20.10.2014, 13:44 Uhr

Ein Schmäh-Bruder labt sich am Intoleranz-Buffet

Schmähbruder Erwin Steinhauer (Foto: Josefstadt)
Der Erwin Steinhauer ist so etwas wie ein Schmähbruder. Was macht also ein “linker“ Schmähbruder, der mit den Sozis hierzulande nix (mehr) am Hut hat - das wissen wir seit seinem legendären Programm „Freundschaft“ - auf einem dekadenten Schiff? Das lässt sich leicht beantworten. Typisch für Steinhauer: gehobenen Unfug treiben. Mit einem Luxuskreuzer landet er auf einer karibischen Insel.

Der Entertainer lässt listig die imaginären Puppen tanzen, zieht über die Schwächen von uns allen her, wobei er aus seinem Innersten keine Mördergrube macht und auch Selbstkritik übt - aber nicht so wie in China. Sein Sohn Matthias Franz Stein, selbst Schauspieler an der Josefstadt, könnte sicher mehr dazu sagen. Steinhauer sen. ist der Kasperl der Hochkultur, dem man mit Genuss und Schadenfreude zuhört.

Premiere in den Kammerspielen: Ein Team um Steinhauer legt sich die „Hand auf Herz“. Man ahnt bereits Hinterfotziges. Der wandlungsfähige Schauspieler greift sich aber nicht nur ans Herz, sondern wetzt vorzüglich sein Maul über alltägliche Zustände, die auch auf einem Boot passieren. Sein Windjammer überträgt sich auf die Rettungsübungen, an denen alle teilnehmen müssen. Wirklich alle, sowohl die von der Holzklasse ohne Sonnenlicht – ja das gibt’s auf einem Schiff auch – als auch die Suiten-Mieter. Laut Steinhauer funktioniert das im Ernstfall so: Die von den unteren Deckklassen bilden eine Rettungsgasse, damit die „G’stopften“ (die in großer Anzahl im Publikum sitzen) ungehindert in die Boote gelangen. Für die Underdogs bleiben die orangenen Ringe, die ausdrücklich nicht von der SVA gesponsert sind, als Rettungsanker. (Die Ähnlichkeit zum Untergang der Costa Concordia ist rein zufällig). Wäre Steinhauer etwas jünger, könnte man ihn – ohne einen gerichtlichen Verweis zu erhalten - als Grätzn bezeichnen. So aber darf er in der Dependance der Josefstadt sein süffisantes Unwesen treiben. Im smarten, orangenen Smoking – fast könnte man meinen, er sei der Boss eines zwielichtigen Pornoschuppens - denkt er öffentlich nach, ob man den Piefkes neben Gesichtspflege, Massagen unter freien Himmel - thailändisch natürlich - und Kochkursen gleich einen Deutschkurs verordnen soll. Aber er lässt auch seine Landsleute nicht ungeschoren davonkommen. Steinhauer lästert über die „L“ der Meidlinger und die „Ö“ der Ottakringer - die Migranten der Wiener Sprache. Er tut das mit Charme und Augenzwinkern, unschuldig, wie ein geläuterter Strizzi - Entertainment pur. Wenn Steinhauer zur Gitarre greift, ist Feuer am Dach des Vergnügens angesagt. Der Schnauzer wiegt sich im Takt und schäkert mit Steinhauers vollschlankem Körper zum Gaudium der Seitenblicke-Gemeinde. Und Steinhauer denkt sich seinen Teil dabei. Glaube ich.

Der Steinhauer muss auf einem Kreuzfahrtschiff gewesen sein, sonst könnte er nicht so authentisch über das Bootsleben seinen Spott treiben. „Solchene Sachen lassen sich nicht erfinden, nicht einmal von unserem Etablissement“ war ein Stehsatz im „Gugelhupf“, der Sonntagmorgen-Sendung auf Ö1. Der geniale Jörg Mauthe, ein Vorfahre von Saboteuren des Alltäglichen, hatte damit ein Patent über die Unzulänglichkeit der Gesellschaft geschaffen.
Und was sonst noch im Programm der Steinhauer-Combo (mit Georg Graf, Joe Pinkl, Peter Rosmanith) passiert, das, liebe Leser, sehen Sie bitte gefälligst selbst an.

Nach dem heftigen Schlussapplaus gehe ich auf die vom Regen gezeichnete Straße. Bei Zanoni schlecken Menschen noch Outdoor-Eis, gegenüber im Fratelli trinken Spätesser einen Chianti statt eines Frascati, der wohl zu Penne all‘arrabbiata besser passt. Beim Steffl stinken die Rossknödel zum Himmel. Die Kehrmaschine verteilt den ländlichen Geruch im Ersten, und man denkt, was wohl Frau Stenzel unternehmen wird, um ihre Wählerschaft bei Laune zu halten. Auf der Südost herrscht noch heftiger Verkehr. Die Mannschaft von zwei Funkstreifen labt sich an einer Tankstelle, die sie plötzlich mittels Blaulicht und unter Umgehung aller Verkehrsregeln verläßt. Man darf getrost annehmen, dass sie nicht zur Verbrecherjagd aufbrechen, sondern in raschem Tempo zum Kommissariat fahren, damit die Würsteln nicht kalt werden. Willkommen in Wien.

Next: 21.10., 19,30. Auch sehenswert: „Ziemlich beste Freunde“ und „Ladies Night“

Infos und Tickets: www.josefstadt.org
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