23.10.2017, 16:13 Uhr

Das Kramsacher Sühnekreuz

Das "Schwoagakreuz" in Kramsach (Foto: Norbert Wolf)

Eine geheimnisvolle Rarität – von Norbert Wolf.

Von der Bevölkerung meist unbeachtet, für Geschichtskenner und Heimatforscher allerdings ein Grund zum Verweilen, zum Nachdenken: Das Sühnekreuz im „Schwoagnfeld“, unweit der Kramsacher Eichensiedlung, Ortsteil „Badl“.
ühnekreuze sind steinerne Dokumente aus der Zeit des Mittelalters. Sie sind sichtbare Zeichen der damaligen Rechtssprechung bei Blutsverbrechen. Einerseits zur Buße des Straftäters und zur ewigen Erinnerung an die Schandtat, andererseits auch zum Seelenheil des Getöteten. Sühnekreuze stehen meist einsam an Wald- oder Feldwegen. Oft geheimnisvoll, rätselhaft, mitunter sogar mit einer schaurigen Legende behaftet. Sühnekreuze versinnbildlichen oft das Gefühl des Unheimlichen. Aus alten Überlieferungen weiß man, dass man diesen Denkmälern oftmals eine gewisse Scheu entgegenbrachte. Vor allem zur Nachtzeit mied man sie. Man machte um sie oft einen großen Umweg. Viele Leute meiden sogar den Gang bei Dunkelheit über den Friedhof.

Ein Sühnekreuz von seinem Standort wegzubringen bedeutete Unglück. Dem Landwirt oder Besitzer des Grundstücks prophezeite man, dass Unwetter seine Ernte vernichte, sein Vieh im Stall sterbe oder anderes Unheil über ihn komme. Heute weiß man, dass diese Legenden Ausfluss und Verknüpfung von heidnischem, mystischem und christlichem Gedankengut waren. Zur Zeit der Säkularisation wurden viele Sühnekreuze vergraben. Über diese Denkmäler hat sich schon lange der Schleier der Vergessenheit gesenkt.
In den letzten Jahrzehnten standen diese Sühnekreuze „oftmals im Weg“ der landwirtschaftlichen Nutzung, der Flurbereinigungen, der Grundzusammenlegungen und meist der Unvernunft, dem Fehlen des Kulturgedankens.
Leider gibt es keine Hinweise, welche Umstände zur Errichtung des Kramsacher Sühnekreuzes führten. Es ist anzunehmen, dass dieses Sühnekreuz möglicherweise erst zu späterer Zeit zum heutigen Standort gebracht wurde, denn noch vor rund 170 Jahren war an dieser Stelle Auwald und Überschwemmungsgebiet. Seit Generationen dient dieses Kreuz als Grenzmarkierung.
Der besonders geschichtsinteressierte Grundstückseigentümer Rupert Deparde weiß dieses aus Kramsacher Marmor gemeißelte Kreuz schon seit seiner Kindheit. Auch seine verstorbenen Eltern und Großeltern sprachen immer davon, dass dieses Kreuz immer an der gleichen Stelle stand.
Rupert Depardes Vater erzählte immer, dass an dieser Stelle möglicherweise jemand begraben wurde. Nach dem 2. Weltkrieg ließ er diesen geheimnisvollen Platz mit einem Metallsuchgerät überprüfen. Allerdings ohne Erfolg. Man vermutet, dass mit dem Toten auch irgendwelche Metallgegenstände eingegraben worden sind.
Auch der verstorbene Rattenberger Stadtchronist Ing. Friedrich Stops konnte das Geheimnis um dieses Sühnekreuz nicht lüften. Dass dieses Kreuz für den damaligen aufsehenerregenden Justizmord von Kanzler Bienner errichtet wurde, schloss Stops nicht aus. Beweise hierzu gibt es allerdings nicht, wenngleich einige Umstände dafür sprechen. Ob es sich beim „Schwoagenkreuz“ um jenes handelt, das einst am Westeingang von Rattenberg stand und um Mitte des 19. Jahrhunderts dem Bahnbau weichen musste, kann heute niemand mehr sagen. Auch in alten Aufzeichnungen konnte bisher nichts gefunden werden.
Dass dieses Sühnekreuz für die Nachwelt erhalten blieb, ist vor allem dem Grundstückseigentümer Rupert Deparde und seinen Vorfahren zu danken.


Damals

Stöbern in den Archiven und unserer Geschichte auf der Spur sein ist eine interessante und spannende Aufgabe. Wir versuchen, Kurioses und Wissenswertes aus der Geschichte der Region zu finden und für Sie aufzuarbeiten.
In dieser Ausgabe erhielten wir Unterstützung von Norbert Wolf aus Radfeld.
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