30 Jahre Septembertheater in Kottingbrunn
Interview mit Anselm Lipgens, dem Regisseur und Autor des Jubiläumsstücks "Carmen"
- Gabriela Stockmann im Gespräch mit Anselm Lipgens.
- Foto: Christian Husar
- hochgeladen von Gabriela Stockmann
MeinBezirk: Zum 30. Mal jährt sich heuer das Kottingbrunner Septembertheater. Und es verspricht, außergewöhnlich zu werden…
Anselm Lipgens: Wir spielen „Carmen“. Aber nicht als Oper, wie sie den meisten bekannt ist. Sondern als Theaterstück, von mir geschrieben. Grundlage ist die Novelle von Prosper Mérimée (1803 – 1870), die zwar auch die Vorlage für das Libretto der Oper bildete, aber noch wesentlich mehr Inhalt liefert. Das Theaterstück „Carmen“ beim 30. Septembertheater ist also eine Welturaufführung.
Wie kann eine Novelle aus dem 19. Jahrhundert heute noch aktuell sein?
Es ist ein Merkmal großer Literatur, dass sie die richtigen Fragen stellt. In diesem Fall geht es zum Beispiel die Frage, wie es sein kann, dass Menschen, die sich lieben, bis zum Tod streiten. Allein heuer gab es nur in Kottingbrunn schon drei Femizide. Es geht darüber hinaus um die
Frage, wie viel Liebe mit kapitalistischem Besitzdenken zu tun hat. Und wie gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse Beziehungen prägen. Don José ist angesehener Soldat, Carmen ein einfaches Gitana-Mädchen. Kann das gut gehen? Das Publikum wird in meiner Version vieles aus der Oper wiedererkennen, aber auch viel Neues entdecken.
Premiere ist am 5. September. Die Leseproben haben schon Mitte Juni begonnen. Wie weit sind Sie als Regisseur von der Stunde 0 an eingebunden?
Ich versuche, den Schauspielern schon von Beginn an zu vermitteln, worum es geht und wo ich die Schwerpunkte setze. Denn das Verstehen vorab erleichtert das Lernen des Textes.
Kommt der Musik in Ihrer Schauspiel-Version eine Rolle zu?
Ja, und wie! Der Wiener Akkordeonist Nikola Zaric mit Wurzeln in Bosnien-Herzegowina wird dem Stück auch einiges Flamenco-Flair verleihen und die Schauspieler bestimmt zusätzlich inspirieren. Es wird toll, ich freue mich auf diese Zusammenarbeit.
Das Septembertheater in Kottingbrunn nimmt ja für sich in Anspruch, nicht bloß – wie Sie sagen – Schenkelklopferstücke zu bieten, sondern zum Nachdenken anzuregen. Unserer Zeit wird zunehmende Oberflächlichkeit nachgesagt. Wurde es über die Jahre schwieriger, anspruchsvolle Literatur in der heimischen Kulturwerkstatt zu etablieren?
Ich habe schon den Eindruck, dass sich die kulturellen Konsumgewohnheiten generell geändert haben. Das Publikum sucht vor allem Ablenkung und Unterhaltung. Das ist durchaus verständlich in so komplexen Zeiten wie diesen. Ich hoffe, dass der Titel „Carmen“ für unser heuriges Septembertheater so zieht, dass das Publikum voller Neugier kommt, um sich auf die fremden Lebenswelten von Don José und Carmen einzulassen und daraus auch Gewinn für das eigene Leben zieht.
Wer wird in den Hauptrollen zu erleben sein?
Selina Ströbele wird die Carmen geben. Sie ist in Kottingbrunn unter anderem schon aus „Der Mann von La Mancha“ bekannt. Unser Don José ist Max Fischnaller, derzeit aktuell in Soko Donau zu sehen. In Kottingbrunn war er schon als Higgins zu erleben. Darüber hinaus halten wir am bewährten Mix aus Profis und Amateuren fest.
Zur Person von Anselm Lipgens
Premiere der Welturaufführung „Carmen“ ist in Kottingbrunn am 5. September 2026. Anselm Lipgens hofft, dass seine Textversion auch auf weiteren Bühnen aufgeführt wird. Neue Theaterstücke sind bekanntlich immer gefragt. Lipgens führt seit knapp 20 Jahren Regie beim Septembertheater in Kottingbrunn. Er kennt die Kulturwerkstatt seit der Stunde 0 und begann hier als Schauspieler in der Rolle von „Faust“. Er ist außerdem Schauspieler und Regisseur sowie stellvertretender Leiter des Globe Berlin, wo die Shakespearsche Theatertradition gepflegt wird und aktuell ein kleiner Globe im typischen Holz-Rundbau der Shakespeare-Zeit nachgebaut wird.
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