29.03.2017, 08:43 Uhr

Primärversorgung: Mariahilfer Ärzte zeigen wie es geht

Die Diskussion über die Primärversorgung hat in den vergangenen Monaten sowohl auf Seiten der Regierung wie auch der Ärzteschaft für erhöhten Blutdruck gesorgt.

"Medizin Mariahilf" wird von drei Allgemeinmedizinern betrieben, arbeitet mit anderen Gesundheitsberufen zusammen und hat fünf Tage die Woche bis 19 Uhr geöffnet - damit erfüllen sie genau das, was unter "Primärversorgung" seit Monaten diskutiert wird. Die Josefstädter Bezirksvorsteherin holte sich beim Mariahilfer "Vorzeigeprojekt" Inspiration und Antworten.

MARIAHILF/JOSEFSTADT. "Wir sind hier auf einer Fact-Finding-Mission" - mit diesen Worten begüßt die Josefstädter Bezirksvorsteherin, Veronika Mickel-Göttfert (ÖVP) Dr. Franz Mayrhofer von "Medizin Mariahilf". Dabei handelt es sich um eine Gruppenpraxis, gemeinsam betrieben von drei Allgemeinmedizinerinnen und -medizinern. Und dabei verwirklichen die drei Ärztinnen und Ärzte genau das, was derzeit für erbitterte Debatten zwischen Regierung und Ärztekammer sorgt: die sogenannte "Primary Health Care" (PHC), also die Primärversorgung im Gesundheitssystem.

Während die Ärztekammer das Thema - nicht zuletzt aufgrund des internen Wahlkampfs, der den Ärztekammerwahlen am vergangenen Wochenende vorangegangen ist - sehr kritisch betrachtet und sogar mit Aktionismus im öffentlichen Raum dagegen Stimmung gemacht hat, will das Gesundheitsministerium das Konzept der Primärversorgung schnellst möglich umetzen. Konkret sollen sogenannte "Primäversorgungseinheiten" entstehen. In diesen Einheiten sollen Allgemeinmediziner gemeinsam mit anderen Gesundheitsberufen zusammen arbeiten und so die erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem sein.

Gruppenpraxis seit 2008

Bezirksvorsteherin Mickel-Göttfert (ÖVP) hat zwar mit ihrer "Fact-Finding-Mission" das Ende des Wahlkampfs in der Ärzekammer abgewartet, auf die Umsetzung solcher Zentren durch die Bundesregierung bzw. die Stadt Wien will sie allerdings nicht tatenlos warten - deshalb der Besuch beim Vorzeigeprojekt in Mariahilf. Und der dürfte sich gelohnt haben, denn Franz Mayrhofer kann sehr viel zu diesem Thema erzählen. Er hatte ursprünglich eine eigene Praxis ein paar Häuser weiter auf der Mariahilfer Straße. "Mir hat die Teamarbeit bei der Rettung und im Spital immer sehr gut gefallen und das hat mir gefehlt, als ich alleine ordiniert habe." Als er dann einen Kollegen gefunden hat, der ihn immer freitags in der Ordination vertreten hat und sie zu einem guten Team wurden ergab eines das andere und im Jahr 2008 haben sie ihre Gruppenpraxis eröffnet. Es kam eine weitere Ärztin hinzu und seit dem 1. April 2015 ist "Medizin Mariahilf" offiziell ein Teil des Primärversorgungskonzepts in Wien.

Heute, zwei Jahre später, kommen Delegationen aus ganz Österreich um die Gruppenpraxis zu besuchen und sich Anregungen zu holen. Aber nicht nur sie: auch die Patienten kommen in Scharen, derzeit werden bei "Medizin Mariahilf" gar keine neuen mehr aufgenommen. "An einem gewöhnlichen Montag behandeln wir rund 350 Patienten, im Quartal sind es rund 7.000", so Mayrhofer. Auch die Website werde 300 bis 400 Mal täglich aufgerufen. Das Interesse an der Praxis ist groß, dafür dürften nicht zuletzt die Öffnungszeiten sorgen: fünf Tage die Woche ist bis 19 Uhr geöffnet, was sich auch für berufstätige Menschen ausgeht. Dadurch, dass drei Ärztinnen bzw. Ärzte fix und an Spitzentagen noch zwei Vertretungskräfte zusätzlich vor Ort sind, kann dieses Angebot geschaffen werden. Ein einzelner Arzt in einer eigenen Praxis hätte seine Schwierigkeiten, das anzubieten.


"Unterschiedliche Lebensentwürfe möglich machen"

Und dieser Vorteil wirkt in beide Richtungen: "Die Zukunft des Arzt-Beruf liegt darin, ihn so zu gestalten, dass unterschiedliche Lebensentwürfe möglich sind", so Mayrhofer. So könne man sich als Team so organisieren, dass jemand der Kinder hat, genauso mitarbeiten kann, wie jemand ohne. Genauso gäbe es Ärzte, die gerne selbstständig eine Praxis führen, wie auch jene, die lieber angestellt sind und sich nicht um die betriebswirtschaftlichen Aspekte kümmern. Bei "Medzin Mariahilf" sind außerdem nicht nur Ärztinnen und Ärzte beschäftigt, auch Pflegepersonal, eine Diätologin und eine Psychotherapeutin arbeiten hier. Zudem sollen längerfristig auch eine Physiotherepeutin wie auch eine Sozialarbeiterin dazu kommen.

Dass sich das nicht nur für die Patienten, sondern auch für das Gesundheitssystem auszahlt, rechnet Mayrhofer - der außerdem Chef der Grünen Ärzte ist - folgendermaßen vor: Ein Patient, der zu einem Allgemeinmediziner - also auch in die Gruppenpraxis "Medizin Mariahilf" - geht, kostet die Krankenkasse im Quartal 42 Euro. Geht der Patient gleich zum HNO-Arzt, kostet der Facharztbesuch die Kasse das doppelte und geht der Patient in die Ambulanz, sind die Kosten nach oben hin offen. "Am Abend geht er dort oder da hinaus und hat das gleiche Medikament erhalten", so Mayrhofer. "Wir sehen, dass die Leute da hin gehen, wo es ein passendes Angebot gibt. Abschreckungsstrategien wie Ambulanzgebühren hingegen zeigen keinerlei Wirkung", so Mayerhofer zu bisherigen Strategien, die Ambulanzen zu entlasten.

Ein Primärversorgungszentrum für den Achten?

Die Ärztekammer und ihre Kampagne gegen Primärversorgungszentren leiste den jungen Kolleginnen und Kollegen keinen guten Dienst, so Mayrhofer. Viele von Ihnen würden gerne in einem Team arbeiten, man müsse Anreize für sie schaffen, den Beruf des Mediziners zu ergreifen. Dass es in den kommenden Jahrzehnten einen Mangel an Medizinern geben könnte, befürchtet auch Bezirksvorsteherin Mickel-Göttfert. In der Josefstadt ist die Zahl der Allgemeinmediziner zuletzt von 12 auf acht gesunken - mit ein Grund, warum sie rechtzeitig dafür sorgen will, dass im Rahmen der Umsetzung der PHC-Strategie, auch eines der 17 bis 20 für Wien geplanten Primärversorgungszentrum, im achten Bezirk angesiedelt ist.

Deshalb wird sich die Bezirksvorsteherin nun auch an die Wiener Gesundheitsplattform wenden, jenes Gremium, das den sogenannten Regionalen Strukturplan Gesundheit (RSG) entwickelt. In diesem wird der Bedarf für die Primärversorgung erhoben und auf Basis dessen das Angebot entwickelt. Dadurch will Mickel-Göttfert sicher stellen, dass die Josefstadt einerseits überhaupt ein Zentrum bekommt und andererseits jene Leistungen abgedeckt werden, die benötigt werden. Zusätzlich will sie im Bezirk als "Mediatorin" fungieren, Informationen sammeln und mögliche Bedenken von Allgemeinmedizinern ausräumen.


"Solidarische Versorgung statt Profitorientierung"

Denn auf sie wird es ankommen: in einer ersten Ausschreibungsrunde werden Mediziner gesucht, die gemeinsam ein Primärversorgungszentrum an ausgewählten Standorten eröffnen. Finden sich keine Mediziner, werden in einer zweiten Ausschreibung auch andere Investoren eingeladen, ein Zentrum zu eröffnen. Und das ist genau jener Punkt, den auch die Ärztekammer massiv kritisiert: Sie befürchtet eine Kommerzialisierung und Profitorientierung der medizinischen Versorgung. Das sieht auch Mayerhofer kritisch, sieht aber die Lösung darin, den Widerstand gegen diese Zentren aufzugeben und stattdessen dafür zu sorgen, dass sie durch Mediziner selbst geschaffen werden. "Die Kassenmedizin muss selbstbewusst auftreten und sich für eine solidarische Primärversorgung einsetzen."

Die zweite Befürchtung der Ärztekammer will Mayrhofer auch nicht ganz gelten lassen - nämlich, dass die Primärversorgungszentren den anderen praktischen Ärzten die Patienten wegnehmen. "Wir haben immer wieder Untersuchung dazu gemacht und jedes mal hat sich gezeigt, dass wir niemanden Patienten wegnehmen, sondern ein wichtiger medizinischer Versorger für den 6. und 7. Bezirk sind", so Mayrhofer. Ob es bald auch einen derartigen medizinischen Nahversorger im achten Bezirk geben wird, wird sich noch zeigen - die Zuständigen können jedenfalls schon mit der Kontaktaufnahme durch Bezirksvorsteherin Mickel-Göttfert rechnen.
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