30.09.2016, 02:53 Uhr

„Goethehof“

"Schrei 11:59 Uhr", 2016, Tusche auf Papier, 48 x 36cm; ©: Konstanze Sailer
Wien: Galerie Art-Court |

Kunstinitiative „Memory Gaps ::: Erinnerungslücken“ von Konstanze Sailer gedenkt NS-Opfern mit Ausstellungen in Wiener Straßen, die es geben sollte.

Montessori Kindergärten im Wiener Goethehof standen Goethe-Medaillen für NSDAP-Mitglieder wie Verzerrungen von Lebensverläufen durch die NS-Diktatur gegenüber.

Friedl Dicker-Brandeis (* 30. Juli 1898 in Wien; † 9. Oktober 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau) war eine österreichische Malerin, Innenarchitektin, Designerin und Bühnenbildnerin. Aus jüdisch-bürgerlichem Elternhaus stammend, studierte Friedl Dicker zunächst Grafik in Wien, später am Bauhaus in Weimar und war als Innenarchitektin in Wien erfolgreich tätig. 1934 wurde sie als Mitglied der Kommunistischen Partei verhaftet und emigrierte danach nach Prag, wo sie 1936 Pavel Brandeis ehelichte und die tschechische Staatsbürgerschaft annahm. 1938 zog sie mit ihrem Mann nach Hronov, nordöstlich von Prag. Das Ehepaar wurde verhaftet und am 17. Dez. 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Mit einem der letzten Zugtransporte von Theresienstadt nach Auschwitz wurde Friedl Dicker-Brandeis am 6. Oktober 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort kurz nach der Ankunft, am 9. Oktober 1944 ermordet.

Bis zum heutigen Tag existiert in Wien keine Straße, die ihren Namen trägt. Hingegen ist nach Hans Kloepfer seit 1955 nach wie vor eine Straße in Wien-Donaustadt benannt. Kloepfer war Arzt und Mundartdichter in der Steiermark, verherrlichte in zahlreichen Gedichten Hitler, war ab Mai 1938 NSDAP-Mitglied und Ehrenmitglied im Bund deutscher Schriftsteller, 1941 erhielt er die „Goethe‐Medaille“; Hitler und Goebbels ließen bei seinem Begräbnis 1944 Kränze niederlegen. Anstelle von Hans Kloepfer, nach dem 2016 immer noch einige Straßen in der Steiermark benannt sind und der nach wie vor Grazer Ehrenbürger ist, sollte künftig zumindest in Wien-Donaustadt an Friedl Dicker-Brandeis erinnert werden.

Die Kunstinitiative der Malerin Konstanze Sailer wird mit einer weiteren Ausstellung von Tuschen auf Papier in virtuellen Räumen eröffnet. Die Galerien befinden sich ausnahmslos in Straßen oder an Plätzen, die es nicht gibt, die es jedoch geben sollte: Solche mit Namen von Opfern der NS-Diktatur. Monat für Monat wird so das kollektive Gedächtnis erweitert. Monat für Monat werden damit Erinnerungslücken geschlossen.

Memory Gaps ::: Erinnerungslücken zeigen eine Auswahl aus tausenden Tuschen auf Papier aus zehn Jahren. Sie stellen Schreie und Aufschreie von Opfern dar. Zum schmerzerfüllten Aufschrei geöffnete Münder und Kiefer. Abstrakte Darstellungen von Schreien in Ghettos, Konzentrationslagern und NS-Tötungsanstalten – gemalte Erinnerungskultur. Seit drei Jahrzehnten arbeitet die aus Heidelberg stammende und in Wien lebende Künstlerin zu den Themen Antlitz, Schädel und Tod. Tusche auf Papier wurde als Technik gewählt, um der "Filigranität" jener „Papierfetzen“ nachzuempfinden, auf denen in Konzentrationslagern inhaftierte Künstler – zumeist im Geheimen – ihre Kunstwerke herstellten.

Zur Ausstellung von Memory Gaps ::: Erinnerungslücken
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