25.11.2016, 13:31 Uhr

Vergessen: Das Leben mit Demenz

Monika Bauer
MATZENDORF-HÖLLES. An ihre Heirat und auch ihre Kinder kann sich Emma N. nicht mehr erinnern. Jeden Nachmittag sitzt sie im Wohnzimmer ihrer Tochter Christa und liest. An die gelesenen Zeilen fehlt ihr jegliche Erinnerung. Selbst das Verständnis für den Inhalt fehlt. Die 96-Jährige hat Demenz, Altersdemenz.
Demenz ist laut Definition „eine Minderung der geistigen Fähigkeiten, die schwerwiegend genug ist, um das tägliche Leben zu beeinträchtigen“. Emma zum Beispiel hat vergessen, wie man mit dem Besteck umgeht, wie man sich wäscht und auch wer sie ist. Sie plagen Halluzinationen.
Damit ist jeder Tag eine Herausforderung. Für sie und ihre Tochter Christa. "Alles ist weg. Doch hin und wieder gibt es kleine Blitzlichter, aber sie werden immer seltener. Das ist schon sehr schwer zu verkraften. Ich weiß oft nicht, was ich sagen oder tun soll", schildert Tochter Christa. Oft erkennt sie ihre eigene Tochter nicht mehr. "Das tut schon sehr weh. Mit den Jahren habe ich gelernt, mir das alles nicht mehr so zu Herzen zu nehmen."

Hilfe zulassen
Seit fast 10 Jahren leidet die Matzendorferin an Demenz. Dabei war die 96-Jährige bis zu ihrem 83. Lebensjahr noch im Turnverein aktiv. "Mit 87 wurde sie operiert. Das hat ihr viel von ihrer Substanz genommen. Da hat es angefangen. Es waren Kleinigkeiten. Die habe ich nicht so dramatisch genommen. Doch als sie sich nicht mehr gewaschen hat, wurde ich hellhörig", berichtet Christa.
Heute hat die 72-Jährige gelernt mit der Krankheit ihrer Mutter besser umzugehen. "Ich besuche eine Selbsthilfegruppe. Da werden Erfahrungen ausgetauscht. Das ist eine große Hilfe bei der Bewältigung des aufreibenden Alltag." Dazu setzt sie auf die professionelle Unterstützung des Hilfswerks. Dreimal die Woche stehen die Pflegerinnen vor der Tür und helfen. "Die Patienten zeigen sich oft uneinsichtig. Und das wird mit fortgeschrittenem Stadium immer schlimmer. Trotzdem darf man sie nicht bevormunden. Ihren Selbstwert nicht untergraben. Dazu sollte man auch Konfrontationen vermeiden. Lieber vom Thema ablenken. Wichtig sind bei Demenzerkrankungen Regeln, Ordnung und Muster. Das gibt ihnen Sicherheit", rät Monika Bauer, Demenzbeauftragte des Hilfswerks Piestingtal.

Fingerspitzengefühl
Mit Medikamenten, mit speziellem Gehirntraining und Ergotherapie lassen sich die Stadien der Demenz (siehe Kasten) hinauszögern. eine Heilung ist derzeit nicht möglich. "Demenzkranke entwickeln sich zurück zum Kind. Mit einer guten stadiengerechten Pflege kann man das Leben der Patienten trotz allem lebenswert gestalten. Doch die Pflege braucht ganz viel Fingerspitzengefühl", merkt Bauer an. Dabei fängt alles oft ganz harmlos an. "Beim Einkauf werden Dinge vergessen, man muss letztlich drei- bis viermal los, um alles beisammen zu haben. Man vergisst den Herd abzudrehen, den Kühlschrank zuzumachen. In der Waschmaschine landen Lebensmittel, in der Gefriertruhe Kleidung. Falls man derartiges entdeckt, sollten alle Alarmglocken schrillen und man sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen", empfiehlt Bauer und meint abschließend: "Was man auf gar keinen Fall vergessen sollte: Der Demenzkranke verliert nicht die Fähigkeit, Mensch zu sein."
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