17.07.2016, 10:30 Uhr

"Raus mit der Kunst" aus dem Landesmuseum

Kristen Schwarz (Restauratorin Objekte), Meike Jokusch (Restauratorin Gemälde), Annette Lill-Rastern (Leiterin der Abteilung Sammlungsmanagement), Wolfgang Meighörner (Direktor der Tiroler Landesmuseen) und Katharina Walter (Leitung Besucherkommunikation)
INNSBRUCK/HALL (kr). Die Depots der Tiroler Landesmuseen platzen aus allen Nähten. In Hall entsteht aktuell ein neues Sammlungs- und Forschungszentrum (SFZ) mit 8.000 m² Depotfläche, das den gesamten Sammlungsbestand aufnehmen wird. Für die Übersiedelung in das neue Gebäude werden Millionen von Objekten für den Transport vorbereitet. Gemälde und Grafiken, Skulpturen, Kunstgegenstände, Musikinstrumente, archäologische Fundstücke und vieles mehr werden konserviert, geordnet und verpackt. „Raus mit der Kunst!“ gewährt Einblick in diese Arbeiten.

Ein Großteil des Sammlungsbestands der Tiroler Landesmuseen lagert derzeit an acht verschiedenen Standorten. Mit dem Bau des Sammlungs- und Forschungszentrums (SFZ) in Hall erhalten die Tiroler Landesmuseen ein zentrales Depot. „Neben der erstklassigen Bewahrung und restauratorischen Betreuung unserer wertvollen Objekte ermöglicht das Sammlungs- und Forschungszentrum das Erbringen von wichtigen Forschungsaufgaben“, so PD Dr. Wolfgang Meighörner, Direktor der Tiroler Landesmuseen, und fährt fort: „Das Projekt ‚Raus mit der Kunst!‘ zeigt auf, wie komplex die korrekte Lagerung unserer Kulturschätze ist und wie ein Umzug dieser Größenordnung vonstatten geht.“

Die Umzugsvorbereitungen

Der Umzug der Sammlungen nach Hall ist straff organisiert. Eine große Anzahl an Objekten muss in verhältnismäßig kurzer Zeit begutachtet und verpackt werden. Viele Kunstobjekte befinden sich schon jahrelang in den Depots. Mit der Zeit hat sich eine leichte Schmutzschicht auf der Oberfläche gebildet. Aber auch andere äußere Einflüsse haben ihre Spuren hinterlassen. Im Rahmen des Umzugs wird hauptsächlich eine Konservierung durchgeführt. Die Objekte werden gereinigt, gefestigt, stabilisiert und verpackt. Der aktuelle Zustand soll erhalten bleiben und sich während des Umzugs nicht verschlechtern. Dipl. Rest. (univ.) Annette Lill-Rastern, Leiterin der Abteilung Sammlungsmanagement, über das Projekt: „Uns ist es wichtig, den BesucherInnen zu zeigen, wie wir arbeiten und was unsere Aufgaben während dieses Umzugs sind. Unsere RestauratorInnen überlegen sich für jede Materialart eine objektschonende und stabile Verpackung, damit am Ende alle Objekte wohlbehalten im SFZ ankommen.“

Wie verpackt man Kunst?

Die Bandbreite der zu verpackenden Objekte reicht von fragilen Urnen bis hin zu massigen mittelalterlichen Skulpturen. Auf Paletten und teilweise in Kisten verpackt, präsentieren sich die Ausstellungsstücke. Sichtfenster in den Verpackungseinheiten erlauben einen Blick in das Innere und zeigen, welche Materialien für die Übersiedelung verwendet werden. Die Gegenstände werden von innen nach außen mit unterschiedlichen Materialien eingepackt. Die Materialschicht, die in direktem Kontakt mit der Oberfläche steht, hat andere Eigenschaften als die äußerste Schicht. Unmittelbar am Objekt wird darauf geachtet, dass das Material säure- und schadstofffrei, atmungsaktiv und staubabweisend ist. Je weiter außen, desto weniger spielen solche Eigenschaften eine Rolle. Die Verpackungsmaterialien, die für die Außenschicht verwendet werden, finden sich auch im nicht musealen Bereich wieder. Das sind beispielsweise Paletten, Stapelbehälter, Bücherkartons, etc. Für den Transport nach Hall müssen zerbrechliche und instabile Gegenstände stärker geschützt werden als robuste und feste. Es muss sichergestellt werden, dass die Objekte nicht feucht werden, sie aber trotzdem atmen können.

Fundstücke aus dem Depot

Nur ein Bruchteil der Sammlungsbestände kann ständig in den Schausammlungen und Sonderausstellungen der Häuser der Tiroler Landesmuseen präsentiert werden. Für den Umzug der Depots in das Sammlungs- und Forschungszentrum werden auch sonst nicht sichtbare Objekte begutachtet und transportfähig gemacht. In den beiden Ausstellungsräumen finden BesucherInnen eine kleine Auswahl dieser Kostbarkeiten, die normalerweise versteckt in den Depoträumen lagern. So werden z. B. gerollte Grafiken und Gemälde mit Rissen präsentiert, anhand derer veranschaulicht wird, wie schadhafte Bilder gelagert und restauriert werden. Ein präparierter Bartgeier der Naturwissenschaftlichen Sammlungen zeigt, wie naturwissenschaftliche Exponate übersiedelt werden. Aber auch Musikinstrumente, Statuen, Objekte aus der Archäologie u. v. m. sind in unterschiedlichen Stadien des Restaurierungs- und Verpackungsprozesses zu sehen. Dadurch ergeben sich im Ausstellungsraum neue Kombinationen. Unterschiedliche Objekte treten miteinander in Dialog.

Mitbestimmung

Einige Ausstellungsstücke in „Raus mit der Kunst!“ wechseln ständig. BesucherInnen können mitentscheiden, welche davon länger gezeigt werden und welche schneller wieder eingepackt werden. Mithilfe eines Bewertungssystems werden die Favoriten gekürt. Medaillen aus Pappe in Gold, Silber und Bronze wirft man in dafür vorgesehene Plexiglasbehälter und benotet so die Objekte. Auch im Hinblick auf die Neuaufstellung des Ferdinandeum wird dieses Ranking miteinbezogen. Wünsche und Anregungen für die Neugestaltung des Hauses können BesucherInnen auf einem Block notieren und abgeben.

Ausstellungsarchitektur

Die Ausstellungsarchitektur orientiert sich bewusst an den bei der Übersiedelung verwendeten Verpackungseinheiten. Ob Paletten oder Kisten, die Gestaltung greift auf, wie die Sammlungsbestände verpackt und transportiert werden. Bereits fertig gepackte Paletten mit Büsten, Figuren und Objekten aus Gips veranschaulichen, wie die Objektgruppen am neuen Standort in Hall verwaltet werden. Die Beschriftung der Paletten gibt Auskunft darüber, wo sie später einmal stehen werden. In einer Nische im unteren Ausstellungsraum ist ein Film zu sehen, in dem mittels Zeitraffer-Aufnahmen gezeigt wird, wie Kisten gepackt werden und welchen Umfang die Sammlungen der Tiroler Landesmuseen haben.


Das Sammlungs- und Forschungszentrum

Im oberen Ausstellungsbereich wird neben wechselnden Objekten auch die Entstehung des Sammlungs- und Forschungszentrums in Hall präsentiert. Das flache, niedrige Gebäude wird nach Plänen der Wiener Architekten Robert Diem und Erwin Stättner (franz zt gmbh) realisiert. Das aus dem 2013 ausgeschriebenen Architekturwettbewerb hervorgegangene Siegerprojekt gewährleistet optimale klimatische Bedingungen, da zwei der drei Geschoße in die Erde versenkt sind. Durch die Verwendung langlebiger Materialien ist ein ökologischer, nachhaltiger Betrieb möglich. Renderings und Pläne des neuen Depots geben eine Vorstellung davon, wie das SFZ aussehen soll. Der Innenausbau und die Fassadenarbeiten des SFZs sollen bis Jahresende abgeschlossen sein. Im Jänner 2017 erfolgt die Möblierung. Die Eröffnungsfeier ist im August 2017 geplant. Für die Übersiedelung des Sammlungsbestands sind rund vier Monate anzusetzen, die nach einem erfolgreichen Probebetrieb erfolgen soll. Die definitive Einlagerung der Bestände wird nach dem Bezug des SFZs weitere drei Jahre in Anspruch nehmen.
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