lebens- und Arbeitswelten?
Langthaler:
Wenn wir junge Menschen im ländlichen Raum halten wollen, dann müssen wir ihnen auch den Raum für kreatives Unternehmertum bieten, von dem letztendlich auch die Mitarbeiter profitieren. Flexible Arbeitszeiten gehören da längst dazu. Diese Flexibilität im Denken und im Umgang miteinander zeigt sich im ländlichen Raum in eindrucksvoller Weise gerade in der enormen ehrenamtlichen und freiwilligen Arbeit.

Redaktion: Wolfgang Unterhuber

Hinweis: Das Interview ist (in längerer Fassung) auch im Zukunftsbericht des Österrechischen Gemeindebundes erschienen.
Hier geht es zum Zukunftsbericht

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