Episoden aus meinem Leben - Pfeifenrauch

Episoden aus meinem Leben

7. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel

Es ist möglich, mit diesem Link die früheren Splitter nachzulesen.

Ich rauche nicht. Natürlich fällt mir das momentan leicht, weil ich in einem klösterlichen Internat aufwachse, wo Rauchen - zumindest für die 'Juvenisten', die Schützlinge dieser Institution - verpönt ist. Die Patres, ob sie nun unsere Vorgesetzten sind oder nicht, brauchen sich nicht mehr an solche Richtlinien zu halten. Aber mir fällt diese Abstinenz auch leicht. Ich brauche mich nicht über dieses Verbot hinwegzusetzen, ich mache das wett beim Überschreiten anderen Tabus.

Eine der Vorgaben für uns Internats-Zöglinge lautet nämlich, jeden Kontakt zum weiblichen Geschlecht zu meiden. Ich aber sitze nicht nur ganz nahe bei den einzigen beiden Mädchen in unserer Klasse, sondern habe auch einen ganz persönlichen Sport für mich entwickelt. Derzeit ist bei den Frauen Mode, auffällige unifarbene Strümpfe in Rot, Grün, Blau zu tragen. Ich zähle sie alle auf meinem Schulweg: jeden Tag etwa fünf bis neun oder zehn Mädchen, nicht Mädchenbeine. Muss ich da noch gegen das Verbot des Rauchens verstoßen?

Ich maturiere, genieße meine letzten Ferien vor der Einkleidung in den Servitenorden, aber ich komme nicht einmal in Versuchung, mit dem Rauchen zu beginnen.

Im Noviziat, dem ersten Jahr nach dem Ordenseintritt, ist an solche Gelüste gar nicht zu denken, denn man ist viel zu sehr durch die ständige Verpflichtung zum Gebet und durch die Konzentration auf die Meditation davon abgelenkt. Welch eine positive Nebenerscheinung!

Brenzliger wird das Thema erst, als ich - bereits längere Zeit in einem Italienischen Kloster sesshaft geworden, jedoch immer noch des Rauchens unkundig - meinen Urlaub in einem kleinen österreichischen Kloster verbringe, wo der Zwang zum Einhalten der Ordensregeln nicht so unmittelbar spürbar ist.

Einer meiner Mitbrüder, der gerade eben die Priesterweihe empfangen hat, bedrängt mich, es doch einmal zu versuchen. Veranlasst einerseits durch meine Sympathie für den Sinnesgenossen, andererseits durch die bisher unterdrückte Neugier nach dem Phänomen Rauchen, stimme ich zu. Es ist nämlich ohnehin keine gewöhnliche Zigarette, die er mir anbietet, sondern eine Zigarillo. Ich gehe es recht vorsichtig an und folge seinem Beispiel, den Rauch nicht tief einzuatmen, keinen sogenannten Lungenzug zu machen, weil man das bei Zigarillos eben nicht macht. Mein Widerstand ist abgeflaut und ich lasse mir noch einige Male solch ein "Probe-Exemplar" anbieten.

Der Bann ist gebrochen, aber zurück in Italien habe ich andere Sorgen. Trotzdem erzähle ich meinen Studienkollegen schon von meiner Erfahrung mit Zigarillos. Das ist ein Glück für mich, wie sich später herausstellen wird. Da der Generalprior des Ordens, der italienische Pater Alfonso Maria Montà gerade abdanken muss und anstatt seiner der Amerikaner Pater Joseph Maria Loftus angelobt wird, besucht dieser unsere italienischen Klöster, die ja sonst am ehesten Ressentiments gegen Amerikaner in dieser Position haben könnten.

In das piemontesische Saluzzo, wo ich stationiert bin, bringt er ein 'Zuckerl' mit und bietet uns eine handgerollte Zigarre an. Meine Gefährten habe mit so etwas noch keine Erfahrung gemacht, erinnern sich aber meiner Schilderung des Zigarillo-Abenteuers. Also bekomme ich eigenhändig aus der Hand des neuen Pater General eine solche hochwertige Zigarre, die jedes Experten-Herz höher schlagen lässt. Der wohlgetimte Genuss dieser Kostbarkeit gestaltet sich in meinen Augen phänomenal. Ich bin begeistert.

Pater Loftus - General-Priore nennt man eher nach ihrem Nachnamen und nicht wie sonst üblich mit dem Vornamen - ist nicht mehr da und sonst habe ich keine Quelle für solch ein veritables Genussmittel. Also werde ich wieder - zwar nicht aus Überzeugung, aber doch - zum Nichtraucher.

Erst nach meinem Austritt aus dem Kloster ändert sich die Sachlage. Zu all den anderen Gewohnheiten, die ich mir jetzt in meinem säkularen, weltlichen Leben aneigne, gehört auch das Rauchen, und zwar das Rauchen von Zigaretten. Aber Filterzigaretten schmecken mir nicht. Prompt entdecke ich, dass sie mir deswegen nicht schmecken, weil ich keine Lungenzüge mache. Also kaufe ich mir filterlose Zigaretten, wobei ich mich nach einiger Zeit über 'Players Navycut' auf 'Chesterfield' einpendle. Der Genussraucher ist endlich geboren.

Aber ist das wirklich der Genuss, den ich mir nach einer gewissen Erfahrung vom Rauchen erwarte? Ich versuche es wieder mit Zigarren, aber sie sind mir zu teuer, vor allem auch deswegen, weil sie nicht die Qualität zu bieten haben, die ich schon einmal erfahren durfte.

Auf der Suche nach Genuss pur findet sich ein Weg, der Zugang zur Pfeife. Meine diesbezügliche Unerfahrenheit versuche ich durch Informationen von anderen Pfeifenrauchern auszugleichen und natürlich durch Ausprobieren. Das Experimentierfeld beim Pfeifenrauchen ist riesig. Da gibt es Holzpfeifen aus verschiedenen Hölzern, zu unterschiedlichen Größen geschnitten, in unterschiedlichen Farbnuancen zwischen Braun und Schwarz, mit Lederüberzug oder ohne. Es gibt billige Pfeifen aus getrockneten Maiskolben, mit denen ich mich nicht wirklich anfreunden kann. Und es gibt teure aus Meerschaum und noch teurere aus Meerschaum mit kunstvoll geschnitzten Motiven zwischen fein ziselierten Mustern bis zu Piratenköpfen. Es gibt Pfeifen mit langen und kurzen, geschwungenen und geraden Mundstücken, mit und ohne Filter. Sicher kennen die Experten noch viel mehr Variationen.

Meine Pfeifentaschen, in denen neben dem Pfeifentabak zwischen fünf und sieben Pfeifen Platz haben, führe ich jetzt ständig bei mir. Apropos: bei den Pfeifentabaken tut sich ein noch viel größerer Bereich zum Gustieren auf: süß und herb, fein und grob, und vor allem geschmackvoll oder weniger geschmackvoll. Meine bevorzugten Sorten - wenn ich auch nicht alle Marken probiert habe - sind Radford-Tabake, insbesondere 'Sunday's Phantasy' (irgendwo muss ja die Suche ein Ende finden, sonst kommt man nicht zum Genießen).

Ich bin jetzt meinen Pfeifen so eng verbunden, dass sich meine Freunde und Kollegen den Egon gar nicht mehr ohne Pfeife vorstellen können. Selbst meine Kunden - in deren Firmenlokalen ich natürlich nicht rauche - werden sich dessen gewahr, dass Mr. Biechl oder Signor "Bi-eki" (wie es der italienischen Zunge geläufiger ist) oder Monsieur "Bischél" (wie ich in französisch sprechenden Landen genannt werde) zur Sorte der Pfeifenraucher gehört.

Natürlich sind die Vorbereitungen für das Qualmen einer Pfeife aufwendiger als jene für das Rauchen einer Zigarette, aber der unvergleichlich intensive Genuss entschädigt für all die Mehrarbeit und notwendige Aufmerksamkeit, keine Tabak-Brösel zu verstreuen.

Selbstverständlich weckt das Rauchen einer Pfeife - schon einmal durch die Vielfalt der Modelle - Interesse bei den Frauen, was ich zusätzlich ungemein genieße. Der herbe oder süßliche Duft, der beim Rauchen einer Pfeife verströmt, entzückt die Vertreterinnen des anderen Geschlechts noch viel mehr. Je attraktiver die Damen sind, desto mehr ergreift das Entzücken und die Aussicht auf Abenteuerliches auch mich.

Ich schätze die fortdauernden, variantenreichen Erlebnisse, die mir als Pfeifenraucher begegnen, sehr. Den Nicht- oder Zigarettenrauchern gehen diese Erfahrungen zwar nicht ab, aber damit wissen sie auch nicht, was ihnen dabei entgeht.

Als ich nach der Trennung von meiner Ehefrau damit beginne, ein gesünderes Leben anzupeilen, Diäten einzuhalten und im Zuge dieser Kasteiungen auch das Rauchen aufzugeben, widerfährt mir etwas ganz Besonderes. In dieser Periode - jetzt bin ich ja wieder (etwas) schlanker und fescher - lerne ich eine bezaubernde Frau kennen und lieben. Nach einigen Monaten kommt der Augenblick, der mir große Sorgen bereitet. "Du riechst nicht mehr so gut!", sagt sie und ich falle aus allen Wolken, bis ich glaube, den Grund dafür zu ahnen: "Ich habe aufgehört zu rauchen und zwar knapp bevor wir uns kennen gelernt haben." - "Könntest Du es nicht wieder einmal versuchen?" - Nichts lieber als das. Damit schlage ich zwei Fliegen auf einen Schlag: ich finde heraus, ob es tatsächlich die Abstinenz vom Rauchen oder Schlimmeres ist, was sich da zwischen uns gestellt hat, und ich habe einen extrem guten Grund, wieder meine Pfeifen zu genießen. - Jetzt "schmecke" ich meiner Geliebten wieder …

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