04.07.2016, 10:19 Uhr

'Freeman' Joe Kreissl drehte seine Runde durch's Lavandtal

Interview im Kärntner Dschungel.Teilweise ging es wirklich interessant und lustig zwischen den beiden zu.
Goding: Kärnten |

Normal ist für Johannes alias 'Joe' Kreissl schon lange nichts mehr. Die ständigen Hausbesuche der Polizei belasteten das Familienleben sehr, weswegen er nunmehr als einsamer Wolf durch die Landen zieht. Den Humor hat sich der mittlerweile 45-jährige Vater von drei Kindern davon allerdings nicht nehmen lassen, wenn auch dahinter schmerzende Wunden eines fühlenden Herzens verborgen liegen. Als Freeman war Joe bereits eine Menge herumgereist und hat viele Vorträge und Interviews gegeben. Dabei zog es ihn von der Barbara Karlich-Show in Wien bis in den Norden Deutschlands zu Jo Conrad und seinem Bewußt-TV. Als ich hörte, daß er demnächst auf der Koralpe in Kärnten einen Vortrag halten wird nahm ich die Gelegenheit wahr, um diesen außergewöhnlichen Mann einmal persönlich kennen zu lernen.

Aussteigerflair bei Open Air
In Goding begegneten wir uns vor einer idyllisch gelegenen, urigen Blockhütte, mit direktem Blick auf die Wetterstation des Speick-Kogels. Es war ein herrlich heißer Sommertag und die Sonne heizte vom strahlend blauen Himmel zwischen ein paar Cumuluswolken eingebettet auf uns herab.
Die Atmosphäre hatte von Anfang an etwas Legerhaftes und Aussteigermäßiges. Sepp, ein Pensionist und der Eigentümer der Hütte, wartete sofort mit einer außergewöhnlichen, selbstgemachten Bio-Rollade einer Freundin auf, deren Kern eine ganze Banane war - also, der Kern von der Rollade, nicht von der Freundin.
Hier sehen wir bereits, wie anfällig Sprache für Mißverständnisse und Verwechslungen ist, wenn man sie nicht sorgfältig verwendet. Sprache ist auch das täglich Brot von Joe. Vor seinem Vortrag am Abend kam ich in das Vergnügen, in eigener Sache vor laufender Kamera einige Fragen mit dem großen Joe Kreissl zu erörtern, der selbst nur 1,69 m mißt. Was sich etwas schwierig gestaltete, denn ich kannte ihn zu diesem Zeitpunkt erst eine halbe Stunde. Obwohl die Sonne uns den Schweiß in die Augen drückte, wurden Joe und ich irgendwie nicht richtig warm.

Link zum Interview
Vorspann und Gespräch mit Freeman Joe Kreissl

Der Staat und sein Recht
Joe Kreissl hätte zum letzten Satz meines ersten Absatzes sicher wieder etwas einzuwenden gehabt, denn: Persönlich kennenlernen kann man einen Menschen nicht, nur eine Person.
Auch bei seinem Vortrag in der Godinerhütte zerlegte er vor etwa 40 Zuhörern wieder ein Wort nach dem anderen - und Sie gehen recht in der Annahme, daß das auch bei mir nach kürzester Zeit einige Sicherungen fallen hat lassen.
Was im ersten Moment wie eine lästige Haarspalterei aussieht, macht für Joe einen großen Unterschied, vor allem dann, wenn der Staat seine eigene, festgelegte Definition von Worten kennt. "Für den Staat ist es sehr wohl wichtig, ob ich mich als Mensch oder Person verstehe, denn das Recht der Person und ihres Namens obliegt dem Staat. Für Menschen sind er und seine Organe nicht zuständig." Ich frage Joe, ob er mit seinen teilweise komplizierten Wortspielen und -herleitungen nicht viele Menschen verwirrt und demotiviert, die dadurch wieder abspringen. "Du hast schon recht, das stimmt. Ich bin für jene da, die sich damit befassen und aussteigen wollen. Die anderen sind eben noch nicht bereit dazu."

"In diesem System ist es keine Schande, ein 'Systemversager' zu sein."


Freiheit beginnt im Herzen
Viele Polizisten durften bereits in den Genuß dieser seltsamen, anarchisch anmutenden Feststellung kommen und sind nicht selten unvollrichteter Dinge frustriert wieder abgezogen. Einmal ist Joe allerdings schon für ein paar Tage 'gesessen'. Ob das ein Widerspruch für einen Freeman ist, frage ich. "Nein, Freeman beginnt im Herzen." Pikantes Detail am Rande: Für seinen Freiheitsentzug forderte Joe vom Staat 4,6 Mio. Euro Wiedergutmachung. Er ist aber den Polizisten und Staatsdienern nicht böse, "denn sie wissen nicht, was sie tun. Ich suche das Gespräch zu diesen Menschen um sie aufzuklären und es gibt einige, die sogar einsichtig, aber zu stark dem System verhaftet sind, um damit aufzuhören."
37 Jahre hat er selbst willfährig im System gelebt und mitgemacht. Weil die finanzielle Lage immer enger wurde, hatte er keine andere Wahl, als das System zu verlassen. "In diesem System ist es keine Schande, ein 'Systemversager' zu sein. Das System ist darauf ausgelegt, Verlierer zu erzeugen", sagte er als ich ihn fragte, ob sein Ausstieg als Freeman nicht eine billige Lösung und Ausflucht für das eigene Scheitern wäre. Jetzt lebt Joe von Spenden, Gönnern und vom Eintritt der Zuhörer seiner Vorträge, den er "Austritt" nennt. "Ich möchte, daß die Leute wissen wofür sie bezahlen und das können sie erst, wenn sie meinen Vortrag angehört haben. Deshalb verlange ich keinen Eintritt, sondern einen freiwilligen Austritt."

Joe als Aushängeschild der österreichischen Freeman-Bewegung
Viele Interviews wurden mit Joe bereits geführt. Der ORF berichtete mehrmals über die Freemen und selbst Barbara Karlich führte mit ihm in ihrer Show ein interessantes Gespräch. Mir verriet er nach unserem Interview: "I bin ma sicha, die Karlich steht auf mi. Und sie hot si von mir als anzigen zum Schluß verobschiedet."
Joe möchte mit seinen Auftritten vorzeigen, daß es nicht unbedingt so weitergehen muß wie bisher und daß ein Wandel möglich und notwendig ist. Allerdings liegt die Entscheidung im bestehenden System weiterhin mitzumachen bei jedem einzelnen selbst. "Jeder einzelne soll damit beginnen, bestimmte Normen zu hinterfragen, die für ihn schon als normal gelten. Das ist sehr schwierig, denn er kennt ja nichts Anderes als das, was ihm das System in der Schule und durch die Medien beigebracht hat." Joe will auch niemanden sagen, wie er die Welt zu sehen hat und wirbt auch niemanden als Mitglied an. "Freeman ist eine Lebenseinstellung, kein Verein dem man beitreten kann."
Durch die aufmerksamkeitserregenden Begegnungen mit der Exekutive und Justiz wurde Joes Name immer mehr zum Synonym der Freeman-Bewegung in Österreich. Wie er mit Angriffen gegen seine Person umgeht, will ich wissen. "Viele Vorwürfe sind für mich verständlich aus der Sicht meines Gegenübers, manche Etikette die man mir verpaßt hat, taten mir früher sehr weh, weil man mir damit die Chance genommen hat anderen zu erklären, was ich meine. Heute kann ich damit umgehen."

Nächster Termin steht schon fest
Am 22.7. findet in Graz im Rahmen der Ubuntu-Bewegung der nächste Besuch des Oberösterreiches in der Steiermark statt. Dort werde auch ich versuchen, gemeinsam mit Joe die Ursache für die anfänglichen Startschwierigkeiten auszuloten, um bei einem zweiten Interview das volle Potential dieses naturliebenden Energiebündels auszuschöpfen.

Eines zeichnet Joe in jedem Fall aus: Er ist auch abseits der Kamera genauso authentisch und lässig, wie man ihn von den Videos aus Youtube kennt.
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