29.11.2016, 10:18 Uhr

"Die Luxuszeiten für den Handel sind vorbei"

War auf Einladung von Stadtmarketing-Chef Gerhard Angerer in Villach: der deutsche Städteforscher Frank Rehme

Der deutsche Städte-Forscher Frank Rehme war in Villach. Mit der WOCHE hat er über Villachs Probleme und Chancen als Handelsstandort in Zeiten von Amazon & Co. gesprochen.

VILLACH (kofi). Dieser Tage war Frank Rehme auf Einladung von Stadtmarketing-Chef Gerhard Angerer in Villach. Der deutsche Unternehmer beschäftigt sich unter anderem damit, wie Städte künftig gegen die Konkurrenz aus dem Internet als Handelsstandort bestehen können. Die WOCHE sprach mit ihm.

WOCHE: Haben Städte wie Villach gegen das Shopping-Portal Internet überhaupt eine Chance?

REHME: Natürlich! E-Commerce funktioniert nur über Bildschirm und Lautsprecher. Viele Menschen bevorzugen aber den direkten Kontakt – und wollen im Geschäft ums Eck einkaufen.

Zahlreiche stationäre Händler sehen das vermutlich nicht so optimistisch.

Weil es so wie bisher nicht weitergeht. Der Handel muss sich ändern. Das Einkaufen muss zu einer Freizeitgestaltung werden, zu einem Erlebnis.

Und wie?

Handel darf nicht mehr als Lagerraum von Ware verstanden werden. Es muss mehr passieren. Denken Sie an die TV-Werbespots, in denen uns angeboten wird, dass eine fremde Person für uns ein Paket mit Gewand zusammenstellt. Dieses kuratierte Einkaufen darf man nicht dem Internet überlassen, das ist die große Chance der Kaufleute.

Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Wenn Sie in ein Geschäft gehen, hören Sie vom Verkäufer oft: "Kann ich Ihnen helfen?" Das bedeutet: Ich bin hilflos. Aber niemand will hilflos sein! Völlig falsche Anrede. Besser wäre eine produktbezogene Gesprächseröffnung. Wenn die Kundschaft einen roten Pullover in die Hand nimmt, kann ich als Verkäufer sagen: "Das ist 100 Prozent Merino-Wolle. Aber ich würde Ihnen den blauen empfehlen. Der passt wunderbare zu ihren tollen Haaren." Dann ist man im Gespräch.

Also brauchen Verkäufer eine psychologische Ausbildung.

Ja, und eine bessere Bezahlung. Wer Peanuts zahlt, kriegt Monkeys. Ein alter Spruch, der stimmt.

Villachs Kaufleute wehren sich mehrheitlich gegen längere Öffnungszeiten im Sommer. Ist das klug?

Das, mit Verlaub, verstehe ich überhaupt nicht. Wenn Shopping zur Freizeitgestaltung werden muss, muss man auch dann offen haben, wenn die Menschen Freizeit haben: zum Beispiel am Abend. Wie man mit Nichtverfügbarkeit gegen den Rund-um-die-Uhr-Shop Internet bestehen will, weiß ich nicht.

Was denken Sie: Woher kommt diese Weigerung, länger offenzuhalten?

Weil es für viele Händler viele Jahre funktioniert hat. Aber diese Luxus-Zeiten sind vorbei. Der Kunde ist wie ein scheues Reh. Wenn er weg ist, ist er weg. Vielleicht für immer.

Wie beurteilen Sie Villach als Handelsstandort?

Es gibt, wie in jede Stadt, ein paar Problemzonen. Aber in Summe sehe ich Potenzial. Man muss sich halt jetzt viele Gedanken machen, wie es weitergehen soll. Womit ich als Fremder allerdings überfordert war: Das Parkleitsystem. Das ist in anderen Städten übersichtlicher.
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Mike Grabner aus Villach Land | 29.11.2016 | 15:44   Melden
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