Auszug aus "Unglaubliche Luftfahrtgeschichten"
Die misslungene Andockpremiere
- hochgeladen von Gerhard Gruber
Wir schrieben das Jahr 1988 und wir freuten uns auf die Fertigstellung des ersten Piers am Flughafen Wien. Erstmals hatten Passagiere die Gelegenheit, mittels einer Passagierbrücke wettersicher in das Terminal zu kommen. Schon Monate zuvor gab es umfangreiche Trainings der Brückenfahrer, um ein reibungsloses Andocken sicherzustellen.
Großes Augenmerk wurde auf die Kalibrierung des Andocksystems gelegt. Dieses zeigt dem Piloten den genauen Stopppunkt beim Zurollen an. Er muss nahezu auf den Zentimeter getroffen werden. Wenn nicht, besteht die Gefahr einer Kollision mit einem Hindernis oder die Brücke erreicht aufgrund ihrer Begrenzungen die Flugzeugtüre nicht.
Am 17. April 1988 war der große Tag, und als erstes Flugzeug erwarteten wir eine MD-80 von Austrian Airlines. Sofort nach dem Einrollen fuhr der Brückenfahrer los, traf aber die Flugzeugtüre nicht. Auch mehrere Versuche blieben ergebnislos. Die Brücke schaltete immer wieder ab, vermutlich, weil der Pilot zu weit nach vorn gerollt war.
Durch die Abstellposition am Pier war logischerweise auch kein Passagierbus vor Ort, damit waren die Passagiere vorerst im Flugzeug gefangen. Eine rasche Lösung war gefragt, dies auch deshalb, weil ja bereits die nächsten Passagiere im Gate warteten und über die Passagierbrücke einsteigen wollten.
Wir entschieden, einen Pushback-Traktor zu rufen, um das Flugzeug wieder etwas zurückzuschieben. Das Ganze dauerte einige Minuten, in denen mich der Kapitän aus dem Cockpit fragend anschaute. Damit ich ihm unsere Entscheidung mitteilen kann, deutete ich ihm, er möge die Hecktreppe ausfahren, damit ich zu ihm ins Cockpit kommen kann.
Ich hatte während meiner 45-jährigen Dienstzeit am Flughafen das Glück, wenig Fehler zu machen, aber dies war ein Fehler, und zwar ein riesengroßer. Das Flugzeug war voll mit Passagier, welche nicht nur im Mittelgang standen, sondern aufgrund der Verzögerung bereits mehr als wütend waren. Die Distanz zum Cockpit erschien mir endlos, und während des Durchkämpfens durch die Passagiere sahen sie in mir die personifizierte Ursache des Problems. Die verbalen Angriffe waren heftig und nicht enden wollend. Ich war froh, das Cockpit zu erreichen und die Tür schließen zu können.
Mit meinen Informationen konnte der Kapitän mit einer Durchsage die Passagiere etwas beruhigen. Nachdem der Pushback-Traktor das Flugzeug etwas zurückgeschoben hatte, konnte die Passagierbrücke andocken. Erst als der letzte Passagier das Flugzeug verließ, kam auch ich aus dem Cockpit wieder heraus.
Es gibt von diesem denkwürdigen Tag ein Video
https://youtu.be/4P_3P6603g0
Zu den Fotos:
Der Pier Ost im Jahr 1988.
Bei der Verfahrensplanung für den neuen Pier.
Die Eröffnung mit Herbert Lindner, Kurt Urbanec, Karl Schleinzer und Alfred Greimel.
Der Pier Ost heute aus der Sicht des neuen Towers.
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